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Meinolf Fritzen mit einem Triptichon von Franz Fritzen, es stammt vermutlich aus dem Jahr 1943.

Kunst

Kampf gegen den religiösen Kitsch: Der Maler Franz Fritzen wollte für das christliche Heim niveauvolles produzieren

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Der Künstler Franz Fritzen hat nach dem Krieg in Hofheim mit der Werkkunst zahlreichen Künstlern die Möglichkeit gegeben, wieder Fuß zu fassen. 1950 kam mit der Insolvenz das Ende.

Das kleine, frisch bei Ebay erstandene Wandkreuz weckt sofort das Interesse von Meinolf Fritzen, trägt es doch auf seiner Rückseite ein Gütesiegel, mit dessen Hintergründen sich der Pensionär gerade ausgiebig beschäftigt. „Hofheimer Werkkunst“ steht auf der Rückseite, die auch den Künstler verrät, der den Entwurf dafür gemacht hat. In diesem Fall ist es eine Künstlerin „Ah, Gertrud Scherer“, sagt Fritzen, sie war eine Mitbegründerin und das verwendete Material wurde in der Werkkunst erfunden.

Dass der 72-Jährige noch einmal so einen Kennerblick entwickeln würde, hat der frühere ZDF-Redakteur lange selbst nicht geahnt. Der Anstoß kam aus dem Hofheimer Stadtmuseum, wo gerade die Ausstellung „Malgründe – Hofheim als Motiv“ zurückführt in Jahrzehnte, in der das damals noch deutlich kleinere, unbedeutendere Taunusstädtchen eine Hoch-Zeit als Künstlerdomizil erlebte. Auch der Vater von Meinolf Fritzen, Franz Fritzen, ist in der Bilderschau mit einem Aquarell, das einen Flohmarkt vor der Türmchenzeile zeigt, vertreten. Dass er nicht nur selbst gemalt, sondern eben auch die Hofheimer Werkkunst begründet hat, ist bekannt. Viel weiß man bisher allerdings nicht über dieses Unternehmen.

Nachlass gesichtet

Museumsleiterin Dr. Eva Scheid hat daher Meinolf Fritzen für einen Vortrag über dieses Thema gewonnen. Der jüngere Sohn von Franz Fritzen ist nun seit Wochen dabei, das, was an Nachlass seines Vaters noch erhalten ist, zu sichten. Je tiefer er in die Beschäftigung mit Briefen, alten Katalogen, einem Tagebuch und eben auch Produkten aus der Hofheimer Werkkunst einsteigt, desto mehr packt ihn, was er da alles über seinen Vater, sein Denken und seine Arbeit erfährt. Ja, sagt er, er lerne ihn so im Grunde noch einmal ganz neu und intensiver kennen. „Er war mir lange nicht modern genug“, räumt Meinolf Fritzen ein.

In Koblenz hat Franz Fritzen 1912 das Licht der Welt erblickt. Einer zweijährigen Ausbildung zum Bühnenmaler folgten einige Jahre an der Frankfurter Kunstschule am Städel. Nur dank seines Förderers Paul Meyer-Speer, Experte für Farbordnung, -psychologie und Farbgestaltung (und von 1935 an Hofheimer), konnte Fritzen nach Ärger mit der Nazi-Hochschulführung seine Ausbildung als „Werkstudent“ weiterführen. Zu Meyer-Speers Aufträgen gehörte in jener Zeit die Restaurierung des Breslauer Domes, an der auch Fritzen beteiligt war.

In Frankfurt ausgebombt

Nachdem er 1935 endgültig von der Städelschule ausgeschlossen wurde, suchte sich Fritzen in Koblenz mit Gebrauchsgraphik über Wasser zu halten. „Vom örtlichen Propaganda-Leiter wurde eines seiner Theater-Plakate dann als entartet gebrandmarkt und überklebt“, weiß Fritzen. Es folgte ein Umzug nach Hofheim und eine erneute Phase der Kirchenrenovierungen. Sein Vater sei gleich mit Kriegsbeginn eingezogen worden, sagt Meinolf Fritzen. Mit seiner Frau Änne, die er 1939 geheiratet hatte, zog er nach Frankfurt, weil die Familie dort 1944 ausgebombt wurde, kam sie erneut nach Hofheim.

Schon im Krieg habe sein Vater den Plan gehabt, eine christliche Werkkunst zu begründen, sagt Fritzen. Möglicherweise habe ihm dieses Vorhaben Kraft gegeben. In Hofheim setzte er seine Idee in die Tat um. Inspiriert hatte ihn unter anderem die Werkbund-Bewegung, die auch für Gebrauchsgegenstände ein gutes Design anstrebte. Entsprechend wollte auch Franz Fritzen „für das christliche Heim und den liturgischen Gebrauch“, wie sein Sohn weiß, niveauvolles produzieren. Im Kampf gegen den religiösen Kitsch sei er mit dem damaligen Hofheimer Pfarrer Bellm sehr einig gewesen, sagt Meinolf Fritzen.

Mit der Hofheimer Werkkunst gab er vielen Künstlern, darunter auch so namhaften wie Heinz-Rudi Müller, nach dem Krieg die Möglichkeit, Fuß zu fassen und Geld zu verdienen. Wie Eva Scheid im aktuellen Ausstellungskatalog schreibt, war die Werkkunst schon bald „deutschlandweit bekannt und erfolgreich“. 1947 hatte sie 44 feste und zehn freie Mitarbeiter. Produktionsstätte war die ehemalige „Vorwärts“-Turnhalle in der Kurhausstraße. Auch die Gründung eines Verlags war beabsichtigt, doch sie sei am Papiermangel gescheitert, sagt Meinolf Fritzen.

Schon 1950 kam mit dem Konkurs das Ende der Hofheimer Werkkunst. Franz Fritzen verkaufte noch viele Jahre Werkkunst-Stücke in einem kleinen Laden in der Hauptstraße 31. Und nicht nur das bei Ebay gefundene Wandkreuz belegt, was Gründer Fritzen selbst in einem kleinen Katalog als Anspruch der Werkkunst formulierte: „Das Erbe einer großen und heiligen Vergangenheit in neuer Sprache (zu) bewahren.“

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