Inklusion

Kampf gegen den Schul-Ausschluss

  • schließen

Freistellung vom Unterricht – das hört sich harmlos an. Besser umschrieben wäre es mit: Rauswurf aus der Schule. Hochbegabte Kinder mit einer Autismusspektrumstörung überfordern oft Lehrer, Mitschüler, Ärzte und das Schulsystem.

Inklusion fordert die Schulen heraus. Sie sollen umsetzen, dass behinderte und nicht behinderte Kinder gemeinsam lernen. Prinzipiell ein guter Ansatz. In der Praxis gibt es da aber vielerlei Hürden, unter anderem, weil es nach wie vor an ausgebildeten Förderschullehrern mangelt, auch die Grundschulen mittlerweile über Lehrermangel klagen und weil Kinder heute generell mehr Aufmerksamkeit fordern und eine immer stärkere Differenzierung.

Einen Fall, in dem es so massive Probleme gab, dass die Mutter des betroffenen Kindes sich an diese Zeitung wandte, haben wir in diesem Frühjahr geschildert. „Vito“ hatten wir den Jungen genannt, der in Schwalbach vom Unterricht in einer Grundschule ausgeschlossen wurde. Bei Vito war eine Autismusspektrumstörung diagnostiziert worden. Deshalb hatte er einen Schulbegleiter. Immer, wenn dieser aus verschiedenen Gründen nicht in der Nähe war, kam es unter Vitos Beteiligung zu Zwischenfällen bis hin zu Prügelei und Körperverletzung. Das Schulamt sah daher eine Gefährdung der Mitschüler durch Vito. Allerdings gibt es sehr unterschiedliche Schilderungen darüber, wie es zu diesen Vorfällen kam.

Vito geht mittlerweile in ein Gymnasium in Mainz, außerhalb des hiesigen Schulamtsbezirks – wo er nach Auskunft seiner Mutter sehr glücklich ist. Doch es gibt offenbar eine Reihe weiterer Kinder – und Eltern – die ganz ähnliche Probleme haben. Deshalb hat sich jetzt eine Selbsthilfegruppe gegründet. Irina Scherbak (Eschborn) und Stefanie Wotta (Hofheim) wollen Eltern von Kindern mit Autismus so die Möglichkeit geben, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen.

Irina Scherbak engagiert sich nach eigenen Angaben schon sehr lange in diesem Bereich. Sie hat selbst zwei Kinder mit der Diagnose Autismusspektrumstörung und vielfältige Erfahrungen gemacht, wie schwierig und lang oft der Weg für Eltern ist, bis sie Sicherheit über die Art der Behinderung ihres Kindes haben. Das liege zum einen daran, dass Autismus bei Kindern nicht leicht sicher zu diagnostizieren sei, Kinderärzte aber häufig auch wenig über die Vielfalt der Erscheinungsformen wüssten, sagt Scherbak, die selbst Ärztin ist. Die Wartezeiten bei den Spezialisten sind erfahrungsgemäß sehr lang.

Besonders schwierig wird es, wenn Kinder mit Autismusspektrumsstörung gleichzeitig eine Hochbegabung haben. „Eine Förderschule mit Gymnasialzweig gibt es schließlich nicht“, sagt Irina Scherbak mit einem ironischen Lächeln. Nach ihrer Erfahrung sehen sich Regelschulen mit solchen Schülern aber nicht selten überfordert. Selbst wenn ein Schulbegleiter vom Jugendamt bewilligt werde, sei das leider keine Garantie, dass es nicht zu Problemen kommt – aus ganz unterschiedlichen Gründen.

Unwissen über den richtigen Umgang mit dem autistischen Schüler bei Lehrern und Klassenkameraden kann genauso dazu gehören wie eine generelle Überforderung durch zu viele Kinder in einer Klasse, die erhöhte Aufmerksamkeit brauchen. Die Folge sei nicht selten eine Freistellung von der Unterrichtspflicht, wie es bei Vito der Fall war. Dann werde verlangt, dass das Kind erst eine Therapie mache. „Autismus ist aber nicht heilbar“, sieht Scherbak hier falsche Vorstellungen hinter diesem Vorgehen. Wie die Mutter von Vito hat auch sie immer wieder gehört, möglicherweise sei ja ihre Erziehung das eigentliche Problem. . .

Nun gibt es an der Grundschule in Schwalbach, die auch Vito besucht hat, laut Scherbak einen weiteren Fall eines autistischen Kindes, in dem sie zu helfen versuche. Für sie ist die Freistellung keine Lösung, denn die betroffenen Kinder wollten gern zur Schule gehen, hätten ein Recht auf inklusive Beschulung und brauchten einen geregelten Alltag. Für ihre Eltern bedeute ein Unterrichtsausschluss zudem oft große Probleme für die eigene Berufstätigkeit.

Die „Selbsthilfegruppe Autismus MTK und Umgebung“ will Eltern unterstützen, die vor der Aufgabe stehen, ein autistisches Kind durch Kindergarten- und Schulzeit zu begleiten. Angesprochen sind aber auch erwachsene Autisten, die sich gern mit anderen Betroffenen austauschen möchten. Die Gruppe trifft sich immer am ersten Dienstag im Monat um 19 Uhr im Bürgerzentrum Niederhöchstadt, wo Irina Scherbak auf eigene Kosten einen Raum angemietet hat. Bis zu 25 Menschen kommen laut der Organisatorin bisher zu den Treffen. Vorab informieren kann man sich per E-Mail (selbsthilfegruppe_autismus_mtk@web.de), per Telefon unter 0 176-24 22 36 97 oder (0 61 96) 402 23 23.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare