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Jungs im Teenageralter wie Rufus leihen sich in den Bibliotheken am liebsten Bücher aus, die sie für die Schule benötigen.

Jugendliteratur

Kinder mögen Bücher zum Anfassen

Seit 1967 wird am 2. April, dem Geburtstag des dänischen Autors Hans Christian Andersen, der Internationale Kinderbuchtag begangen. Wir wollten wissen, wie sich der Markt und das Leseverhalten entwickelt haben. Besuche der Bibliotheken Kelkheim und Hofheim sowie der Bücherei Liederbach geben Einblicke.

„Bücher werden wieder sorgfältiger gemacht. Es ist im Trend vor allem hochwertige Bücher auf den Markt zu bringen.“, stellt Estrella Dey von der Stadtbibliothek Hofheim fest. Ihre Kollegen aus Kelkheim und Liederbach schließen sich dieser Aussage an. „Heutzutage sind Illustrationen ganz wichtig“, berichtet Sylvia Lauffer vom Liederbacher Bücherei-Team. „Für die Entscheidung, ob ein Buch ausgeliehen wird, kommt es unwahrscheinlich auf die Bilder an“. Das mache sich vor allem im Bereich der Bilderbücher und Comics bemerkbar, beides verzeichne eine große Nachfrage. „Früher waren Comics eher verpönt, heutzutage werden sie als ,Einstiegsbücher’ angesehen“, blickt Sylvia Lauffer auf die vergangenen Jahrzehnte zurück.

Überblick über die vielen Neuerscheinungen auf dem Kinder- und Jugendbuchmarkt sollen diverse Auszeichnungen, wie beispielsweise der Deutsche Jugendliteraturpreis, geben. „Bei der Buchauswahl wird natürlich auch auf Auszeichnungen geguckt. Wir bestellen alle Nominierten vom Deutschen Jugendliteraturpreis“, berichtet Estrella Dey. Denn die Erfahrung habe gezeigt, dass auch die Hofheimer Eltern auf Auszeichnungen und Neuerscheinungen achten.

Anders verhält es sich Kelkheim und Liederbach. Holger Winter und Sylvia Lauffer erzählen unabhängig voneinander: „Preise sind nicht das entscheidende Kriterium.“ Buchempfehlungen laufen in den Nachbarorten eher über Mundpropaganda. „Meiner Erfahrung nach, gibt es die Preise zwar, aber Auszeichnungen spielen bei der Wahl von Büchern keine allzu große Rolle. Mit Erwachsenen verhält sich das etwas anders. Aber Kinder und Jugendliche legen da keinen Wert darauf“, weiß der Kelkheimer Bibliotheksleiter. Eher verhalte es sich so, dass ausgezeichnete Bücher eher schlechter laufen. Daher sei es wichtig, auch bei Kindern und Jugendlichen nachzuhaken. Und hier lässt sich in allen drei Bibliotheken ein Trend herauslesen: Fantasy, Science-Fiction, Mythologie aber auch Thriller sind seit Jahren ein nicht endender Hype bei Jugendlichen.

Richtige Ausleihrenner bei kleineren Kindern sind daneben interaktive Bücher: „Der Bilderbuchbereich ist sehr gefragt. Vor allem interaktive Bücher, bei denen die Kinder das Gefühl haben, sie tun etwas – hier werden die Leser aktiv in die Geschichte mit einbezogen“, verrät Estrella Dey, denn „Bücher befinden sich in starker Konkurrenz zum Digitalen“. Auch die Kelkheimer Kinder sind scharf auf solche Bücher: „Kinder wollen etwas zum Anfassen und Mitmachen haben. Interaktive Bücher beziehen digitale und virtuelle Features mit ein“, so Holger Winter. Kinder werden somit aufgefordert ihren Alltag und ihre Erfahrungen mit einzubringen.

Doch interaktive Bücher können auch Nachteile mit sich ziehen: „Es besteht die Gefahr, dass Eltern die Bücher nutzen, um ihre Kinder zu beschäftigen“, sagt Sylvia Lauffer. „Es ist zudem auch festzustellen, dass generell immer weniger vorgelesen wird“, fügt sie hinzu. „Das ist sehr schade. Denn nur diejenigen, die in ihrer Kindheit viel vorgelesen bekommen, lesen hinter selbst gerne und viel.“

Auch die Verknüpfung mit

Film und Fernsehen

ist ausschlaggebend dafür, wie oft Bücher über die Ausleihtheke gehen: „Oftmals wollen Kinder das lesen, was im Fernsehen zu sehen ist“, sagt Sylvia Lauffer. „In vielen Kinderbüchern werden bekannte Figuren aufgegriffen“, so Estrella Dey. In den Regalen der Bibliotheken stehen daher auch eine Auswahl an Büchern der Filmreihen „Pokémon“, „Lego Ninjago“, „Minions“, „Die Eiskönigin“ und so ähnliche. Gleich daneben finden sich die „Klassiker“, von denen in den letzten Jahren auch einige verfilmt wurden (zum Beispiel Timm Thaler 2017, Die kleine Hexe 2018, Jim Knopf 2018). Die Popularität dieser Werke scheint nicht abzunehmen – oder doch? „Die ,Klassiker’ sind weiterhin beliebt. So etwa ,Harry Potter’, ,Das Sams’, ,Die kleine Hexe’. Vor allem im Vorlesebereich sind die Bücher stets aktuell“, berichtet Estrella Dey. „Das wird natürlich auch von den anderen Medien, wie

Film und Fernsehen

, gepusht.“ In Liederbach seien es eher die Eltern, die zu den bekannten Büchern greifen, erzählt Sylvia Lauffer. Auch hier seien im Vorlesebereich die klassischen Werke sehr beliebt. „Beispielsweise ,Pettersson und Findus’ läuft immer noch richtig gut.“ In Kelkheim verhalte es sich recht ähnlich, so Holger Winter. „Eltern verbinden mit diesen Büchern ihre eigene Kindheit“, stellt der Bibliotheksleiter fest.

Allerdings schwelgen Eltern nicht nur in eigenen Kindheitserinnerungen, wenn sie für ihre Kinder Lesestoff aussuchen: „Viele Eltern greifen meist zu Unterhaltungsliteratur. Aber eben nicht nur“, sagt Estrella Dey. „Auch der Zeitgeist wird mitgenommen. Das Aktuelle spiegelt sich auch in den Bilder- und Kinderbüchern wieder. Das, was die Erwachsenen beschäftigt, ist oft Thema im Kinderbuch.“ Und Sylvia Lauffer stellt fest: „Früher waren Bilderbücher nur zur reinen Unterhaltung da. Mittlerweile sind sie aber zu festen Informationsträgern geworden.“ Im Normalfall sei es aber nicht so, dass extrem problembeladene Bücher Einzug in die Kinderzimmer erhalten, sagt Holger Winter.

„Im Alter von 6 bis 8 sind es etwa 50 Prozent Jungs und 50 Prozent Mädchen, die kommen und Bücher ausleihen“, sagt Sylvia Lauffer. Ihr Kelkheimer Kollege kann dies nur bestätigen. Beide Bibliotheken ziehen das Fazit: Je älter die Kinder werden, desto eher verschiebt sich das Leseverhalten. Im Teenageralter seien es eher Mädchen, die lesen würden. Jungs hingegen kämen hauptsächlich, wenn es um die Schule oder eine Urlaubslektüre gehe. „Das ist aber auch von den einzelnen Städten abhängig.“

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