Yannick Schmitt und Jacqueline Konrad am Einsatzfahrzeug, das über die nötige Ausrüstung für die Ermittlungsarbeit vor Ort verfügt.
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Yannick Schmitt und Jacqueline Konrad am Einsatzfahrzeug, das über die nötige Ausrüstung für die Ermittlungsarbeit vor Ort verfügt.

Bei der Kripo in Hofheim

Einzelgänger gibt's nur in Fernsehkrimis

  • vonStephanie Kreuzer
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Die beiden jüngsten Beamten der Hofheimer Kripo kennen keine „typischen“ Tage. 

Hofheim – „Mit ,Alarm für Cobra 11' haben wir nicht so viele Überschneidungen“, lacht Jacqueline Konrad. Die 25-Jährige ist Kriminalkommissarin und sieht zumindest „beim ,Tatort' durchaus Parallelen zu unserer Arbeit.“ So würden auch sie, wie im beliebten Sonntagabend-Krimi der ARD, „solche Visualisierungen“ erstellen, „um einen Überblick zu bekommen, wer in welcher Beziehung zueinandersteht“. Jacqueline Konrad gehört seit einem knappen Jahr zur Regionalen Kriminalinspektion K 10 in Hofheim und ist dort im Sachgebiet 11 tätig - dazu zählen Todesermittlungsverfahren und Tötungsdelikte sowie Vermisstenfälle und Brände. Doch während sich die TV-Krimis zumeist darauf beschränken, einen Täter zu ermitteln, steht im „richtigen Leben“ danach noch viel Arbeit mehr an.

Bei der Kripo in Hofheim: Dokumentation gehört zur Arbeit

„Die ersten Tage sind natürlich super spannend, hektisch und spontan, aber der größere Teil für uns besteht darin, alles beweissicher zu dokumentieren. Bis es dann zu einem Gerichtsverfahren kommt, beschäftigen wir uns immer wieder mit der Akte, denn fortlaufend kommen neue Erkenntnisse hinzu“, beschreibt Konrads Kollege Yannick Schmitt das Spektrum seiner Tätigkeiten. „Diese ganze Schreibtischarbeit danach wird aber im Fernsehen nicht gezeigt und ist für Außenstehende kaum erkennbar.“

Die 15 Mitarbeiter des Kommissariats K 10 sind außerdem in den drei weiteren Sachgebieten Waffen und Raub, Sexualdelikte sowie Staatsschutz tätig und unterstützen sich bei größeren Lagen gegenseitig. Einen „typischen Tag“ gebe es dabei nicht, so Schmitt: „Generell arbeiten wir ja sehr situationsgebunden, und unsere Tätigkeit generiert sich aus dem, was am Vortag passiert ist oder aktuell anfällt. Beispielsweise sind wir nach einer Suizidankündigung oder einer Vermisstenmeldung damit beschäftigt, diese Person ausfindig zu machen, also quasi auch präventiv zu agieren und das Leben zu schützen.“ Auf die Zeit, die er und seine Kollegen hauptsächlich draußen unterwegs seien und „Action“ erleben, folge in etwa doppelt so viel Zeit, in der sie im Büro arbeiteten. „Wir müssen ja unter anderem Leute vernehmen, Berichte schreiben oder mit der Staatsanwaltschaft telefonieren.“

Die reinen Zahlen der Kriminalstatistik des Main-Taunus-Kreises für das vergangene Jahr beeindrucken jedenfalls: Alle zwölf „Straftaten gegen das Leben“, also die versuchten und vollendeten Tötungsdelikte, wurden aufgeklärt, ebenso 217 Vermisstenfälle. Die 157 „Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung“ wurden zu 87 Prozent aufgeklärt, von den 58 Raubdelikten waren es rund zwei Drittel.

Bei Vermisstenfällen lieber schnell zur Polizei

Dem 25 Jahre alten Polizeikommissar Schmitt ist dabei eines wichtig: „Wenn man sich Sorgen macht, weil ein Angehöriger oder Bekannter vermisst wird oder vielleicht in Not ist, sollte man auf keinen Fall diese oft kolportierten 24 Stunden warten, sondern direkt zur Polizei gehen. Denn unsere Kollegen können am besten beurteilen, ob und wie man tätig wird und wann welche Maßnahmen Priorität haben.“ Häufig würden sich Fälle, wie das Kind, das sich verlaufen hat, oder ein dementer Senior, der auf dem Nachhauseweg falsch abgebogen ist, schon in den ersten Stunden klären.

Mit ihrem Beruf hat sich für beide Nachwuchskräfte ein Lebenstraum erfüllt. Während Konrad in Wiesbaden das Kriminalpolizeiliche Studium absolvierte, war es bei Schmitt der Schutzpolizeiliche Studiengang, doch auch er startete - vor gut drei Jahren - direkt bei der Kriminalpolizei: „Man muss sich nicht, wie häufig im Fernsehen dargestellt, von der Streife zum Ermittler hocharbeiten, denn beide Ausbildungen sind komplett gleichwertig. Im Alltag konkurriert man nicht miteinander, sondern arbeitet häufig Hand in Hand, je nach Funktion. Grundsätzlich stehen einem alle Karrierewege offen, und wer eine andere Facette innerhalb der Polizei ausprobieren will, wird nicht gebremst, sondern gefördert.“

Deutlich wird, dass alle Kommissare gerne abwechslungsreich arbeiten und viel Flexibilität mitbringen. „Natürlich ist auch ein gewisses Fingerspitzengefühl gefordert“, betont Konrad. Nur „tough“ zu sein, sei eher kontraproduktiv: „Wir sind den Angehörigen gegenüber durchaus einfühlsam, aber können die Distanz wahren.“ Es geht um „situationsangepasste Empathie“, fasst es Schmitt zusammen, „also wir müssen verstehen, wie es den Leuten geht, aber es darf uns im Nachhinein nicht belasten“. Darüber, wie seine Berufsgruppe in TV-Krimis gezeigt wird, kann er nur schmunzeln: „Gerade diese Einzelgänger-Typen, die sich profilieren, gibt es hier überhaupt nicht. Das ist generell eine Teamarbeit! Wir fahren immer mindestens zu zweit in einen Einsatz, denn vier Augen übersehen selten was. Generell unterstützt jeder jeden, und alle bringen ihre Ideen und Erkenntnisse ein, um neue Ermittlungsansätze zu gewinnen.“ Automatisch gebe es auch eine Art Qualitätssicherung, da die erfahreneren Beamten ihren Kollegen mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Den Umgang mit Toten darf man nicht scheuen

Schon während des Praktikums hatten die beiden Jüngsten im Team die Chance, ihren heutigen Arbeitsbereich kennenzulernen - und den Umgang mit Toten. „Am Anfang ist das natürlich etwas nicht Alltägliches, gerade auch je nach Zustand der Leiche. Aber wir dürfen da keine Berührungsängste haben, und letztlich gewöhnt man sich an alles“, weiß Schmitt. Seine Eindrücke nimmt er jedenfalls nicht mit nach Hause: „Ich ziehe einen klaren Schnitt, kann Privates und Berufliches gut voneinander trennen.“

Dass ihm trotzdem manche Fälle und Schicksale besonders nahegehen, will er gar nicht leugnen: „Gerade erweiterte Suizide, bei denen ein Mensch jemanden in den Tod mitnimmt, der das für sich nicht entschieden hat, oder wenn ein Jugendlicher sein Leben beendet, bleiben mir in Erinnerung. Ebenso wie alle Tötungsdelikte, mit denen man zwangsläufig länger und intensiver beschäftigt ist.“

Wer Gesprächsbedarf hat, kann sich an einen psychosozial geschulten Kollegen wenden, und innerhalb des Kommissariats wird sowieso viel miteinander geredet. „Wir haben ja ein gutes Verständnis füreinander und tauschen uns intensiv aus. Niemand frisst etwas in sich rein.“

Immerhin haben beide so viel Freude an ihrer aktuellen Tätigkeit, dass sie auf absehbare Zeit weiter als Ermittler in ihrem Sachgebiet tätig sein wollen. Yannick Schmitt, in Kriftel aufgewachsen, könnte auch eine Großstadt nicht reizen: „Hier ist alles kleiner und familiärer, und der Umgang mit den Bürgern ist sehr angenehm, man hat zu allen mehr Kontakt.“ Stephanie Kreuzer

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