+
Eine Viertelstunde lang läuteten gestern Abend auch die Glocken von St. Peter und Paul.

Weltfriedenstag

Das Läuten, das kaum einem auffällt

  • schließen

Eine Viertelstunde lang läuteten gestern Abend die Glocken. Die wenigsten Leute wussten damit was anzufangen.

Mit Energy-Drink und Chips haben sich die beiden Jungs auf den Treppenstufen vorm Hofheimer Wasserschloss niedergelassen und warten auf ihre Freunde. Gleich noch ein bisschen Reden, Quatschmachen, Zocken. Das, was 14-Jährige gerne am Freitagabend machen. Warum die Glocken an der nahen Kirche um 18 Uhr läuten, wissen sie nicht, finden den Grund dann aber ganz cool.

Europaweit hatten am gestrigen Weltfriedenstag an Kirchtürmen und Rathäusern eine Viertelstunde lang die Glocken geläutet, eine Aktion im Rahmen des Europäischen Kulturerbejahres 2018. Unter dem Motto „Friede sei ihr erst Geläute“, dem Abschluss von Friedrich Schiller Gedicht über die Glocke, sollte es ein Signal sein für Frieden und das gemeinsame kulturelle Erbe.

„Ich finde das wichtig und gut“, sagt Petra Leyherr. Gehört habe sie vorher allerdings nichts von der Aktion. Auf dem Vorsprung einer Hausfassade in der Burgstraße sitzend macht die Mitarbeiterin des Hofheimer Weltladens gerade ein kurzes Päuschen vom Saubermachen. Bald nämlich ziehe der Laden endlich in die zentraler gelegene Räumlichkeiten um. „Am 13. Oktober ist Eröffnung, bis dahin ist noch einiges zu tun.“

Gisela Witt im rosa Jackett geht schnellen Schrittes vorbei. In Hofheim hatte sie sich mit Freundinnen getroffen, jetzt fährt sie wieder ins heimische Hattersheim. Auch sie weiß nichts von der Friedensaktion, Glockenläuten gefalle ihr aber generell gut.

„Die Kirchenglocken läuten hier so oft, ich hatte mir darüber wirklich keine Gedanken gemacht“, sagt die junge Kellnerin, die kurz vor Dienstschluss einen Tisch im Rathauscafé abwischt. Auch die Lehrerin, die ihr Patenkind im nahen Eiscafé auf eine Hörnchen Eis eingeladen hat, weiß nicht, warum die Glocken so lange läuten. „Mir war das gar nicht aufgefallen“, sagt sie, „ich habe aber auch 20 Jahre neben einer Kirche gewohnt.“

Allgemeines Achselzucken bei der gemütlichen Runde, die sich beim Bäcker in der Hauptstraße zum abendlichen „Käffchen“ getroffen hat. „Ich denke, es ist was Christliches“, vermutet eine Kundin mittleren Alters. „Es wäre nett, wenn man vorher von der Aktion gewusst hätte.“ Das Ganze sei für ihn Unsinn, sagt ihr Begleiter. Die Kirche habe doch selbst 1000 Jahr lang Kriege angezettelt.

Auch Wolfgang Göbel, der noch auf die Schnelle Brötchen und Fleischwurst fürs Abendessen eingekauft hatte und dabei auf einen Bekannten getroffen war, kann mit der Glockenbotschaft nichts anfangen. „Man sagt immer Europa habe uns Frieden gebracht. Aber auch Altersarmut“, schimpft er.

Sein Bekannter wiederum hatte sich über das Läuten zu der ungewöhnlichen Zeit gewundert und schon im nahen Café nachgefragt. „Die meinten dort, es sei wohl wegen des Herbstanfangs.“ Jeden Abend um diese Zeit drehe er seine Runde durch Hofheims Innenstadt, erzählt der 83-jährige Witwer. Ihn selbst habe das Glockenläuten ein wenig an Weihnachten erinnert. „Wenn es für den guten Zweck ist, warum nicht?“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare