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Drogenberatung

Sozialarbeiter im Main-Taunus-Kreis schlagen Alarm: Schon 14-Jährige rauchen hier Gras 

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Cannabis ist ein Thema, das für die Drogenberatung und die Jugendlichen im Main-Taunus-Kreis immer wichtiger wird. Die Polizei sieht das anders. Wie kann das sein? 

Hofheim - Womöglich ist es nur scheinbar ein Widerspruch. „Der Cannabis-Konsum hat erheblich zugenommen“, erklärte Wolfgang Mazur, Leiter desZentrums für Jugendberatung und Suchthilfe im Main-Taunus-Kreis (ZJS) unlängst im Hofheimer Sozialausschuss. „Wir haben keine Zahlen, die auf eine Steigerung hindeuten“, sagt dagegen Johannes Neumann, Pressesprecher der Polizeidirektion Main-Taunus. Jährlich zwischen 60 und 70 Delikte rund um die Cannabisprodukte weist die Kriminalstatistik für den Kreis seit ein paar Jahren aus. Ohne Trend nach oben oder unten.

Es gibt aber Erklärungen: Das Landeskriminalamt in Düsseldorf hat erläutert, dass Ende der 1960er Jahre getrocknetes Hasch einen THC-Gehalt von bis zu drei Prozent hatte – Tetrahydrocannabinol (THC) ist eine psychoaktive Substanz, der der Hauptanteil der berauschenden Wirkung von Cannabis zugesprochen wird. Heute liege der Anteil bei 12 bis 16 Prozent. Das könnte bedeuten, dass es nicht mehr Konsumenten gibt als früher, dass der Konsum aber nicht mehr so harmlos ist. „Immer mehr haben Schwierigkeiten damit“, sagt Mazur. Eine Statistik gibt es allerdings nicht.

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Das Kernproblem im Main-Taunus-Kreis: Konsumenten von Cannabis werden immer jünger

Zum Teil löst sich der Widerspruch auch dadurch auf, dass die Polizei den Drogendelikten oft bei der Kontrolle von Autofahrern auf die Spur kommt – und die sind allesamt mindestens 18 Jahre alt. „Wir beobachten ein sinkendes Alter der Konsumenten“, so Mazur zum Kreisblatt. Mit 14 Jahren geht es zum Teil schon los. In dem Alter aber kommt kaum einmal jemand mit der Polizei in Berührung.

Dabei ist der Konsum der Heranwachsenden genau das Problem. Denn in dieser Altersgruppe sind Einschränkungen der kognitiven Fähigkeiten wie Konzentrations-, Reaktions- und Abstraktionsvermögens zu erwarten. Das beeinträchtigt Schule und Ausbildung. Bei Erwachsenen gebe es diese Effekte nicht, so Mazur. Deshalb stört ihn auch, dass die Legalisierungsdebatte so undifferenziert geführt werde.

Vielen Eltern sei das Problem der höheren THC-Konzentration gar nicht bewusst, sagt er. Verbreitet sei deshalb die Haltung, man könne den Nachwuchs ruhig einmal etwas experimentieren lassen; früher sei dies meist gut gegangen. Mazur hat einen Vergleich mit Alkohol, der das Problem deutlich macht. Die früheren Experimente mit Apfelwein seien hinnehmbar gewesen. Aber das heutige Haschisch sei so, als experimentiere man mit Schnaps.

Zu beobachten ist nach Mazurs Worten auch eine gewisse Konjunktur bei den Cannabisprodukten. Die Alcopops zum Beispiel, vor einigen Jahren sehr angesagt, seien kaum noch ein Thema. Härtere Drogen wie Heroin seien ebenfalls unter Kontrolle. Cannabis macht Mazur auch nicht als Einstiegsdroge Sorge, das Thema ist ohnehin umstritten. Cannabis sorgt ihn, weil es Heranwachsende dauerhaft aus der Bahn werfen kann.

Main-Taunus-Kreis: Keine offene Drogenszene mehr in Hofheim – Cannabis trotzdem gut verfügbar

Ein Problem ist die gute Verfügbarkeit. Dabei gibt es keine offene Drogenszene mehr. In Hofheim konnte man sich früher auf der Brücke der Hauptstraße über den Schwarzbach eindecken, später in der Adolf-Mohr-Anlage. Auch im Umfeld des Lorsbacher Lokals „Fuxbau“ wurde zeitweise gedealt. Solche allgemein bekannten Plätze gibt es nicht mehr.

„An Cannabis ist leicht heranzukommen“, sagt Polizei-Sprecher Neumann. „Es war überhaupt noch nie schwierig“, bestätigt Mazur. Wenn man im entsprechenden Alter ist, werde man angesprochen. Wer etwas verkaufen wolle, gehe dorthin, wo sich die Jugendlichen aufhalten, auch vor die Schulen. „Allerdings geht es dort nur um Kleinstmengen“, so Mazur.

Drogenberatung: Jeder kennt irgendjemanden, der Cannabis konsumiert

Außerdem kenne jeder irgendjemanden, der Cannabis konsumiere, und da werde dann weiter gefragt. Viel ausgeben müsse man übrigens nicht. „Mit fünf bis zehn Euro kann man sich ein ,schönes‘ Wochenende machen“, sagt Mazur – was er nicht als Vorschlag verstanden wissen will.

Woher das Cannabis, das im Main-Taunus-Kreis konsumiert wird, aber kommt, das ist nicht ganz klar. Eine Weile war synthetisch hergestelltes Haschisch angesagt, weil dieses nicht noch Wochen im Blut nachweisbar ist. Polizei und Drogenberatung gehen davon aus, dass Cannabis sowohl im Kreis angebaut als auch aus dem Ausland importiert wird. Dass im Kreisgebiet kommerziell Hanf angebaut wird, ist bekannt, mehrere Betreiber solcher Plantagen wurden schon zu Haftstrafen verurteilt. Zum Anteil einheimischer Produkte am Gesamtkonsum gibt es aber noch nicht einmal Schätzungen.

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