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So sieht das ehemalige Schulhaus (links) heute aus. Im Gebäude rechts befanden sich die Lehrerwohnungen, heute ist dort das Domizil des Stadtmuseums.

Geschichte

Als die Mauern des Schulhauses fielen

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Bernhard Westenberger war ein Hofheimer mit einer bewegten Geschichte. Sein Lebenslauf ist eng mit der Politik der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbunden.

Es ist wirklich ein Jammer, dass es von Bernhard Westenberger keine Aufzeichnungen aus eigener Feder gibt. Was muss dieser Mann alles erlebt haben, fragt man sich nach der Lektüre eines Beitrages von Dieter Reuschling in aktuellen Main-Taunus-Jahrbuch. Eine Art Tagebuch müsste es ja gar nicht sein, einige Briefe wären schon wertvolle Zeugnisse – aus der großen Politik des frühen 19. Jahrhunderts und aus einer Epoche, die die großen Entwicklungen dieser Jahre in die Kleinstadt Hofheim transportierten. Womöglich aber war Westenberger als gelernter Schuhmacher des Schreibens gar nicht mächtig. Reuschling hat das Verdienst, aus vorhandenen Quellen wenigstens eine Ahnung vom dem Schicksal des Bernhard Westenberger vermittelt zu haben.

Und so lässt sich zwar erklären, warum das mit Frankreich verbündete Herzogtum Nassau Truppen für napoleonische Feldzüge nach Spanien und Österreich stellen musste. Warum aber Bernhard Westenberger, 1808 gerade 17 Jahre alt, statt seines 23-jährigen Bruders Martin in den Krieg ziehen musste, das bleibt unklar. Reuschling hat lediglich herausgefunden, dass Martin von seiner Familie privilegiert wurde.

Bernhard Westenberger marschierte mit seiner Einheit von Wiesbaden nach Passau und nahm von dort an der Eroberung Wiens teil. Anschließend ging es über 2400 Kilometer nach Barcelona – täglich waren 32 Kilometer zu bewältigen, mit mutmaßlich schwerem Gepäck. Schon das dürfte ein Abenteuer gewesen sein, erst recht aber die Verwicklung in einen Krieg in Spanien, der von den Gegnern in einer Art Guerillataktik geführt und durch allerlei Grausamkeiten gekennzeichnet war.

19 junge Männer aus Hofheim und seinen heutigen Stadtteilen waren dabei, nur neun kehrten zurück – darunter Westenberger. Auch vom Heimweg dürfte er allerlei zu erzählen gehabt haben: Seine Einheit wechselte zu den Engländern über und geriet in französische Gefangenschaft. Westenberger und anderen gelang in Katalonien die Flucht, von den Engländern wurden sie auf dem Seeweg nach Italien gebracht; von Sizilien aus gelangten sie über Innsbruck und Stuttgart nach Hause.

Es gibt Hinweise darauf, dass Westenberger die Rückkehr in ein „normales“ Leben gelang – im September 1816 heiratete er Elisabeth Kassler aus Hofheim, das Paar bekam sechs Kinder, vier überlebten das Babyalter. Zwar ist nicht ganz klar, wie er sich seinen Lebensunterhalt verdiente – gelernt hatte er den Beruf des Schuhmachers, gab später aber an, vom „Makeln“ zu leben. Welche Produkte er da vermakelte, ist unklar, aber es reichte aus, um ein Haus für die Familie zu bauen.

Plausibel ist, dass er dem nassauischen Landesherren, der ihn in den Krieg gezwungen hatte, nicht gerade wohlgesonnen war. Verständlich ist daher, dass er zu denen gehörte, die sich im Jahre 1831 an einem Aufstand beteiligten, der als Schulhausrevolte in die Hofheimer Geschichte eingegangen ist. Unklar ist aber, ob er tatsächlich zu den Rädelsführern gehörte – als solcher wurde er am Ende nämlich verurteilt.

Die örtliche Geschichtsschreibung ist sich aber einig, dass der Protest gegen den aufgezwungenen Bau eines neuen Schulhauses nur der äußere Anlass war. Die Aufstellung eines Freiheitsbaumes vor dem Rathaus am 4. Mai 1831 zeigt das deutlich, handelt es sich doch um ein republikanisches Symbol gegen die feudalistische Obrigkeit. Zuvor hatten die Hofheimer den Amtmann in die Flucht geschlagen, der aus Höchst kam, um sich ein Bild von der Lage zu machen.

Am Tag zuvor hatten Hofheimer Männer, darunter Westenberger, die gerade errichteten Mauern des Schulneubaus in der Burgstraße eingerissen. Während die Hofheimer lieber das Kellereigebäude gekauft und zur Schule gemacht hätten, beharrte das Herzogtum Nassau auf dem Neubau. Am 6. Mai marschierte ein 250 Mann starkes Militärkommando in Hofheim ein, um Ruhe und Ordnung wieder herzustellen und die Aufrührer zu verhaften.

Bernhard Westenberger wurde zu fünf Jahren Besserungsanstalt verurteilt. Als er schließlich im Mai 1836 frei kam, war nicht nur das Schulhaus gebaut worden; es steht in der Pfarrgasse und wird vom Sozialbüro und der katholischen Pfarrgemeinde genutzt. Ein Jahr zuvor war seine Frau gestorben, er hatte sie nach der Verhaftung wohl nicht mehr gesehen. Vermutlich auch zur Versorgung seiner unmündigen Kinder heiratete er im Oktober 1936 die zwölf Jahre jüngere Margaretha Noll aus Kriftel. Bernhard Westenberger starb am 10. Februar 1845 im Alter von 53 Jahren in Hofheim.

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