HK-Redakteur Andreas Schick nutzte sein Ticket vier Wochen lang. Davor hatte er eine Monatskarte aus Papier; auch jetzt wieder.
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HK-Redakteur Andreas Schick nutzte sein Ticket vier Wochen lang. Davor hatte er eine Monatskarte aus Papier; auch jetzt wieder.

Unterwegs mit dem RMV

Mein neuestes Abenteuer

  • Andreas Schick
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Beim RMV und bei der Bahn werden sie jetzt wieder die Nase rümpfen. Nein, bitte nicht schon wieder eine Schimpfkanonade von Kreisblatt-Redakteur Andreas Schick, der in Nied wohnt, oft in Höchst einsteigt und in Hofheim arbeitet. Tut uns leid, es muss sein: Unser Mitarbeiter, ein überaus treuer ÖPNV-Kunde, hat seit April ein „eTicket RheinMain – Die RMV-Mobilitätskarte“. Das klingt gut, gelle?

Also eins mal gleich vorweg. Ich fahre gerne Bus und Bahn, und dabei bleibt’s. Obwohl mich Verspätungen, Zugausfälle, Streiks und die häufig schlechte Informationspolitik nerven, freue ich mich über das dichte Netz, das Frankfurt und die nähere Umgebung überspannt. Ich komme unterm Strich doch noch günstiger weg als mit einem eigenen Auto. Ich muss nicht ewig im Karree fahren, um irgendwo einen Parkplatz zu finden. Wenn es am Höchster Bahnhof klemmt, hole ich mir in der Bahnhofshalle einen Kaffee und übe mich in Geduld. Manchmal lasse ich mich positiv überraschen: Als die Lokführer neulich die Arbeit niederlegten, lief der Verkehr für mich trotzdem passabel. Ich bin weitgehend reibungslos von Nied/Höchst Richtung Hofheim und zurück gekommen. Alle Verantwortlichen, so war mein Eindruck, haben sich irgendwie stärker als sonst ins Zeug gelegt, um die Fahrgäste umfassend zu informieren und den reduzierten Betrieb gut abzuwickeln. Das war mir ein Lob im Kreisblatt wert, auch wenn andere Streikgeschädigte schlechtere Erfahrungen machten. Doch kaum habe ich es in die Welt hinausposaunt, gibt es Neues aus dem Kabinett der Irrungen und Wirrungen, in das mich Bahn und RMV immer wieder verstricken.

Bei der Bahn bin ich jetzt eine Nummer, seit mich der Verkäufer am Hofheimer Bahn-Schalter Mitte April 2015 breitgeschlagen hat, meine Monatskarte aus Papier gegen eine weiß dominierte Karte mit stilisierten Gebäuden aus der Region einzutauschen. Das gute Stück namens „eTicket RheinMain“ ist mir schon gleich ein Dorn im Auge, weil es die gängigen Rechtschreibregeln außer Kraft setzt: Da ist zum Beispiel ein Großbuchstabe mitten im Wort. Nun ja, Schwamm drüber. Doch die Schreibweise ist nur die Vorbotin für weitere Merkwürdigkeiten.

Das Plastik-Ding mit dem RMV- und dem Bahn-Logo hat Scheckkarten-Format und macht mich zum Kunden mit der Nummer 196496. Der füllige Mann am Hofheimer Bahn-Schalter ist ein Verkaufstalent: Er preist mir die Vorteile an. Ist die übertragbare Monatskarte aus Papier gestohlen worden oder verloren gegangen, ist sie futsch: Es gibt keinen Ersatz. Ich würde auf den Kosten sitzen bleiben. Mein „eTicket RheinMain“ kann ich dagegen sperren lassen und bekomme dann Ersatz. Dies ist ein sehr gutes Argument.

5 DIN-A4-Seiten

Widerwillig gebe ich einige Daten preis, mit denen der Bahn-Mann seinen Computer füttert – Name, Geburtsdatum, Anschrift. Der Bahn-Mitarbeiter sagt, dass ich diese Chipkarte an allen RMV-Vertriebsstellen auslesen könne und ebenso an Fahrkartenautomaten, die ein entsprechendes Logo tragen. So viel darf ich jetzt schon verraten: Die Behauptung zu den RMV-Vertriebsstellen wird noch auf eine harten Probe gestellt. Ich bekomme all die Auskünfte auch schriftlich. Denn mein Weg zum papierlosen Fahrschein beginnt mit reichlich Papier: 5 DIN-A4-Seiten mit Informationen, Daten und einer Lobpreisung des „eTickets RheinMain“. Da steht beispielsweise noch: Die Karte ist als Fahrschein nicht erkennbar. Es ist ein Lesegerät erforderlich, um die Daten abrufen und lesen zu können.

Mein Abenteuer mit der weißen Karte beginnt so richtig mit der ersten Fahrkartenkontrolle im Regionalzug von Höchst nach Hofheim. Ich bin verblüfft: Der Zugschaffner nimmt mein „eTicket RheinMain“ gar nicht in die Hand. Er sagt, er habe kein Gerät, um die vom 16. April bis zum 16. Mai gültige Karte auslesen zu können. Aha. Ein Einzelfall? Nein. Bis zum 16. Mai werde ich mindestens zehn Mal im Regionalzug „kontrolliert“. Warum die Anführungszeichen? In nur zwei Fällen, wenn ich richtig gezählt habe, verfügen die Schaffner über das Lesegerät, mit dem sie meine Karte prüfen können.

Ziemlich langsam

In der S-Bahn scheint der Prüfdienst besser ausgestattet zu sein. Wie einen Colt zückt der Uniformierte in der S 2 das Lesegerät und legt die Karte drauf. 1 Sekunde vergeht, 2, 3, 4, 5, 6. Dann sagt er: Danke. Zweifel kommen bei mir auf: Dauert das immer so lange? Ein paar Tage später erlebe ich dasselbe Spiel: Ungeduldig starrt die Kontrolleurin auf ihr Lesegerät und wartet, dass sich was tut. Wieder sind es 5, 6 Sekunden, bis Erleichterung eintritt: „Danke, gute Fahrt noch!“ Versuch Nummer 3: Ein Schaffner mit roter Mütze nimmt im Regionalzug mein weißes Kärtchen entgegen, starrt auf die Anzeige und klärt mich nebenbei auf, dass das Verfahren zu lange dauere und deswegen neue, fixere Lesegeräte angeschafft werden sollen. Ich denke mir: Hat niemand die Dinger vorher ausprobiert?

Man stelle sich eine volle S-Bahn vor: Früher hat ein Sekunden-Blick auf den Papierfahrschein genügt. Im Nu war meist klar, ob er gültig ist oder nicht. Wenn viele Kunden „eTickets RheinMain“ besitzen und die Lesegeräte langsam sind, dringen die Kontrolleure zu sehr viel weniger Fahrgästen durch, oder?

Samstag, 16. Mai: Ich laufe am Höchster Bahnhof an den Bahn-Schalter, um mein „eTicket RheinMain“ um einen Monat bis zum 17. Juni zu verlängern. Ich fummele ungern mit meiner EC-Karte an gut einsehbaren Fahrkartenautomaten herum. Zuschauer kann ich nicht gebrauchen, wenn ich meine Geheimnummer eingebe.

Überraschung!

Es steht gerade niemand Schlange, also eile ich hinein in den Schalter-Raum, den ich dem Automaten vorziehe. Ich sage „Guten Tag“ und trage mein Anliegen vor. Aber: Überraschung! „Wir verkaufen hier nur Monatskarten auf Papier“, entgegnet der Mann hinterm Schalter. Wie bitte? Ich bin im ersten Augenblick platt. Mir schwingt da was im Ohr, das ich sogar schriftlich habe: Die Chipkarte „eTicket RheinMain“ könne „an allen RMV-Vertriebsstellen“ ausgelesen werden. Hoffnungsfroh schildere ich kurz, dass der Kollege in Hofheim mir im April doch so sehr die Vorteile des Systems angepriesen habe. Ich ernte die gleiche Antwort, obwohl das Bahn-Reisezentrum am Höchster Bahnhof auch auf der RMV-Homepage als „eTicket“-Verkaufsstelle steht: „Wir verkaufen hier nur Monatskarten auf Papier.“

Rückkehr zum Papier

Ich verhehle meine Verärgerung nicht und lasse ihr freien Lauf. Verzeihung für die unschöne Wortwahl, aber ich sage dem Herren hinter dem Tresen deutlich, dass ich das Ganze für eine „Vera . . . der Kunden“ halte. Ich weiß, der Uniformierte ist unschuldig und hat das Durcheinander nicht zu verantworten. Dennoch verlasse ich – unhöflich, wie ich in diesem Augenblick bin – den Bahn-Schalter grußlos und merke an, dass ich über die Bahn nur noch den Kopf schütteln kann.

Ich bin dort jetzt als 196496 registriert. So fühle ich mich auch – als Nummer.

Ich bin vorerst wieder zur Papier-Monatskarte zurückgekehrt.

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