Jörg Blau in seiner Einsatzkleidung als Leitender Notarzt - kurz LNA - und mit Einsatzfahrzeug vor der Leitstelle im Hofheimer Norden.
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Jörg Blau in seiner Einsatzkleidung als Leitender Notarzt - kurz LNA - und mit Einsatzfahrzeug vor der Leitstelle im Hofheimer Norden.

Lokales

Notfallmediziner mit Leib und Seele

  • VonStephanie Kreuzer
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Jörg Blau kann bald auf 25 Jahre als Leitender Notarzt im Main-Taunus-Kreis zurückblicken

Hofheim -Wenn er demnächst ein Sakko trägt, kommt eine kleine Anstecknadel dran, denn vor kurzem wurde ihm eine besondere Auszeichnung zuteil: Für mehr als 20-jähriges Engagement als Leitender Notarzt (LNA) bekam Jörg Blau die Ehrenplakette in Silber. Immerhin ist diese Tätigkeit für den Internisten und Notfallmediziner ein Ehrenamt, das er im September seit 25 Jahren ausübt. Als Ehrenbeamter des Main-Taunus-Kreises kann er hoheitliche Aufgaben wahrnehmen, erhält aber keine Vergütung, sondern lediglich eine Aufwandsentschädigung. "In der Funktion eines LNA koordiniere ich das medizinische Vorgehen im Rahmen von Großschadenslagen, also beispielsweise nach einem Feuer in einem Mehrfamilienhaus oder einem Verkehrsunfall mit mehreren Autos und Verletzten", erläutert Blau. "Dazu gehört dann auch die Festlegung von Behandlungsmaßnahmen und die Zuweisung in Krankenhäuser, die über freie Kapazitäten verfügen." Etwa fünf Tage pro Monat hat er Rufbereitschaft; die restliche Zeit teilen sich acht weitere Kolleginnen und Kollegen, die ebenfalls als LNA tätig sind, auf.

Ein ziemliches Kontrastprogramm

Ein Kontrastprogramm erlebt Blau in seinem Job als "Ärztlicher Leiter Rettungsdienst" (ÄLRD) für den Main-Taunus-Kreis, denn dieser findet hauptsächlich am Schreibtisch im Amt 38 (Brandschutz und Rettungswesen) in Hofheim statt. In erster Linie trägt er für das medizinische Qualitätsmanagement des Rettungsdienstbereichs Sorge, gibt also dem nicht-ärztlichen Personal Behandlungsrichtlinien vor und ist unter anderem dafür verantwortlich, dass die Mitarbeiter der fünf Rettungswachen im Main-Taunus-Kreis regelmäßig fortgebildet werden. "Dazu gehört, dass ich mir nach Einsätzen die durchgeführten Maßnahmen anschaue und den Rettungskräften Tipps und Tricks an die Hand gebe, damit sie die Patienten künftig noch besser versorgen können. Generell soll sichergestellt sein, dass jeder Patient, egal wo und wann, die optimale Versorgung erhält."

Diese Leitlinien mussten allerdings erst definiert werden, erinnert sich Blau: "Als ich vor 20 Jahren als ÄLRD angefangen habe, gab es in Hessen nur im Main-Kinzig-Kreis eine entsprechende Struktur; so fing ich an, die hier ebenfalls aufzubauen." Der gesamte Rettungsdienst habe sich seitdem in vielen Facetten enorm professionalisiert und für Einheitlichkeit gesorgt: "Damals gab es zum Beispiel keine Einsatzprotokolle, und jeder Rettungswagen war unterschiedlich ausgestattet, teilweise passte der Inhalt nicht zu dem des Notarzteinsatzfahrzeugs."

Zusätzliche Belastungen hat nicht zuletzt die Corona-Pandemie mit sich gebracht, insbesondere weil Hygienemaßnahmen, Personalplanung, Einsatzkonzepte und die Organisation von Infektions-Transporten ständig an die Lage angepasst und optimiert werden mussten, um den Rettungsdienst auch bei hohen Inzidenzen aufrechterhalten zu können. "Glücklicherweise hatten wir keinen Ausbruch in einer Rettungswache, aber vorsichtshalber hatten wir in den ersten beiden Wellen eine zusätzliche Wache im Kastengrund etabliert, damit wir auch die Kontakte unter den Kollegen reduzieren konnten." Für das neue Jahr wünscht sich Blau vor allem, "dass wir wieder raus aus unserem Angstmodus und zu unseren normalen Lebensgewohnheiten zurückkommen - beziehungsweise lernen, mit dem Virus umzugehen, ohne uns nennenswert einschränken zu müssen."

Der 58-Jährige hat aber noch weitere berufliche Standbeine: Seit mehr als 30 Jahren arbeitet er im Hofheimer Krankenhaus, bis März 2019 als Leiter der Intensivstation. "Heute fahre ich für die Klinik immer noch Notarztwagen und bin zudem Leitender Arzt im Therapiezentrum für außerklinische Beatmung." Gefragt, was für ihn den Reiz all dieser Tätigkeiten ausmacht, muss er nicht lange überlegen: "Als Notarzt kann man im Einsatz Menschen in subjektiv größter Not rasch helfen und sich exklusiv nur um diesen einen Patienten kümmern, das macht es - für mich - so interessant."

"Manchmal steht man fassungslos daneben"

Im Ehrenamt als Leitender Notarzt könne er wiederum diese Erfahrung mit einzelnen Patienten auf Situationen übertragen, in denen mehrere Menschen gleichzeitig betroffen sind. Bei solchen meist sehr herausfordernden Einsätzen müssen unter Umständen Behandlungsschwerpunkte gesetzt und Prioritäten für Transporte festgelegt werden. Gerade dann sei es umso wichtiger, dass es Angebote für die Einsatzkräfte gibt, wenn Gesprächsbedarf bestehe: "Inzwischen ist allgemein ein viel höheres Bewusstsein vorhanden, dass PSNV - also Psychosoziale Nachversorgung - absolut sinnvoll ist, um nicht-alltägliche Erlebnisse besser zu verarbeiten."

Als Notarzt hat Jörg Blau das ganze Spektrum menschlichen Glücks und Leids erfahren. Zwar war er noch bei keiner Geburt dabei, aber er konnte zum Beispiel schwerkranken Herzpatienten das Leben retten. "Das ist natürlich toll und macht diesen Beruf so attraktiv", sagt er dankbar.

Als Leitender Notarzt jedoch hat er eher mit Unglücken zu tun oder erlebt schlimme Schicksale und kann letztlich nur versuchen, das Ausmaß des Leidens für die Betroffenen zu reduzieren: "Manchmal steht man auch einfach nur fassungslos daneben." Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm ein Verkehrsunfall im November 2016 bei Wallau, den nur zwei der vier Insassen überlebten: "Gerade die Kombination aus tragischen Verletzungen und dem Gefühl der Sinnlosigkeit des Todes zweier junger Menschen macht mich bis heute sehr betroffen."

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