8. September 1986: Herbert Leuninger (rechts) im Gespräch mit Asylbewerbern. Aus Protest gegen mutmaßliche Missstände in der hessischen Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge in Schwalbach initiierte der Pfarrer eine unbefristete Fastenaktion. FOTO: dpa
+
8. September 1986: Herbert Leuninger (rechts) im Gespräch mit Asylbewerbern. Aus Protest gegen mutmaßliche Missstände in der hessischen Gemeinschaftsunterkunft für Flüchtlinge in Schwalbach initiierte der Pfarrer eine unbefristete Fastenaktion. FOTO: dpa

Nachruf

Trauer um einen unbequemen Mahner und Anwalt der Minderheiten

  • vonBarbara Schmidt
    schließen

Der jetzt mit 87 Jahren verstorbene Pfarrer Herbert Leuninger hat im Main-Taunus-Kreis viele Spuren hinterlassen

Hofheim -Reporter begegnen täglich vielen Menschen. Das bringt die Arbeit so mit sich. An manchen verblasst die Erinnerung bald. An einen wie Herbert Leuninger ist sie auch nach mehr als 30 Jahren noch lebendig.

Groß und hager stand er an einem Regensonntag 1986 in einem der Zelte, die in der Hessischen Gemeinschaftsunterkunft (HGU) in Schwalbach als Flüchtlingsunterkünfte aufgebaut worden waren, neben Kollegen wie Josef Peters am Altar. Ökumenischer Gottesdienst wurde hier gefeiert - als klares Zeichen, dass es für die Kirchen nur eine Seite geben konnte, auf der sie zu stehen hatten: bei den vielen Flüchtlingen, die in den Augen der zahlreichen Protestler unwürdig untergebracht waren. Herbert Leuninger bekräftigte das gar mit einem Hungerstreik, bis die Politik einlenkte und die Zeltstadt verschwand.

Streitbar und liebevoll

Die damalige Protestbewegung hallte im Main-Taunus lange nach und prägte das sozialpolitische Engagement von katholischem Kirchenbezirk wie evangelischem Dekanat. Charismatisch, unbeirrbar, glaubwürdig, streitbar und dabei sehr liebenswürdig, so ist Herbert Leuninger vielen hier in Erinnerung geblieben, auch wenn er im Grunde nur wenige Jahre im Main-Taunus kirchliche Ämter bekleidete.

Pfarrer von Kriftel war er von 1967 an. Vom da gerade erst zwei Jahre zurückliegenden Zweiten Vatikanischen Konzil sei Herbert Leuninger "nachhaltig geprägt" gewesen, schreibt die Pressestelle des Bistums Limburg. Tatsächlich hat Leuninger in St. Vitus rasch für Veränderungen gesorgt - die nicht jedem im katholischen Kriftel schmeckten. Die Abschaffung der Fronleichnamsprozession gehörte dazu. Drei Jahre später war er die Pfarrstelle wieder los, Bischof Wilhelm Kempf machte Leuninger zum Jugendpfarrer im Main-Taunus.

Jugendliche für eine gelebte Gemeinschaft und den Gottesdienst gewinnen, das wollte Leuninger, der selbst als Kind schon tief geprägt war von der Faszination Liturgie. Legendär geworden ist 1971 sein "Hofheimer Mess-Festival" in St. Bonifatius. Dass dabei Pärchen schon mal einen Kuss tauschten und im Anschluss von Leuninger Würstchen und Cola im Altarraum serviert wurden, darüber berichtete sogar der "Spiegel". Konservative Kirchenkreise schäumten - und Leuninger erhielt eine neue Aufgabe.

"In der Kirche gibt es keine Ausländer"

Der Bischof machte ihn zum Referenten für Ausländerarbeit im Dezernat Kirchliche Dienste. Einen Titel, den der gebürtige Kölner, dessen Onkel als Widerstandskämpfer gegen Hitler hingerichtet wurde, nicht mochte. "In der Kirche gibt es keine Ausländer", hat er das der Kreisblatt-Reporterin in seinem mit Büchern und Zeitungen vollgestopften Arbeitszimmer in Hofheim erklärt.

In der Kreisstadt lebte der Mitbegründer von "Pro Asyl" bis zu seinem Ruhestand als Mieter eines Hauses, das die Schwestern von der heiligen Elisabeth nach seinem Umzug nach Limburg den Main-Taunus-Kliniken verkauften. Im Altenheim des Ordens, dem Haus Maria Elisabeth, war er von 1992 bis 2000 als Seelsorger tätig.

"Eine sehr zentrale und sehr harte Erfahrung" nannte Leuninger selbst "das sich-herausgedrängt fühlen" innerhalb der eigenen Kirche. Beirren lassen hat er sich dadurch nicht. Die Konflikte hätten ihn im Grunde umso tiefer auf den eigentlichen Hintergrund verwiesen, die Botschaft Christi, so seine Erklärung. Um die ging es ihm. Papst werden wollte er nur als kleiner Junge gern. Als Priester nannte er ein anderes Ziel: "Mensch werden." Gerade in der Begegnung mit Flüchtlingen war es die Erfahrung einer "tiefen Gemeinsamkeit des Menschlichen", die ihn immer wieder in seinem Engagement bestärkte.

Das hat am Ende doch noch viel Würdigung erfahren. Das Land Hessen zeichnete Herbert Leuninger mit der Wilhelm-Leuschner-Medaille aus, gemeinsam mit seinem Bruder Ernst erhielt er 1998 den Walter-Dirks-Preis. Das Bistum nennt den am Dienstag im Alter von 87 Jahren verstorbenen Priester einen "unbequemen Mahner, der als Anwalt von Minderheiten Ungerechtigkeit nicht nur anprangerte, sondern auch konkret tätig wurde". Leuninger habe sich "trotz aller Drohungen und Anfeindungen" immer für ein "Reich der Gerechtigkeit und des Friedens" eingesetzt.

Requiem im Limburger Dom

Das Requiem für Herbert Leuninger wird am Freitag, 7. August, um 10.15 Uhr im Limburger Dom gefeiert. Im Anschluss erfolgt die Urnenbeisetzung auf dem Hauptfriedhof. Für eine Teilnahme ist eine Anmeldung beim Bestattungsinstitut (Mail: anmeldung@ehmann-limburg.de) Voraussetzung. Barbara Schmidt

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare