Am Samstagnachmittag kamen drei Notfallseelsorger noch einmal gemeinsam zum Tatort zurück und zündeten eine Kerze an. 	Foto: Heiko HaHnenstein
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Am Samstagnachmittag kamen drei Notfallseelsorger noch einmal gemeinsam zum Tatort zurück und zündeten eine Kerze an. Foto: Heiko HaHnenstein

Hilfe für Helfer

Notfallseelsorger über furchtbaren Unfall in Hofheim: "Die volle Wucht des Schmerzes"

Der tödliche Unfall auf der L3018 in Hofheim, bei dem Freitagabend drei junge Männer starben, brachte auch erfahrene Notfallseelsorger an ihre Grenzen.

Hofheim – Großflächig ist die Rinde abgeschält, der Stamm komplett blank. Niemand, der hier in den nächsten Tagen auf der Landstraße 3018 von Langenhain nach Wildsachsen vorbeifährt, kann die Wunde übersehen, die der Baum davongetragen hat. Auch die Furchen im Waldboden und kleine Trümmerteile sind stumme Zeugen des schrecklichen Ereignisses vom Freitagabend (10.07.2020). Ein Autounfall, dessen Ursache noch geklärt werden muss, hat drei junge Männer das Leben gekostet; nur der 18-jährige Fahrer überlebte.

Inzwischen haben Angehörige und Freunde der Verunglückten Blumen, Fotos und Kerzen am Baum abgelegt, die allgemeine Trauer ist groß. Kaum vorstellbar, welch tiefe Wunden dieser Unfall bei den beteiligten Familien hinterlässt.

Tödlicher Unfall bei Hofheim: Schwierige Aufgabe für Notfallseelsorger

Noch in derselben Nacht mussten diese über das furchtbare Geschehen informiert werden - eine Aufgabe, die für jeden Polizeibeamten der absolute Alptraum ist. Zur Unterstützung wurden daher Notfallseelsorger alarmiert, die rund um die Uhr bereitstehen und eine gewisse Erfahrung mitbringen. Doch zur Routine wird ein solcher Einsatz nie, wie ein paar der rund 30 ehrenamtlichen Kräfte des Main-Taunus-Kreises berichten.

Schon die telefonische Alarmierung verhieß nichts Gutes, erinnert sich Stephanie Kreuzer, denn direkt war von mindestens zwei Toten die Rede: "Da läuft im Kopf sofort ein gewisses Szenario ab, und man weiß, dass einen schlimme Bilder erwarten." Gemeinsam mit drei Kollegen war sie bereits eine Dreiviertelstunde nach dem Unglück vor Ort und bot sowohl den zahlreichen Feuerwehrkräften als auch den Ersthelfern, die sich um den Fahrer gekümmert hatten, ihre Unterstützung an.

Gerade für die teils noch sehr jungen Feuerwehrleute sei es existenziell wichtig, einen solchen Einsatz gut zu verkraften und dafür gegebenenfalls Nachsorgegespräche zu führen. Auch Ursula Cerezo-Riemann, die ebenfalls in der Notfallseelsorge und "Hilfe für Helfer" ausgebildet ist, achtet darauf, wer in einem akuten Ausnahmezustand und am dringendsten zu betreuen ist: "Ich bleibe so lange bei diesem Menschen, bis ich das Gefühl habe, er kann die Verantwortung für sich selbst wieder übernehmen."

Schrecklicher Unfall in Hofheim: Aufgabe im Team besser zu bewältigen

Zur Überbringung der Todesnachrichten wurden die Notfallseelsorger dann auf der Polizeistation Hofheim gebrieft - gemeinsam mit den Polizeibeamten, die sich dazu imstande sahen. Denn Polizeioberkommissar Dominik Mohr war es als Einsatzleiter wichtig, dass sich niemand überfordern sollte. "Für uns war es eine enorme Erleichterung, zu wissen, dass die Beamten an unserer Seite bleiben konnten", so Kreuzer, "denn im Team ist eine solch schwere Aufgabe besser zu bewältigen."

Auch ihr Kollege Thomas Wittekind, der 35 Jahre lang im Rettungsdienst tätig war und schon viele schreckliche Bilder verarbeiten musste, stellte sich dieser Herausforderung: "Wenn man eine Todesnachricht überbringt, bricht die Lebensplanung der Angehörigen komplett zusammen. Das mitzuerleben ist unglaublich bedrückend."

Oft wüssten die Familien direkt, was es bedeutet, wenn zwei Polizisten und ein Notfallseelsorger vor der Tür stehen, erzählt Kreuzer. "Die Eltern hatten sich bereits Sorgen um ihren Sohn gemacht und ein ungutes Gefühl. Dennoch konnten sie es nicht glauben und wollten ihn am liebsten sofort sehen. Dieser Schmerz ist so unermesslich groß, dass es dafür keinen Trost gibt, und wir können dann nur versuchen, diese Menschen in ihrer wahrscheinlich dunkelsten Stunde, in der sich ihr Leben von einer Sekunde auf die andere auf den Kopf stellt, nicht allein zu lassen." Oft werde man auch mit der Schuld- oder Sinnfrage konfrontiert. Situationen, in denen die erfahrenen Kräfte zumeist selbst keine Worte finden und mit ihrer Sprachlosigkeit fertig werden müssen.

Unfall mit drei Toten in Hofheim: Verzweiflung der Eltern mit Wucht getroffen

Stephanie Kreuzer jedenfalls zeigte sich dankbar, dass Mohr ihr - zurück in Hofheim - sogar ein Gespräch mit dem Zentralen Polizeipsychologischen Dienst ermöglichte: "Ich stand total neben mir und konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, denn gerade mit dem furchtbaren Bild der Toten im Auto vor Augen hatte mich die Verzweiflung der Eltern mit noch größerer Wucht getroffen."

Pfarrerin Christine Zahradnik, Leiterin der Notfallseelsorge im Main-Taunus-Kreis, verfolgt jeden Einsatz zumindest virtuell mit und achtet darauf, dass die ehrenamtlichen Kräfte ihre eigenen Grenzen kennen: "Wir führen möglichst schnell intensive Nachgespräche, teils auch im Team. Denn ich höre meistens schon am Telefon, wenn es jemandem nicht gut geht. Nicht immer will derjenige mir nämlich seine emotionale Verfassung offen zeigen. Dann frage ich nach und mache Angebote."

Tödlicher Unfall in Hofheim: Notfallseelsorger kommen an ihre Grenzen

Mitten in der Nacht wurde daher ein weiterer Kollege hinzugerufen. "Als ich Stephanie völlig in sich zusammengesunken sitzen sah, wusste ich, dass es wirklich dringend war, dass ich zu ihrer Betreuung gekommen bin", erinnert sich Holger Hoffmann. Er verarbeitet Einsätze generell durch viel Sport und Gespräche mit Menschen, denen er vertraut. Auch schätzt der Flugkapitän das strukturierte Debriefing im Team: "Dabei kann man die emotionalen Aspekte austauschen, um wieder zum Faktischen zurückzukehren." Cerezo-Riemann versucht, über Waldspaziergänge zur Ruhe zu kommen, und Wittekind geht mit dem Hund raus - oder gönnt sich einen Absacker.

Allen, die Freitagnacht im Einsatz waren, lag es am Herzen, am Samstag nochmal zur Unfallstelle zurückzukehren, um für sich selbst einen gewissen Abschluss zu finden. „Ich wollte unbedingt eine Kerze anzünden“, so Kreuzer, „und gemeinsam beschlossen wir spontan, die restlichen Trümmer einzusammeln. Dabei fanden wir auch ein paar CDs, die wir an den Baum lehnten; dass eine davon ausgerechnet den Titel ,Postcards from Heaven‘ trug, erschien uns wie ein Zeichen.“ (hk)

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