"Es wäre zu einfach, die Jugend als alleinigen Verursacher auszumachen," sagt Dr. Wolfgang Mazur zum Thema Vermüllung.
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"Es wäre zu einfach, die Jugend als alleinigen Verursacher auszumachen," sagt Dr. Wolfgang Mazur zum Thema Vermüllung.

Gesellschaft

Vermüllung: "Hinschauen statt wegschauen"

  • Ulrike Kleinekoenen
    VonUlrike Kleinekoenen
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In Parks, auf Plätzen, selbst in Wald und Flur: Dreck allüberall. Die Kommunen klagen über die zunehmende Vermüllung. Ist dies ein gesellschaftliches Problem? Sind es vor allem Jugendliche, die sich nicht benehmen? Ulrike Kleinekoenen sprach mit dem Soziologen und Leiter des Zentrums für Jugendberatung und Suchthilfe im MTK, Dr. Wolfgang Mazur.

In vielen Kommunen ist momentan das gleiche Thema aktuell: Nach nächtlichen Partys sind Plätze und Parks am nächsten Tag vermüllt. Häufig werden junge Leute hier als Verursacher ausgemacht. Was läuft da falsch?

Mazur: Ja, darüber ärgern wir uns alle. Müll im öffentlichen Raum will niemand. Nur wäre es zu einfach, jetzt die Jugend als alleinigen Verursacher auszumachen. Gerade das Thema Müll und Umwelt ist ja ein Thema der Jugend. Denken Sie mal an Greta T., die das Thema weltweit wieder in die Diskussion gebracht hat. Statt nach einer Gruppe zu suchen, die wir als alleinige Verursacher ausmachen, sollten wir eher nach den Gründen für das Thema Vermüllung im öffentlichen Raum schauen. Und hier sind wir bei dem Thema Verantwortung für den Sozialraum, in dem wir leben. Dazu gehören neben dem Müll viele weitere Themen.

An der Krifteler Bonifatiuskapelle wurden Jugendliche noch darauf aufmerksam gemacht, dass sie das nicht dürfen und wieder aufräumen müssen. Geschenkt . . . In den sozialen Medien klagen viele Nutzer über die fehlende Erziehung?

Suchen Sie keine Schuldigen, auch nicht die Eltern oder Erwachsenen. Um das Phänomen zu verstehen, kann man sich natürlich fragen, warum kann nach einer Kinoveranstaltung ein Saal voller Müll hinterlassen werden. Die Antwort ist eigentlich ganz einfach. Weil danach eine Putzkolonne kommt und sauber macht und die Kosten im Kinopreis eingepreist sind. Die Verantwortung für den Müll wird einfach abgegeben. Und der Kinobetrieb hat schlau reagiert und begegnet dem Phänomen Vermüllung, indem er diese Aufgabe angenommen hat. Aber wollen wir das auch im öffentlichen Raum so haben? Ich auf jeden Fall nicht. Daher müssen wir uns etwas anderes überlegen, statt dem erhöhten Müllaufkommen hinterher zu putzen.

Trotzdem: Sind die Erwachsenen oder vor allem die Eltern keine Vorbilder mehr?

In Zeiten der Individualisierungs-Debatten und einer Entstandardisierung der Erwerbsarbeit definieren sich heute erwachsene Menschen über ihren Job und müssen arbeiten, um ihren Lebensstandard zu finanzieren. Gleichzeitig haben Institutionen die Aufgabe der Erziehung zu großen Anteilen übernommen. Eltern haben diese wichtige Aufgabe größtenteils an Institutionen wie Kita, Schule, Betreuung, Jugendarbeit abgegeben und diese fühlen sich weitgehend mit diesem Auftrag allein gelassen. Die Müllberge in der Öffentlichkeit sind daher ein Schaufenster der von Ulrich Beck beschriebenen Wandlungsgesellschaft mit Blick in die sich auflösende Verantwortung für den Sozialraum.

Wie wichtig sind denn da Aktionen, wie es sie auch im MTK in vielen Kommunen gibt, wo gemeinsam Müll gesammelt wird?

Nun, solche Aktionen zeigen ja, dass es auch Menschen gibt, die Verantwortung für den Sozialraum übernehmen. Ein Beispiel, das Mut macht und zum Nachdenken anregt. Nur bitte nicht in dem Sinne, dass das Ehrenamt jetzt die Putzkolonne ersetzt. Solche Aktionen können eine Gegenbewegung zu der entgrenzten Stadtgesellschaft sein und ein solidarisches Zeichen setzen.

Trotzdem sind die Kommunen derzeit offenbar machtlos, dass Grünanlagen durch Flaschen und anderen Dreck zu Schandflecken werden. Helfen Ihrer Meinung nach Strafen?

Auch hier gilt ja, Prävention statt Intervention. Warum nicht rechtzeitig dem erhöhten Müllaufkommen, gerade auch von Einweggeschirr in der Corona-Zeit, durch entsprechende Regelungen und Ideen zuvorkommen, statt im Nachhinein die Müllberge, die neben den zu kleinen Mülleimern liegen, zu entsorgen. Strafen sind natürlich eine wichtige Maßnahme. Nur müssen diese zeitnah und mit Augenmaß verteilt werden. Wer falsch parkt, bekommt ja auch ein Bußgeld. Wichtig ist es außerdem, die Menschen anzusprechen, die gerade etwas wegwerfen. Hinschauen statt wegschauen. Es geht uns alle an und daher auch mich.

Strafen werden verhängt, wenn Unfug geschehen ist. Also wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Wo muss angesetzt werden, um dieses Verhalten gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Alle Maßnahmen, die geeignet sind, die Beziehung der Menschen zu ihrem Sozialraum zu verbessern, sind gute Hilfen. Denn wer verschmutzt schon seinen eigenen Garten? Von daher sind die Förderung des ehrenamtlichen Engagements, Patenschaften, die Einbeziehung der Bevölkerung, wenn es um ihren Sprengel geht, Straßen-Anwohnerfeste, "Wir in... - Feste" wie sie die Hattersheimer HaWoBau veranstaltet oder Ähnliches, gute Ansätze. Keine Science-Fiction, dies hat man bereits im Quartiers-Management erkannt und teilweise auch umgesetzt.

Sehen Sie hier ein allgemein gesellschaftliches Problem? Wo stehen wir in 30 Jahren, wenn wir jetzt nicht gegensteuern?

Wie gesagt, wenn wir es im MTK in 30 Jahren sauber haben wollen und nicht den Preis der von Beck verkündeten "Risikogesellschaft" zahlen wollen, müssen wir alles tun, damit sich die Menschen wieder für ihren Sozialraum interessieren und diesen wie ihr Wohnzimmer behandeln. Entfremdung, Anonymität und fehlende Zugehörigkeit sind die Katalysatoren des Problems. Verbundenheit mit dem Sozialraum, Akzeptanz, eine positive Haltung zur Stadtgesellschaft und ein Gefühl der Zugehörigkeit, vielleicht auch zu einem Verein in der Stadt schafft Verantwortung. Dies alles fällt jedoch nicht vom Himmel, sondern muss wachsen können in einem Klima, in dem die Saat auch aufgeht. Ich plädiere dafür, dass wir die Chance der Veränderung jetzt nutzen sollten.

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