Während des Gottesdienstes an der Hofheimer Bergkapelle wird der empfohlene Mindestabstand streng eingehalten. FOTO: MATTHIAS KNAPP
+
Während des Gottesdienstes an der Hofheimer Bergkapelle wird der empfohlene Mindestabstand streng eingehalten. FOTO: MATTHIAS KNAPP

Kirche

Wallfahrt zur Hofheimer Bergkapelle unter besonderen Umständen

  • vonJuliane Schneider
    schließen

Gemeinsame Prozession musste wegen Corona ausfallen

Hofheim -In seiner braunen Kutte erklimmt Bruder Helmut Schlegel Sonntag früh die steilen Stufen hoch zur Hofheimer Bergkapelle. Zwischendurch macht er Pause bei den "Fußfällen Christi", um innezuhalten und auch ein wenig auszuruhen. Gleich wird er die Predigt halten zur jährlichen Gelobten Wallfahrt. Seit mehr als 350 Jahren ziehen Hofheimer und benachbarte Gemeindeglieder am ersten Juliwochenende den Kapellenberg hinauf und folgen damit einem alten Gelöbnis. 1666 nämlich hatte die Pest gewütet. Wenn man verschont werde, wolle man zum Dank eine Kapelle bauen und jährlich eine Wallfahrt stattfinden lassen, hatten die Gläubigen damals feierlich versprochen.

Eine Tradition, die in diesem Jahr seltsam aktuell scheint: eine Krankheit, die bedrohlich über den Menschen schwebt. Das greift Pfarrer Helmut Gros schon in seiner Begrüßung auf. Eigentlich habe man über Ökumene reden wollen. Jetzt lautet das Thema "Ich bin da, was immer der Weg auch bringt". Alles ist anders in diesem Jahr. Die Pilgergruppen, die sich sonst von den einzelnen Orten aus in Bewegung setzen, sind wegen der Corona-Krise untersagt, die Anzahl der Gläubigen auf 150 begrenzt.

Hygienekonzept mit Abstandsregeln

Im Vorhinein schon mussten sich die Teilnehmer im Gemeindebüro anmelden, ihre Namen werden bei Ankunft auf dem Berg kontrolliert. Dazu hat das Vorbereitungsteam an zwei Seiten der Freifläche Tische aufgebaut. Auch sonst läuft alles nach einem strengen Hygienekonzept ab. Bänke sind in diesem Jahr nur für die Mitglieder eines Haushalts zugelassen. Auf dem Boden liegen rot-weiße Absperrbänder, mit einem Stein beschwerte Kissen markieren, wo sich die Gläubigen mit ihren Stühlchen in Abstand niederlassen dürfen. "Das ist schon etwas albern", bemerkt ein Besucher, der am Rande steht, und zitiert dazu einen Vers aus dem biblischen Römerbrief, den er morgens in der Tageslosung gelesen habe. Da sei zu lesen, dass man sich nicht um Leib und Leben sorgen solle.

Andere sehen das glücklicherweise verantwortungsvoller und freuen sich, dass man auf diese Weise wenigstens wieder zusammenkommen könne. "Das hatten wir ja seit Wochen nicht mehr", freut sich eine Hofheimerin, die auf einem Stühlchen neben ihrem Mann auf den Beginn des Gottesdienstes wartet. Seit Jahrzehnten nehme sie jährlich an der Wallfahrt teil. "Aber noch nie ist sie so sinnvoll gewesen wie in diesem Jahr", sagt sie angesichts der Corona-Pandemie.

Reinhard Herr ist schon als Kind mit seinen Eltern zur Kapelle gepilgert. Auch mit inzwischen 82 Jahren hat er sich von Kelkheim-Münster aus zu Fuß mit seinem kleinen Campingstühlchen auf den mehr als einstündigen Weg gemacht. "Das gehört einfach dazu, dass man hierher geht."

Dass die Prozession in diesem Jahr ausfalle, sei natürlich schade, auch dass es nicht so locker und leicht sei wie sonst. Auch für den Mann, der die Abstandregeln für übertrieben hält, ist der Gottesdienst eine liebgewordene Tradition. "Die Ahnen meiner Oma haben schon 1666 hier gelebt." Er gehe davon aus, dass seine Familie schon seit Bestehen an der Wallfahrt teilgenommen habe. Als junger Mann habe er allerdings auch schon mal seinen Wagen beim Hofheimer Ehrenmal abgestellt, statt von Kriftel aus zu pilgern, gibt er schmunzelnd zu.

Neben dem blumenumrahmten Altar spielt derweil ein dreiköpfiges Team - darunter zwei Organisten - feierliche Musik mit Trompete, Keyboard und Gesang. Sie übernehmen auch das Singen der Liturgie. Den gemeinsamen Gesang habe man stark reduziert, sagt der Pfarrer. Dazu seien ja drei Meter Abstand nötig.

Das Virus hat die Menschen demaskiert

Die Predigt von Bruder Schlegel trifft den Mark der Zeit. Auch wenn man Corona mit dem Tragen von Masken verbinde, so habe das Virus den Menschen eigentlich demaskiert, sagt er. Zutage getreten sei, was man eigentlich schon immer gewusst habe: die untragbare Situation für die Arbeiter, aber auch für die Tiere in der Fleischindustrie einerseits, andererseits aber auch "das liebevoll-soziale Gesicht des Menschen" - wie der Einsatz von Pflegepersonal, Forschern, aber auch Jugendlichen, die für die älteren Menschen eingekauft hatten. Klar distanziert sich der Theologe von "christlichen" Verschwörungstheoretikern, die in der Krankheit eine Strafe Gottes vermuten. "Daran glaube ich nicht." Gott habe es nicht nötig, Milliarden von Menschen mit einer Krankheit in die Schranken zu weisen.

Gemeinsam feiern die Gläubigen noch an dem nicht allzu heißen Sommertag auf dem Berg, der einen herrlichen Blick in die Ferne ermöglicht. Dabei hoffen alle Anwesenden, dass die Wallfahrt nächstes Jahr wieder in doppelter Stärke und mit der liebgewordenen Prozession möglich ist. JUliane Schneider

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare