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Kapellenberg Hofheim, Luftausnahme aus dem Jahre 1984.

Quadratmeterpreise bis zu 1300 Euro

Vom Weinberg zur Nobelgegend - Der Kapelleberg im Wandel der Zeit

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Der Kapellenberg war einst beliebtes Bauland für erholungssuchende Großbürger, die es aus der Großstadt in die Natur zog. An seiner Anziehungskraft für Bauherren hat das Gebiet bis heute nichts verloren. Nur, dass es inzwischen dort enger geworden ist.

Straßennamen wie „Traubenhüttenweg“ oder „Wingertstraße“ erinnern noch daran: Der Kapellenberg war keineswegs immer schon ein bevorzugtes Wohngebiet für Menschen mit etwas größerem Portemonnaie. Alte Fotos dokumentieren, dass noch vor 100 Jahren kaum Gebäude auf dem Kapellenberg zu finden waren. Vielmehr wurde er landwirtschaftlich oder gärtnerisch genutzt, zum Teil als Weinberg.

Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wird es Mode, aus der Großstadt hinaus in die Natur zu ziehen. Die Künstlerin Ottilie W. Roederstein und ihre Lebensgefährtin, die Ärztin Dr. Elisabeth Winterhalter, sind dafür nur ein Beispiel. Sie bauen sich 1907 ihre Villa an der Wingertstraße, Roederstein zudem ein Atelierhaus im Dr. Heimen Weg. Zu dieser Zeit stehen beide Gebäude noch recht einsam vor dem Waldrand. Älter ist die Bebauung an Kurhaus- und Rossertstraße. Typisch im Vordertaunus ,denn diese Grundstücke liegen nicht sehr weit entfernt vom Bahnhof – Hofheim war seit 1877 Station der wichtigen Eisenbahnverbindung von Frankfurt nach Limburg. Schon 1861 entstand die „Kaltwasserheilanstalt“ mit 11 000 Quadratmeter großem Parkgelände, die ab 1872 den stolzen Namen „Kurhaus“ trug und 1910 einen Erweiterungsbau erhielt.

Gebäude und Park gehören heute zu den Kliniken des Main-Taunus-Kreises – eine der wenigen Immobilien am Kapellenberg, die nach wie vor über große Grünflächen verfügen. Die sich zum Schwarzbach hin anschließenden „Kargeswiesen“ mit ihren Schrebergärten und der Park der Kurklinik wirken wie eine große grüne Lunge mit direktem Anschluss an die Innenstadt – und gelten als wichtig fürs Kleinklima, weil sie kühle Taunusluft in die Stadt leiten.

Villen im Stil der Gründerzeit finden sich am Kapellenberg noch einige, sie stehen zum Teil unter Denkmalschutz. Die berühmteste ist unstrittig die der Kunstmäzenin, Künstlerin und Galeristin Hanna Bekker vom Rath. Als „Blaues Haus“ wurde sie weit über Hofheims Grenzen hinaus bekannt. „Ursprünglich zugehörig großes Grundstück mit altem Baumbestand“, heißt es lapidar in der Denkmaltopographie Hessen bei der Objektbeschreibung. Vielleicht das bekannteste Beispiel dafür, dass ehemals stattliche Grundstücke in den vergangenen Jahrzehnten geteilt wurden, um eine Nachverdichtung vorzunehmen. Das hat das Villenviertel am Berg ganz wesentlich verändert und tut dies auch weiterhin.

Die erste Bebauungswelle findet in den 1960er und 1970er Jahren statt, als das Rhein-Main-Gebiet immer mehr Menschen anzieht. Ein Hofheimer, dessen Eltern 1964 ein Grundstück für den Hausbau erworben haben, weiß noch gut, dass in der Familie immer darüber gesprochen wurde, wie tief man vergleichsweise damals schon dafür in die Tasche greifen musste. „80 D-Mark pro Quadratmeter!“, hat er den Preis noch im Ohr. In Kommunen wie Rüsselsheim sei der Quadratmeter zeitgleich für 6 bis 8 DM zu haben gewesen.“ In seiner Nachbarschaft ging vor kurzem ein Grundstück für 1300 Euro pro Quadratmeter weg, sagt er noch.

Der ständig weiter steigende Quadratmeterpreis, der gerade in Lagen wie dem Kapellen- oder Rosenberg längst mithalten kann mit schon länger besonders teuren Pflastern wie Bad Soden oder Königstein, ist ein Grund, warum gerade im Erbfall oder bei Besitzerwechseln, wenn jemand ausgezahlt oder ein Kauf finanziert werden muss, ein Stück Garten zu Geld gemacht wird.

Zum Teil wurden und werden Grundstücke aber auch zu sozialen Zwecken deutlich stärker ausgenutzt, als es ursprünglich der Fall war. Beispiele sind das Krankenhausgelände nebst dem angrenzenden früheren Friedhof, oder das Altenheim Haus Maria Elisabeth, das 1975 auf dem Gelände der früheren Villa des Farbwerksdirektors Dr. Martin Rohmer (†1941) entstand. Das Grundstück hatte das kinderlose Ehepaar Rohmer zu diesem Zweck den Schwestern von der Heiligen Elisabeth vermacht. Die Schwestern von Lucie Rohmer, Else und Martha Heilscher, stifteten das 1963 eröffnete Martha-Else-Haus, das mehrfach erweitert wurde und demnächst nahezu komplett neu errichtet werden soll. Jüngstes Beispiel: Im ehemaligen, rund 3200 Quadratmeter großen Park der Villa Schulze-Kaleyss an der Straße Im Klingenborn soll von der Hofheimer Wohnungsbaugesellschaft ein Mehrgenerationen-Projekt mit 2315 Quadratmetern Wohnfläche umgesetzt werden.

In der Kurhausstraße wird gerade einmal mehr ein zweites Haus in den Garten eines Villengrundstücks gebaut. Für Abriss und größere Neubebauung gibt es aktuelle Beispiel in der Kurhausstraße, Feldbergstraße, Im Klingen oder im Kreuzweg.

Nach und nach verändert sich das Bild also immer weiter. Wo einmal Grünland war, später dann Villen mit parkähnlichen Gärten standen, rückt man dichter zusammen. Das ehemals stark durchgrünte Edel-Wohnquartier ähnelt von der Ausnutzung her immer mehr neueren Baugebieten wie dem Steinberg. Dem Flair mag das Abbruch tun, der Begehrtheit der Lage aber offenbar nicht. Die ist auch heute im Grunde nur etwas für gut Betuchte – oder für Erben.

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