Pandemie

"Wir können uns aufeinander verlassen"

  • VonManfred Becht
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2021 ist vorbei, aber das Thema Corona wird auch im neuen Jahr alle betreffen, so viel steht fest. In verschiedenen Funktionen haben die Menschen aber auch unterschiedliche Erwartungen, genau wie sie in den zurückliegenden Monaten unterschiedliche Erfahrungen mit der Pandemie gemacht haben. Wir haben uns in Hofheim umgehört.

A rmin Beck, Hausarzt, sieht sich als positiv denkenden Menschen. "Mir gehen Meldungen von Presse, Funk und Fernsehen sowie selbstberufene Experten, die immer alles schwarz sehen, fürchterlich auf die Nerven", sagt er. Beck verspricht sich auch einiges davon, dass mit Karl Lauterbach ein Mediziner Bundesgesundheitsminister geworden ist. Und er wird auch selbst als Arzt aus dem persönlichen Umfeld immer wieder auf das Coronavirus und seine Mutationen angesprochen. "Unsere Expertise ist auch hier gefragt." Der Berufsalltag, das ist keine Überraschung, wird von Corona stark geprägt. Seit der ersten Welle gibt es eine regelmäßige Sprechstunde für Infektpatienten - wie lange sie dauert, hängt von der aktuellen Lage ab. Festzustellen seien immer mehr Angststörungen und Vereinsamung unter den Patienten. Helfen könne man aber nur denen, die sich melden. Ein weiteres Problem: Nach den ersten Corona-Wellen habe man verstärkt schwere Krankheiten diagnostiziert, die wegen der Pandemie verdrängt worden waren.

Als Humorist muss Bernhard Westenberger, einer der beiden Chefs des Showspielhauses, von Berufs wegen Optimist sein. Aber leicht fällt es ihm nicht: "Wir freuen uns auf das Jahr 2022, auch wenn es startet wie das letzte: Als Hängepartie und mit der Furcht vor einer erneuten Schließung." Krisenmanagement ermüde auf die Dauer, man müsse sich immer neu motivieren. Was hilft? Mitarbeiter, die als Team funktionieren, ein hilfsbereiter Vermieter, und viel Zuspruch vom Publikum. Bernhard Westenberger kann der Krise Positives abgewinnen. Wer weiß, ob das Showspielhaus ohne Pandemie in eine Lüftungs- und Klimaanlage investiert hätte, die es aber dauerhaft ermöglicht, ganzjährig zu arbeiten. "Vor allem aber haben wir festgestellt, dass wir uns uneingeschränkt aufeinander verlassen können", sagt Westenberger. Auf andere hingegen nicht - von der Regierung hätte man sich schnellere und klarere Vorgaben gewünscht. "Die Kommunikation unserer Regierung in der Krise ist katastrophal."

R einhardt Schellenberg, Pfarrer der evangelischen Thomasgemeinde, ist auch nicht glücklich mit den Vorgaben: "Die Regeln ändern sich ständig. Das nervt total. Alles Planen geschieht immer unter Vorbehalt", sagt der Geistliche. Wobei er die Frage offen lässt, ob es überhaupt eine andere Chance gab, als auf Sicht zu fahren. Immerhin habe seine Gemeinde Möglichkeiten gefunden, vieles stattfinden zu lassen - begünstigt auch davon, dass sie über eine große Kirche, einen großen Gemeindesaal verfügt und ein großes Außengelände hat. Für Schellenberg kann es eine sinnvolle Alternative sein, Besprechungen als Video-Konferenz abzuhalten, das persönliche Gespräch lasse sich dadurch aber nicht ersetzen. "Eine normale Chorprobe im Gemeindesaal ist etwas anderes, das wir sehr vermissen." Der evangelische Pfarrer rechnet damit, dass es noch eine Weile Einschränkungen geben wird. Aber: "Auf das erste Gemeindefest, das erste Konzert unserer Kantorei, die erste Konfirmation in einer Nach-Corona-Zeit freue ich mich wie ein kleines Kind auf Weihnachten."

In einem Punkt geht es den Vereinen ähnlich wie den Kirchengemeinden: Gemeinsame Aktivitäten kann man nur bedingt durch Online-Veranstaltungen ersetzen. "Der Wesenskern unseres Vereins ist doch, Menschen zusammenzubringen und gemeinsam Sport zu treiben", sagt Christian Peter, Vorstandssprecher des TV Diedenbergen . Und weil dies wichtig sei, geht er optimistisch ins neue Jahr: "Ich bin überzeugt, dass der Wunsch nach Miteinander und persönlichem Austausch auch diese Krise überdauert." Die Vereinsarbeit an die bestehenden Einschränkungen anzupassen, dass sei die Herausforderung der Pandemie-Zeit gewesen. Häufige Änderungen der Vorgaben führten immer wieder zu Anpassungs-Aufwand, berichtet Peter, aber manches habe sich inzwischen auch gut eingespielt. Der damit verbundene organisatorische Aufwand sei aber ein Problem. "Der Vorstand arbeitet rein ehrenamtlich für den Verein, neben Beruf und Familie", gibt er zu bedenken. "Wir freuen uns, wenn wieder mehr Kapazitäten für sportnahe Themen zur Verfügung stehen."

A nette Wenzel, Leiterin der Bodelschwingh-Schule, fällt es deutlich schwerer, dem neuen Jahr optimistisch entgegen zu blicken. Die Omikron-Variante des Coronavirus wecke weithin die Befürchtung, dass man sich nicht schützen könne, ist ihr Eindruck. "Da geht die Sicherheit etwas verloren." Wobei sie sich freut, dass es gelungen ist, an ihrer Förderschule eine Impfaktion zu organisieren, an der sich viele beteiligten, auch das Küchenpersonal, Therapeuten, Busfahrer. "Man fährt auf Sicht", schildert sie den Schulalltag, was die organisatorischen Fragen angehe. Sie habe immer darauf gesetzt, sehr vorsichtig zu agieren, sich ausführlich zu informieren und Entscheidungen möglichst frühzeitig zu treffen. "Damit macht man sich nicht immer beliebt", hat Anette Wenzel festgestellt. Umso wichtiger sei es, im Team zu entscheiden. In der Schule fehle vor allem die Beziehungsarbeit mit den Schülern, es fehlten Rhythmus und Rituale. Positiv streicht sie heraus, dass die Schüler verantwortungsbewusst mit der Situation umgingen und manche ein Stück an Eigenverantwortlichkeit gewonnen haben. Einen großen Schritt nach vorne habe die Schule bei der Digitalisierung gemacht.

In dieser Hinsicht hat Torsten Gunnemann, Vorstand des Caritasverbandes Main-Taunus, die gleichen Erfahrungen gemacht: In Sachen Digitalisierung habe sich in seinem Verband ebenfalls viel bewegt. Beratungen auch online anzubieten, darüber habe man zwar früher bereits diskutiert, in der Pandemie habe man es aber auch umgesetzt. "Das ist nicht mehr wegzudenken", sagt er mit Blick auf die Zukunft. Über die er sich keine übermäßigen Sorgen macht. "Für mich ist das Glas immer halb voll", so Gunnemann. Es komme darauf an, Solidarität und Zusammenhalt zu bewahren. Das bringt ihn auch noch einmal zum Thema Digitalisierung zurück. Aufpassen müsse man, dass diejenigen nicht abgehängt werden, die die digitalen Möglichkeiten schlichtweg nicht haben. Die Corona-Krise habe soziale Gegensätze eher verschärft - Schüler, die zu Hause in einer kleinen Wohnung wohnen, finden weder Platz noch Ruhe zum Lernen. Und die Caritas habe es mit neuen Klienten zu tun bekommen - plötzlich hätten Solo-Selbstständige die Beratungsangebote genutzt, die dort früher nie gesehen wurden. "Mich treibt schon um, wie wir das alles wieder in den Griff bekommen."

FOTOs: privat/nietner/knapp

Bernhard Westenberger (links)
Reinhardt Schellenberg
Christian Peter
Anette Wenzel
Torsten Gunnemann

Rubriklistenbild: © Friedrich Reinhardt

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