rofessor Detlef Gronenborn von der Universität Mainz leitet die Forschungsarbeiten auf dem Kapellenberg. Der dort entdeckte Grabhügel stammt aus der Michelsberger Kultur, einer jungsteinzeitlichen Kultur in Mitteleuropa. Fotos: Knapp
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rofessor Detlef Gronenborn von der Universität Mainz leitet die Forschungsarbeiten auf dem Kapellenberg. Der dort entdeckte Grabhügel stammt aus der Michelsberger Kultur, einer jungsteinzeitlichen Kultur in Mitteleuropa. Fotos: Knapp

Wissenschaft

Wissenschaftler finden am Hofheimer Kapellenberg ein Hügelgrab aus der Jungsteinzeit

  • vonManfred Becht
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Hügelgrab macht Hofheim zu einem Forschungsschwerpunkt. Entstanden ist der Hügel zwischen 4200 und 4100 vor Christus.

Hofheim -Hätten die Michelsberger, eine jungsteinzeitliche Kultur, die Gräber für ihre Führungspersönlichkeiten aus Stein gebaut, dann stünde auf dem Kapellenberg wohl eine Pyramide. Weil das aber vor 6500 Jahren in hiesigen Breiten nicht Stand der Technik war, ist es ein Grabhügel geworden. An diesem hat der Zahn der Zeit zwar kräftig genagt - aber wenn man es gezeigt bekommt, sieht man den Hügel immer noch. Immerhin ist das, was davon übrig geblieben ist, sechs Meter hoch und hat einen Durchmesser von 90 Metern.

Vom Weg aus, der vom Meisterturm aus in Richtung Gundelhard führt, ist die Stelle zwar leicht zu finden, genau dort biegt ein Pfad in Richtung Lorsbachtal ab. Zu sehen ist aber nur ein leichter, hügeliger Anstieg im Gelände. Folgt man diesem Weg aber, und schaut nach 30 Metern genauer hin, kann man das Rund des Grabhügels noch gut erkennen. Ein Stück weiter des Wegs, und es zeigt sich, dass die Angabe von sechs Metern Höhe nicht übertrieben war.

Merkwürdig vorgekommen sei ihm die Situation schon wiederholt, berichtet Professor Detlef Gronenborn von der Universität Mainz, der die Forschungen auf dem Kapellenberg leitet. Dann war er dort mit einem Geologen unterwegs, der ihm ungefragt erklärte, diese Geländeformation sei nicht natürlichen Ursprungs, also von Menschenhand gemacht. Eine neuartige radargestützte Untersuchungsmethode aus der Luft schließlich zeigte die kreisrunden Konturen der Anlage ganz eindeutig an. Für die Archäologen war klar, dass es sich um einen Grabhügel handelt.

Entstanden ist der Hügel zwischen 4200 und 4100 vor Christus. Der Bau markiert damit das Ende einer ersten Siedlungswelle der Michelsberger Kultur, die etwa um das Jahr 7000 vor Christus aus dem Pariser Becken - aus bislang ungeklärten Gründen - in die Region kamen. Kurz nach dem Bau des Grabhügels gab es erste Zerstörungen am Ringwall, der damals die Ansiedlung auf dem Kapellenberg umschloss. Brandspuren wurden gefunden. Die Siedlung wurde aufgegeben, Gronenborn vermutet Konflikte oder soziale Unruhen. Der Verdacht liegt nahe, dass sich die Menschen unter anderem in der in den letzten Jahren ebenfalls erforschten Siedlung in Hattersheim nieder ließen - die zeitliche Abfolge passt jedenfalls.

Im Zuge einer neuen Einwanderungswelle etwa vom Jahr 3000 an wurde der Kapellenberg erneut besiedelt, diesmal kamen die Menschen allerdings aus dem Gebiet der heutigen Ukraine. Ob dann, wie 1000 Jahre zuvor, erneut bis zu 900 Menschen auf dem Berg lebten, ist unklar. Fest steht dagegen, dass im vergangenen Jahr erforschte Reste eines Hauses nahe des Meisterturms noch einmal mehrere hundert Jahre jünger sind.

Wie gelang nun die Datierung auf die Zeit um 4100 vor Christus? Dafür spielen zwei Beile aus Jade eine wichtige Rolle, die das Stadtmuseum aufbewahrt, die aber schon Ende des 19. Jahrhunderts gefunden wurden. Die Fundstücke sind sehr wertvoll, so dass sie damals nur sehr hochgestellten Persönlichkeiten gehört haben können - nur für solche wurden auch umfangreiche Grabhügel gebaut. Bislang war man davon ausgegangen, dass sie direkt am Ringwall gefunden worden waren.

Aber bekannt ist, dass in den 1870er Jahren die Waldwege am Kapellenberg neu angelegt wurden. Dabei wurde auch der Grabhügel durchschnitten - durch den jetzt noch bestehenden Weg. Pfennigmünzen aus den 1870er Jahren, die dort gefunden wurden, beweisen das. Wenige Jahre später wiederum wurden die Beile beim Landesarchäologen abgegeben. Sowohl zeitlich als auch der Sache nach ist die Vermutung plausibel, dass diese Beile aus dem jetzt identifizierten Hügelgrab stammen. Ob dort am Hügelgrab oder an anderer Stelle auf dem Kapellenberg in Zukunft gegraben wird, steht noch nicht so genau fest. Klar ist dagegen, dass man nicht auf Reste menschlicher Skelette stoßen würde. "Der Boden ist so sauer hier", sagt Gronenberg. "Wenn man da einen Hühnerknochen in den Wald wirft, ist er ein Jahr später verschwunden." Böse ist er über diese Verhältnisse nicht. Hätte der Boden nämlich eine bessere Qualität, dann wäre dort womöglich irgendwann Ackerbau betrieben worden - und dann würde man aus der Zeit der Michelsberger überhaupt nichts mehr finden.

So aber hat Hofheim in der Erforschung der Jungsteinzeit inzwischen einen großen Stellenwert. In ganz Mitteleuropa gebe es aus dieser Zeit kein so gut erhaltenes Hügelgrab mehr, sagt Gronenborn, ein ähnliches wurde noch in der Bretagne gefunden. Das Hofheimer Bodendenkmal bezeichnete er als "globales Schwergewicht" - das hörte Bürgermeister Christian Vogt gerne, der ankündigte, dass die Stadt auch in Zukunft die Forschungsarbeiten unterstützen wolle.

Info:

Seit mehr als zehn Jahren erforschen Archäologen die Siedlungsspuren auf dem Kapellenberg, und in jedem Jahr gibt es neue Erkenntnisse, die das Bild vervollständigen. Dass dies bei den Hofheimern auf großes Interesse stößt, zeigt die starke Beteiligung an den Führungen, die gelegentlich angeboten werden. In absehbarer Zeit wird es nun möglich sein, mehr über die Geschichte der Bergkuppe zu erfahren, auch ohne einen Archäologen oder anderen Sachverständigen mitzunehmen. Höchstwahrscheinlich noch vor den Sommerferien wird ein archäologischer Rundweg auf dem Kapellenberg eröffnet. Eine Reihe von Schrifttafeln sollen auf die Dinge hinweisen, die man im Gelände erkennen kann - und auf den Zusammenhang mit den Ergebnissen, die die verschiedenen Grabungen erbracht haben. Der Druck der Schrifttafeln habe sich wegen der Corona-Pandemie verzögert, sei aber nun angelaufen, berichtet der Grabungsleiter, Professor Detlef Gronenborn. Dass die Tafeln später einmal ergänzt oder geändert werden müssen, dafür will er selbst sorgen - nach seinen Vorstellungen sollen die Forschungen auf dem Berg noch Jahre weiter gehen

manfred becht

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