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Betretene Gesichter im Gemeindezentrum von St. Peter und Paul: Wohnhilfe-Geschäftsführer Marcus Krüger, Vereinsvorsitzender Günter Adam und sein Stellvertreter Ottmar Vorländer (von links).

Wohnhilfe

Hofheimer Wohnhilfe steht vor dem Aus

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Seit 1991 gibt es die Ökumenische Wohnhilfe. Nun muss der Verein seine Arbeit weitgehend einstellen. Es fehlt an Geld. Der Caritasverband hat die Partnerschaft aufgekündigt.

Der Verein Ökumenische Wohnhilfe im Taunus sieht sich gezwungen, seine Arbeit deutlich einzuschränken. Sowohl das Beratungsangebot wie die Vermittlung von Wohnraum für Menschen, die auf dem freien Markt sehr geringe Chancen haben, eine Wohnung zu finden, müsse eingestellt werden, teilte der Vereinsvorsitzende Günter Adam gestern im Rahmen einer Pressekonferenz mit. Der Grund: Der Wohnhilfe fehlen die finanziellen Mittel, (Adam spricht von 50 000 Euro pro Jahr), um den bisherigen hauptamtlichen Geschäftsführer Marcus Krüger und die mit halber Stelle als Wohnraumvermittlerin tätige Lea Adam weiter zu beschäftigen. Der Vermittlerin wurde betriebsbedingt zum 30. November gekündigt, Krüger, der seit 27 Jahren dabei ist und vor allem Beratungs- und Verwaltungsarbeit leistet, zum 31. März.

Das Finanzloch hat zwei Ursachen. Zum einen seien die Mittel, die der Verein vom Main-Taunus-Kreis und einigen Kommunen für seine Arbeit erhält, seit Jahren nicht erhöht worden, obwohl die Kosten unter anderem aufgrund tariflicher Veränderungen gestiegen seien, erläuterte Schatzmeister Manfred Karp. Doch während dieses Problem nicht neu ist, gibt es seit einigen Monaten eine Entwicklung, die nun die Wohnhilfe vor das Aus bringt. Denn der Caritasverband Main-Taunus hat die Zusammenarbeit mit dem Verein aufgekündigt. Bereits im Mai beendete er das Beschäftigungsverhältnis von Marcus Krüger, der über mehr als 20 Jahre mit halber Stelle als Koordinator des vom Caritasverband getragenen Sozialbüros gearbeitet hatte und von diesem dafür auch bezahlt wurde, aber Angestellter des Wohnhilfe-Vereins war.

Ein rechtliches Problem, das durch zwei getrennte Arbeitsverträge hätte gelöst werden können. Während Marcus Krüger sagt, „unter fairen Bedingungen wäre das möglich gewesen“, vertritt Caritas-Geschäftsführer Torsten Gunnemann die Ansicht, faire Bedingungen geboten zu haben, dem gültigen Tarif entsprechend. Unterschiedliche Darstellungen gibt es auch, was die Gesprächsbereitschaft des jeweils anderen oder die Möglichkeit des Einblicks in die wirtschaftlichen Verhältnisse des Vereins betrifft.

Der Caritasverband hat die Koordinatorenstelle im Sozialbüro inzwischen ausgeschrieben, Bereichsleiterin Christine Seibert hat sie kommissarisch inne. Krügers Stelle allein finanzieren kann der Wohnhilfe-Verein auf Dauer nicht. Daher müsse man nun „leider die von Anfang an sehr gute Zusammenarbeit“ beenden, so Günter Adam. Die rechtlichen Bedenken zu Krügers Arbeitsverhältnis hält der Vereinsvorstand aber nicht für den eigentlichen Kern des Problems. Ottmar Vorländer, Zweiter Vorsitzender bei der Wohnhilfe und vor Gunnemann langjähriger Caritas-Geschäftsführer, zeigte sich überzeugt, seinem Nachfolger passe „die Richtung nicht“, die der Verein mit seiner „dialogisch-kritischen Auseinandersetzung im Bereich der Sozialpolitik im MTK“ vertrete. Quintessenz auch anderer Äußerungen: Da der Kreis für den Verband ein wichtiger Partner sei, wolle Gunnemann diesen nicht verärgern. Landrat Michael Cyriax (CDU) hat übrigens laut Adam im September das Kuratorium der Wohnhilfe verlassen und dies mit beruflicher Überlastung begründet.

Der Caritasverband erklärte gestern, er verstehe sich als „christlicher und sozialpolitischer Akteur – als praktischer Vermittler zwischen Kirche, Politik und Gesellschaft.“ Dagegen sei die Ökumenische Wohnhilfe „ein eigenständiger, weltanschaulich unabhängiger Verein. Der unterschiedliche Ansatz in der Begründung des Engagements ist so groß“, dass beide künftig eigene Wege gehen, „um das Thema ,Wohnungsnot’ zukunftsfähig aufzustellen und Betroffenen helfen zu können.“

Nicht nur für Vorländer und den früheren katholischen Bezirksreferenten Günter Adam eine Abgrenzung, die „uns sehr, sehr weh tut“, zumal man jahrzehntelang von den Kirchen als „sozialpastorales Aushängeschild“ gesehen worden sei und viel Lob und Dank und auch finanzielle Unterstützung erhalten habe.

Der katholische Bezirksdekan Klaus Waldeck sagte gestern auf Anfrage, er bedauere sehr, dass da ein Konflikt entstanden sei, der eskaliert sei. Es sei „immer besser, wenn sich Player, die in einem Bereich unterwegs sind, arrangieren können.“

Info: 

„Wir sind auch obdachlos“

456 Beratungen und 26 Wohnungsvermittlungen hat die Ökumenische Wohnhilfe 2017 im Main- und Hochtaunuskreis geleistet. So steht es im gestern vorgelegten Jahresbericht. Der Verein besitzt zwei eigene Gebäude mit insgesamt 12 Wohnungen. Möglicherweise müsse man wegen der finanziellen Situation eines davon verkaufen, so Vorsitzender Günter Adam. Da der Aufwand an Verwaltung und Betreuung zu hoch sei für den ehrenamtlichen Vorstand, werde die Wohnhilfe zudem einen Großteil der 60 von ihr angemieteten Wohnungen an deren Eigentümer zurückgeben. Darunter sind 18 Wohnungen des MTK in Flörsheim, 19 Wohnungen von Kirchengemeinden und 20 von Privatleuten. Der Verein, der noch einen technischen Mitarbeiter mit 40 Prozent Stellenumfang beschäftigt, will seine Arbeit reduziert fortsetzen. Dafür brauche er weiter Spenden und Zuschüsse. Der gemietete Raum im Sozialbüro, wo man bislang Verbundpartner war, wurde vom Caritasverband zum 31. März gekündigt. Adam: „Wir sind auch obdachlos.“ (babs)

Kommentar unserer Reporterin Barbara Schmidt:

Keine Werbung für die Kirche(n)

Unter dem Eindruck der Flüchtlinge vom Balkan und der Not, sie unterzubringen, fanden sich 1991 Menschen zusammen, die tun wollten, was Christen tun sollen: Den Schwachen beistehen. Und das bewusst über Konfessionsgrenzen hinweg. Ein Verein kam dabei heraus, auf dessen Arbeit viele Kirchenvertreter lange stolz waren. Dass er nun vor dem Aus steht, wirft einmal mehr kein gutes Licht auf das „Bodenpersonal“ des Herrn Jesus, das doch eigentlich ein Beispiel für gutes Miteinander geben sollte. „Seht, wie sie einander lieben“, wurde laut Apostelgeschichte einst über die urkirchliche Gemeinde gestaunt. Im Konflikt zwischen Caritas und Wohnhilfe bleibt ein anderes Bild hängen. Vermittlungsbemühungen selbst auf Bistumsebene seien gescheitert, sagen die einen. Die anderen sagen, solche hätten gar nicht wirklich stattgefunden. Aber wo kein Wille, da eben auch kein Weg – und das liegt, wie die Erfahrung lehrt, selten nur an einer Seite. Was wirklich schade ist: Menschen, die sich ehrenamtlich und finanziell engagiert haben für die Wohnhilfe und ihren Förderverein, muss das frustrieren. Noch schlimmer wäre aber, wenn am Ende die leiden, für die die Wohnhilfe sich eingesetzt hat. Da hat der Caritasverband jetzt eine Verantwortung.

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