Akrobatiklehrer

Zirkus als Lebensschule

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Zirkus ist für den Artisten eine Schule fürs Leben. Daniel Mathez machte die Akrobatik stark – nun gibt er seine Erfahrung an den Nachwuchs weiter.

An Daniel Mathez fällt zuerst sein Blick auf. Freundlich ist er, aber auch fest. Und durchdringend. Als überlege er bei seinem Gegenüber zuerst, für welche Zirkuskunst es sich eignet. Für Akrobatik? Jonglage? Den Balanceakt auf dem Seil? „Zirkus ist meine Leidenschaft. Es bedeutet, über sich hinauszuwachsen“, sagt Mathez. Über 20 Jahre lang begeisterte er als Artist sein Publikum, dann tauschte er die Bühnen der Welt gegen eine Wohnung in Hofheim ein und wechselnde Engagements gegen eine Stelle als Akrobatiklehrer beim Darmstädter Mitmachzirkus Waldoni.

Gewöhnlich ist sein Leben trotzdem nicht. Das sieht, wer ihn beim Training besucht. Mathez steht in der Übungshalle der Anlage, ein schlanker 50-Jähriger mit muskulösen Oberarmen und schmalem Gesicht. Um ihn herum üben Jugendliche Handstände und Saltos, der Boden schwingt unter ihren nackten Füßen. Ein Junge hebt langsam seine Partnerin hoch und lässt sie auf seinem Haupt einen Kopfstand machen. Mathez nickt: „Konzentriert euch auf den anderen.“ Er spricht mit französischen Akzent, manchmal rollen ihm die Redewendungen seiner Muttersprache von der Zunge: „On y va“, sagt er und klatscht in die Hände, „auf geht’s“.

Seit drei Jahren fährt Mathez fast täglich von Hofheim nach Darmstadt-Eberstadt, auf ein großes Gelände mit Wohnwagen und einem Zirkuszelt. Was als Arbeitsgemeinschaft an der Waldorfschule 1999 begann, hat sich zu einem riesigen Angebot entwickelt: Kinder und Jugendliche lernen hier Kunststücke, präsentieren eigene Programme und messen sich mit anderen Artistikschulen.

Mathez wirkt stolz, wenn er seine Schützlinge beim Üben beobachtet. „Ich selbst habe spät damit begonnen, erst mit 20.“ Er war ein schmaler Junge aus einem Pariser Randgebiet, in dem viel Beton vorherrscht und viel Trostlosigkeit. Mathez trieb Sport, stemmte Gewichte, er wollte der Tristesse entkommen. „Viel Bezug zum Zirkus hatte ich nie. Aber ab und zu sah ich Aufnahmen aus den großen Manegen. Ich war fasziniert von den Artisten, von dieser Welt“, berichtet er.

Eine Welt, die ihm mehr Möglichkeiten zu bieten schien. Also wagte er die Aufnahmeprüfung für das „Centre national des arts du cirque“ in der Champagne, einer der großen staatlichen Zirkusschulen Frankreichs. Und bewies Talent. „Ich habe mich auf Akrobatik spezialisiert. Dafür brachte ich durch mein Gewichtstemmen schon viel Kraft mit“, erzählt Mathez. „Aber zur Ausbildung gehörten auch die anderen Disziplinen wie Jonglage, Trapez, Drahtseil oder Äquilibristik – die Kunst des Balancehaltens.“ Auch Clownerie reizt ihn; „Ich arbeite zusätzlich als Lehrer in der Lorsbacher Clownschule“.

Nach seiner Ausbildung reiste Daniel Mathez seinen Engagements hinterher. Er sammelte Preise, wurde unter anderem beim internationalen Zirkusfestival von Monte Carlo als bester Artist ausgezeichnet. „Meine Arbeit führte mich nach Deutschland: Ich trat im Berliner Varieté Wintergarten auf, im Frankfurter Tigerpalast und im Neuen Theater Höchst. Dort“, Mathez schmunzelt, „habe ich meine Frau kennengelernt.“ Sie zogen nach Hofheim. „Ich mag es hier“, sagt er, „eine gemütliche Stadt.“ Manchmal trifft man ihn bei einem Kaffee im Café Tass, früher lag dann auch „Gaston“ zu seinen Füßen, ein stattlicher Basset-Hund.

So entschleunigte sich Mathez’ Leben. Und er erkannte: „Man kann nicht ewig auf der Bühne stehen. Ich wollte mein Wissen an den Nachwuchs weitergeben. Also wurde ich Trainer.“ Denn Zirkus, sagt Mathez, sei viel mehr als Tricks aufzuführen; das wolle er den jungen Leuten vermitteln. „Sie arbeiten auf etwas hin. Sie lernen, anderen zu vertrauen, Ängste zu überwinden. Sie tasten sich an Fähigkeiten heran. Sie erleben Applaus und Anerkennung. Aber sie lernen auch, mit Misserfolg umzugehen, wenn ein Trick eben nicht funktioniert.“ Eine Schule des Lebens zwischen Zeltplanen, in der jeder seinen Platz findet. Und jeder gebraucht wird. „Das macht vor allem Kindern aus schwierigen Verhältnissen Mut“, sagt Mathez. „So wie mir damals.“

Ab und zu schafft es einer seiner Schützlinge, im Geschäft Fuß zu fassen. Lea, eine zierliche 25-Jährige mit Sommersprossen, ist beim Zirkus Waldoni, seit das Projekt ins Leben gerufen wurde. Nach dem Abitur wurde sie auf der Zirkusschule in Lyon aufgenommen. Vor kurzem hat sie mit einer Freundin eine Kompanie gestartet; sie turnen am chinesischen Mast, einer langen Stange. „Ohne Daniel hätte das kaum geklappt“, sagt sie: „Er weiß, was er tut. Er braucht einem nur kurz zuzusehen und weiß genau, welche Details man noch üben muss.“ Sie grinst. „Er hat da diesen besonderen Blick.“

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