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"Zu sehr auf Gymnasium und Studium fixiert"

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Von: Manfred Becht

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Matthias Oppel, Geschäftsführer der Arbeitsagentur Bad Homburg, die auch für den Main-Taunus-Kreis zuständig ist.
Matthias Oppel, Geschäftsführer der Arbeitsagentur Bad Homburg, die auch für den Main-Taunus-Kreis zuständig ist. © BA

Die Corona-Pandemie hat auch auf dem Arbeitsmarkt erhebliche Spuren hinterlassen. Welche werden bleiben, und wie geht es weiter? Darüber und über andere Fragen im Zusammenhang mit der seit zwei Jahren andauernden Krise sprach unser Reporter Manfred Becht mit Matthias Oppel, dem Vorsitzenden der Geschäftsführung der Arbeitsagentur Bad Homburg. Diese ist für die Landkreise Main-Taunus, Hochtaunus und Groß Gerau zuständig.

Herr Oppel, über die beiden vergangenen Jahre betrachtet, scheint der Arbeitsmarkt die Corona-Pandemie gut wegstecken zu können, die Arbeitslosigkeit ist ja wieder gesunken. Oder täuscht der Eindruck?

Oppel: Ja und nein. Vor Corona hatten wir im Main-Taunus-Kreis 4000 Arbeitslose, vor einem Jahr 6000, jetzt 5000. Das ist schon wieder eine deutliche Verbesserung, aber die Krise ist auch noch nicht vorbei. Wir haben es schon mit enormen Zahlen zu tun.

Welches waren die entscheidenden Faktoren für die Entwicklung?

Die Kurzarbeit hat sehr viel aufgefangen. Ohne dieses Instrument hätte es auf dem Arbeitsmarkt eine Katastrophe gegeben. Die Dimensionen kann man ganz gut bei der Arbeitsagentur erkennen: Gewöhnlich haben wir in Hessen dafür 50 Mitarbeiter, während der Krise sind es jetzt bis zu 900.

Das klingt so, als habe die Pandemie auch die Arbeitsagentur gehörig verändert.

Das kann man so sagen. Wir mussten in weiten Teilen unsere Arbeitsweise umstellen, weg von den Präsenzterminen, hin zu Kontakten per Telefon oder Internet. Das hat aber besser geklappt als gedacht. Sehr entgegen kam uns dabei, dass wir mit der Digitalisierung schon recht weit sind. Deshalb konnten wir alles, was kam, schnell und effizient bearbeiten.

Und was sagen die Kunden?

Die Leute haben gemerkt, dass wir auf vielen Wegen gut erreichbar sind. Für die meisten war es kein Problem, nicht physisch zu uns zu kommen. Schwierig ist es für alle, die nicht richtig deutsch sprechen können.

Die gehören dann zu den Verlierern der Pandemie, zumindest, was den Arbeitsmarkt angeht.

Genau. Probleme haben all die, die auch ohne Pandemie Probleme haben. Das sind die mit mangelhaften Deutschkenntnissen, und das sind die ohne Schulabschluss oder ohne Berufsausbildung. Die Problembranchen sind die Gastronomie, der Handel und der Flughafen.

Die Situation im Main-Taunus-Kreis ist ja immer überdurchschnittlich gut. Warum eigentlich?

Der Grund ist eindeutig die Nähe zu Frankfurt und die Lage mitten im Ballungsraum, das bringt viele Arbeitsmöglichkeiten. Man darf sich aber von den niedrigen Zahlen zum Stichtag nicht täuschen lassen - die Bewegungszahlen sieht man nicht. Viele melden sich, weil sie arbeitslos geworden sind, melden sich aber mit einem neuen Job auch gleich wieder ab. Die Bereitschaft, einen Arbeitsplatz aufzugeben, ist im Ballungsraum viel größer als auf dem Land, eben weil man schnell wieder etwas Neues findet.

Was kann die Politik unternehmen, dass die Situation in der Region so gut bleibt?

Die Politik tut schon recht viel. Nachholbedarf gibt es beim Thema Fachkräftemangel. Schüler, die nie Werkunterricht hatten, kommen nicht auf die Idee, einen Handwerksberuf zu lernen. Solange Programmiersprachen kein Pflichtfach sind, werden wir nie ausreichend Informatiker ausbilden. Das Thema muss unbedingt auf der Ebene der Schulen angegangen werden. Das Schulsystem ist zu sehr auf die Gymnasien, das Abitur und das Studium fixiert. Über andere Möglichkeiten und bessere Alternativen wissen Schüler und Eltern oft gar nicht Bescheid.

Und hätte die Politik mit Blick auf die Corona-Pandemie etwas besser machen können?

Ich glaube, insgesamt hat die Politik zumeist die richtigen Entscheidungen gefällt. Leider wird oft vergessen, dass beschlossene Maßnahmen auch umgesetzt werden müssen, und dass dafür Personal gebraucht wird. Nicht nur in der Arbeitsagentur.

Was bedeutet die Omikron-Welle, macht sie sich bemerkbar?

Ja, die Kurzarbeit-Anzeigen nehmen wieder enorm zu. Wir haben das Personal dafür schon wieder aufgestockt. Wir müssen es wieder schaffen, dass die Leute schnell ihr Geld bekommen.

Was für langfristige Folgen wird die Pandemie auf dem Arbeitsmarkt haben?

Zu beobachten ist, dass viele Leute, die problematische Branchen verlassen haben, nicht wieder zurück wollen. Wer jetzt kündigt und woanders hingeht, der bleibt dann dort auch. Zu Beobachten ist das in der Gastronomie und im Pflegebereich. Im Main-Taunus-Kreis sind das bisher 40 bis 80 Personen. Die gehen nicht groß in irgendeine Statistik ein, werden als Fachkräfte später aber fehlen.

Bleibt noch etwas aus den Zeiten der Pandemie?

Natürlich hat sich das Homeoffice als Alternative zum Büro-Arbeitsplatz etabliert. Viele Betriebe waren skeptisch, haben aber nun - hoffentlich - festgestellt, dass es funktionieren kann.

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