Pharmaindustrie im Main-Taunus

Honorare von der Pharma

  • VonBarbara Schmidt
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Fortbildungen sind in der Medizin unverzichtbar. Ohne die Unterstützung der Pharmaindustrie wäre das ein Problem, meinen alle Befragten.

Wer immer schon mal wissen wollte, was die Pharmaindustrie Ärzten, Kliniken und Einrichtungen aus dem Gesundheitswesen an Geld überweist, kann das jetzt ganz leicht nachschauen, allerdings mit Einschränkung: Denn in der Datenbank, die ein Team aus Journalisten des gemeinnützigen Recherche-Zentrums „Correctiv“ sowie von Spiegel online vor kurzem ins Netz gestellt hat (siehe „Info“), sind nur all die versammelt, die einer Veröffentlichung der 2015 an sie gezahlten Beträge vorab zugestimmt haben. Das sind nach Angaben der Datenbank-Ersteller nur knapp ein Drittel der rund 71 000 in Frage kommenden Ärzte und Institutionen.

Für den Main-Taunus-Kreis ergibt die Eingabe von Postleitzahl oder Ortsname insgesamt 35 Treffer. In der großen Mehrheit sind es Beträge zwischen 160 und 3000 Euro, die Pharmafirmen im vergangenen Jahr an Honoraren, Reisekosten, Spesen, Tagungsgebühren oder Sponsoring überwiesen haben. Besonders ins Auge springt aber die stolze Summe von 412 641,50 Euro, gezahlt von insgesamt elf Pharmafirmen, die an das „Forum für medizinische Fortbildung“, kurz Fomf, in Hofheim geflossen ist.

Der Fortbildungs-Spezialist

Der Kardiologe Dr. Wafa Enayati, den mancher vielleicht auch als Vorsitzenden des Geistigen Rats der Bahá’í kennt, ist Mitbegründer und Geschäftsführer des in Deutschland, der Schweiz und Österreich vertretenen Unternehmens, das Fortbildungsveranstaltungen für Ärzte organisiert. „Fomf“ zählt nach eigenen Angaben zu den größten Anbietern von medizinischer Fortbildung im deutschsprachigen Raum, in Hofheim hat die Firma ein Büro im Gebäude der Hofheimer Wohnungsbaugesellschaft in der Elisabethenstraße.

Auf Kreisblatt-Anfrage betont Dr. Enayati, sein Unternehmen lege Wert auf Transparenz und beachte den FSA-Kodex; das sind Verhaltensregeln für die Zusammenarbeit zwischen Pharmafirmen und ihren „Partnern im Gesundheitswesen“, die der Verein für freiwillige Selbstkontrolle der Pharmaindustrie erarbeitet hat. Das Hofheimer Unternehmen wirbt auf seiner Internetseite mit dem entsprechenden Qualitätssiegel. Bei Fortbildungen, die Fomf anbiete, gebe es eine strikte Trennung zwischen dem „sehr hochwertigen“ Programm und der Möglichkeit für Pharmafirmen, für sich und ihre Produkte zu werben, erläutert Enayati.

Das Geld erhalte Fomf für die Standflächen, die es Anbietern der Industrie, also etwa auch Herstellern von Medizintechnik, außerhalb der eigentlichen Veranstaltungsräume anbiete. Vorträge, die „indirekt von der Pharma getriggert“ seien, in denen also beispielsweise die Wirkung eines bestimmten Medikaments vorgestellt wird, gebe es bei Fomf grundsätzlich nicht. Ohne das Geld, das Pharmaunternehmen für die Präsenzmöglichkeit im Umfeld von Fomf-Veranstaltungen zahlten, könnten diese in dieser hohen Qualität, mit renommierten Gastrednern am Podium, nicht durchgeführt werden, sagt Dr. Enayati. Und die strikte Trennung komme bei den Ärzten, die Fomf-Fortbildungen besuchen, sehr gut an.

Die weiße Weste

Auf den Transparenz-Kodex verweist auch das Unternehmen Medi-Plan Notfall-Management in Eppstein, das im vergangenen Jahr 6200 Euro von der Limburger Mundipharma erhalten hat. Geschäftsführer Stephan Wengler sagt, die dahinter stehenden Honorare seien für Referententätigkeiten gezahlt worden. Die Firma, die Ärzte und Unternehmen unter anderem berät, wie eine Notfallausrüstung für die Erste Hilfe aussehen kann, empfehle ihren Kunden nie konkrete Medikamente oder Hersteller, versichert Wengler. Im Übrigen seien die Richtlinien zur Zusammenarbeit mit der Pharmaindustrie mittlerweile so scharf, „dass man nicht mal aus Versehen einen Kugelschreiber da liegen lassen darf“.

Wengler findet: „Man muss nach vorn preschen, um die weiße Weste zu behalten“, deshalb habe sein Unternehmen auch kein Problem mit der Veröffentlichung gehabt, die die Pharmafirmen erstmals für 2015 vorgenommen hatten.

Vortrag als Gegenleistung

Dass die, die einer Offenlegung zugestimmt haben, überzeugt sind, dass sie keinen Grund haben, etwas zu verbergen, darauf weist auch Dr. Thomas Müller hin, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin und Lungenspezialist am Hofheimer Krankenhaus. Er werde ab und zu für einen Vortrag angefragt, sagt Müller. Wenn er eine solche Leistung erbringe, geschehe das immer mit Genehmigung der Kliniken-Geschäftsführung. Ob es ihn beeinflusse, dass dann ein Pharma-Unternehmen (in seinem Fall Novartis Pharma, das 1842 Euro Honorar überwies) für solche Vorträge zahlt? „Das tut es natürlich nicht“, antwortet Müller und bietet spontan an: „Sie können ja gern vorbeikommen und nachschauen, was so an Medikamenten auf meinem Schreibtisch steht. “

Medizinische Fortbildungen seien ohne die Unterstützung der Pharma gar nicht möglich, spricht ein anderer Chefarzt in Bad Soden am Rande eines Gesprächs mit dem Kreisblatt ein grundsätzliches Problem an. Für diese Fortbildungen gebe es keinerlei Budget. Da sich die Medizin aber so rasch weiterentwickle, gehe es ohne Weiterbildung gar nicht.

Dass die Kliniken grundsätzlich „transparent und konsequent“ in diesem Bereich agieren, betont ihr Geschäftsführer Dr. Tobias Kaltenbach. Und das sei nicht erst seit der jüngsten Änderung des Strafgesetzbuches so, das für Ärzte im Korruptionsfall deutlich schärfere Strafen vorsieht. Alle Zahlungen müssten von der Geschäftsführung genehmigt werden, bestätigt Kaltenbach Müllers Auskunft. Die in der Datenbank aufgeführten Zahlungen an die Kliniken selbst wie an einzelne Beschäftigte zeigten ja, dass dies keine große Relevanz habe.

Für die Kliniken selbst werden 1250 Euro an Sponsoring-Geldern für Veranstaltungen gelistet. Zum Vergleich: Das Frankfurter Nordwest Krankenhaus ist mit mehr als 61 000 Euro von der Pharma Spitzenreiter unter den Kliniken der Main-Metropole, allein 17 000 Euro.

Kein Rückruf

Unter den 28 niedergelassenen Ärzten im MTK, die mit der Veröffentlichung einverstanden waren, hat im vergangenen Jahr der Hochheimer Arzt Dr. Ralf Widera die höchste Summe, genau 6053 Euro, überwiesen erhalten. Die Gelegenheit, dazu etwas zu sagen, hat Widera allerdings noch nicht genutzt, die zweifache Rückruf-Bitte blieb unerwidert.

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