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Er gibt jetzt den Takt an: Das kammermusikalische Ensemble der Musikschule Schwalbach hat einen neuen Dirigenten. Ignacio Olivarec Escamilla (55) ist ein Kirchenmusiker und Komponist, der aus Mexiko stammt. Er hat zwei Töchter, die Cello und Geige spielen.

Dirigent des Kammer-Ensembles

Ignacio Olivarec Escamilla über seine Heimat Mexiko, musikalische Früherziehung und japanische Höflichkeit

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Die Musikschule hat einen Neuling in ihren Reihen, der aus Mittelamerika stammt. Ignacio Olivarec Escamilla wollte nur zwei Jahre in Europa bleiben. Schon 30 sind es geworden. Wie kam’s?

„Ihnen macht die Hitze doch nichts aus!“ Häufig hörte Ignacio Olivarec Escamilla diesen Spruch in diesem Super-Sommer. „Dabei bin im mexikanischen Hochland aufgewachsen, mir waren die Temperaturen hier auch zu heiß!“ In Mexiko gebe es alles: schneebedeckte Berge, tropischen Wald, Sand und Meer. „Auch das Essen dort ist um einiges schmackhafter als das, was in Deutschland als mexikanisch gilt“, sagt der 55 Jahre alte Musiker und schmunzelt. „Chili con carne habe ich erst hier kennengelernt.“ 1991 hatte den damals schon studierten Kirchenmusiker ein Stipendium zur weiterführenden Ausbildung nach Europa geführt – „eigentlich für zwei Jahre, daraus sind fast 30 geworden.“

Ein erster Kulturschock ereilt den damals 29-Jährigen schon bei der Ankunft am Flughafen Bremen. „Es stand keiner da, um uns abzuholen.“ Mit bruchstückhaftem Deutsch habe man sich ein – im Vergleich zur Heimat unglaublich teures – Taxi geordert und zum Goethe-Institut fahren lassen. „Das war aber schon geschlossen.“ Irgendwo habe man dann übernachtet. Seinen Deutschkurs absolviert der Neuankömmling in Göttingen, studiert später an der Hochschule Detmold Orchesterleitung und in Frankfurt Komposition. Zwischenzeitlich lebt er mit seiner Familie einige Jahre in Spanien. Heute arbeitet Olivarec als Kirchenmusiker in der Spanischen Gemeinde Frankfurts, leitet ein Blasorchester in Bad Homburg und seit einigen Wochen das Kammerorchester der Schwalbacher Musikschule. Nebenher schreibt er an einer Dissertation zum Thema „Musik als Mittel interreligiösen Dialogs“. Für den Witwer und Vater von zwei halbwüchsigen Töchtern ist die Musik „ein Weg, der Herzen öffnet für ein friedliches Zusammenleben“.

Deutsche Komponisten habe er bereits in der mexikanischen Heimat lieben gelernt, erzählt er. Dies sei „ein echter Schatz, dessen sollten sich die Menschen hier immer bewusst sein“. Auch die Orchesterkultur bedürfe der Pflege. Allerdings sehe er die Gefahr, dass sie mehr und mehr der oberflächlichen Musik weiche. Das sehe er an den vielen Remixen, die den Markt der Popularmusik inzwischen bestimmten. Olivarec: „Wer weiß, ob ein Künstler wie Michael Jackson heute noch eine Chance hätte.“

Mit dem kammermusikalischen Ensemble, das vor zwei Jahrzehnten aus Eltern der Musikschüler gegründet worden war, hält er die klassischen Stücke am Leben. „Der Vorteil an Laien ist ihre Begeisterung“, so seine Erfahrung. Im Augenblick stehen barocke Stücke auf dem Programm, demnächst wolle er lateinamerikanische Stücke ausprobieren. Denn auch die mexikanische Heimat habe gute Komponisten. Er denke an Arturo Márquez (geboren 1950) und seine Danzóns, einen ursprünglich kubanischen Tanz, den seine Großeltern früher eng an eng tanzten. „Konzerte in meiner Heimat laufen ohnehin etwas anders ab als hier“, verrät der Dirigent: „Zwischendurch stehen die Leute auf und tanzen“, nicht so hierzulande. An die deutsche Mentalität habe er sich erst gewöhnen müssen. Bei Unterhaltungen habe er wegen der Tonlage oft gedacht, dass Leute streiten. „Wir Mexikaner sind sehr höflich, vielleicht ein wenig wie die Japaner.“

„Mein Vater liebte die Oper“, erzählt Olivarec. Den Wunsch seines Sohnes, Musiker zu werden, habe er anfangs nicht befürwortet. Hier wie da seien Eltern in Sorge, dass sich in der Branche nicht genug Geld verdienen lasse. Beim Erlernen eines Instrumentes sollten Eltern ihre Kinder begleiten, sagt er. „Man braucht Geduld und Kontinuität.“ Normal sei, dass das Kind mal „keinen Bock“ habe, zu üben oder zum Musikunterricht zu gehen. Einen Lieblingskomponisten habe er nicht. Er liebe die Vielfalt, ob Beethoven, Puccini oder Debussy.

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