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Seit 30 Jahren im Main-Taunus-Kreis im Einsatz für die Rechte und Belange von Frauen: Anita Pieper.

Interview

30 Jahre Frauenhaus: "Häusliche Gewalt ist nicht weniger geworden"

Das Frauenhaus in Hofheim feiert am Freitag, 3. November, sein 30-jähriges Bestehen. Anita Pieper gehört zu den Frauen, die sich beim Träger, dem Verein „Frauen helfen Frauen“, von Anfang an für die Einrichtung engagiert haben, in der bisher 1604 Frauen Zuflucht nahmen. Barbara Schmidt blickte mit Anita Pieper zurück auf die Anfänge und wollte zudem wissen, was sich im Laufe der Zeit verändert hat.

Frau Pieper, Sie sind Gründungsmitglied des Vereins „Frauen helfen Frauen“ und damit auch eine Art Geburtshelferin für das Frauenhaus in Hofheim. In diesen Tagen wird es 30 Jahre alt. Ein Grund zum Feiern?

ANITA PIEPER: Jein. Ich denke, wir dürfen feiern, was wir in den 30 Jahren geschafft haben. Wir haben immerhin vielen Frauen helfen können und auch auf politischer Ebene viel erreicht. Ich denke zum Beispiel an das Gewaltschutzgesetz. Das ist schon etwas, auf das wir stolz sein können. In unserer Arbeit spiegeln wir ein Stück Gesellschaft. Die Gewalt im häuslichen Umfeld ist nicht weniger geworden. Aber sie ist sichtbarer geworden. Es wäre natürlich schöner, wir bräuchten die Frauenhäuser nicht.

Wie fing das damals eigentlich an, gab es so etwas wie eine Initialzündung für die Idee, ein Frauenhaus zu eröffnen?

PIEPER: Ja. Das war in den 1980er Jahren eine bundesweite Bewegung, die sich auf die Fahnen geschrieben hatte: Wir wollen Gewalt im häuslichen Bereich öffentlich machen, denn es geht die ganze Gesellschaft etwas an. Im Main-Taunus-Kreis kamen 1985 die ersten, die den Verein „Frauen helfen Frauen’“mitbegründet haben, aus dem politischen und dem sozialen Bereich.

Wie wurde die Idee in der scheinbar so heilen Welt des Vordertaunus aufgenommen?

PIEPER: Mit sehr viel Zurückhaltung. Als wir das Frauenhaus angemietet hatten, da fehlten uns die Möbel. Deshalb sind wir auf Sponsorentour gegangen in die Rathäuser. Unter den Bürgermeistern – es waren ja damals ausschließlich Männer – gab es einen, der hat uns gesagt: „Gewalt gegen Frauen, das gibt es bei uns nicht. Und wenn doch, dann kommen die Frauen zu mir und wir klären das.“ In einem anderen Rathaus kam uns der Erste Beigeordnete auf der Treppe entgegen und wir sahen, wie ihm die Gesichtszüge entglitten. Wir haben dann gefragt: Stimmt etwas mit uns nicht? Und er hat geantwortet: Nein, alles in Ordnung. Ich hatte sie mir nur ganz anders vorgestellt. So in lila, mit Latzhosen und Birkenstocks.

Es gab also viele Vorurteile. . .

PIEPER: Ja, die gab es. Zu unseren Info-Ständen, mit denen wir öffentlich auf uns aufmerksam machten, kamen aber immer wieder Frauen, viele ältere Frauen vor allem, die uns gesagt haben: „Das hätte es schon immer geben sollen.“

Wer hat Sie außerdem noch unterstützt?

PIEPER: Letztlich haben wir Unterstützung vor allem beim Main-Taunus-Kreis gefunden. Besonders die damals noch neue Gleichstellungsbeauftragte Gabriele Bittendorf hat sich sehr für das Frauenhaus und unsere Beratungsarbeit eingesetzt. Auch die Polizei fand unsere Arbeit von Anfang an richtig und hat das auch deutlich gemacht. Sie kannte ja die Probleme besonders gut.

Was war damals die größte Schwierigkeit, um von der Idee zur Umsetzung zu kommen? War es das Geld?

PIEPER: Das auch, aber nicht nur. Es gab ein Akzeptanzproblem. Da wollten Frauen etwas auf die Beine stellen, was es hier überhaupt noch nicht gab. Der Main-Taunus-Kreis war vor 30 Jahren doch noch deutlich ländlicher als heute – und sehr konservativ.

Das ist alles mittlerweile Geschichte. Was hat sich im Lauf der vergangenen drei Jahrzehnte denn signifikant verändert?

PIEPER: Das Land Hessen hat Rahmenrichtlinien für unsere Arbeit erlassen, auf Grund derer wir dann auch Geld fürs Personal bekommen haben. Das war ein Anfang, wenn auch nicht ausreichend. Wir sind auf den Main-Taunus-Kreis zugegangen und haben einen Vertrag erreicht, der zumindest drei Personalstellen und die Mieten für das Frauenhaus und die Beratungsstelle gesichert hat. Das war ein großer Sprung nach vorn. Gutes Personal ist entscheidend, dass es den Frauen gelingt, ihre Probleme aufarbeiten und auch lösen zu können. Wir konnten es zuletzt aufstocken, das war wichtig, denn die Zahl der Beratungen nimmt eher zu. Die Zusammenarbeit mit dem Sozialamt des Main-Taunus-Kreises ist auf der Basis der langjährigen Erfahrung sehr gut. Wir arbeiten miteinander, nicht gegeneinander. Das macht vieles einfacher.“

Wo sehen sie heute besondere Herausforderungen?

PIEPER: Die Internationalität ist noch einmal gewachsen. Unsere interkulturelle Kompetenz wurde schon immer abgefragt, aber jetzt ist es noch ein deutliches mehr geworden. Auch in den unterschiedlichen Feldern der sozialen Arbeit ist immer mehr hinzugekommen, an Wissen aber auch an Gesetzen und Vorschriften. Da ändert sich eigentlich immer etwas. Unser kleiner Kosmos Frauenhaus, der ist gleich geblieben über all die Jahre, aber was von außen darauf einwirkt, das ist viel mehr geworden, und auch vielfältiger.

Gibt es etwas, was sie besonders schwierig finden?

PIEPER: Das Wohnraumproblem. Die Frauen überlegen es sich heute noch sehr viel genauer, ob sie ins Frauenhaus gehen, denn sie geben damit vielleicht auch ihre Wohnung auf. Wenn sie nicht zurück gehen und eine eigene Wohnung finden müssen, womöglich mit drei Kindern, dann ist das noch einmal um ein vielfaches schwieriger geworden als früher. Auch deshalb brauchen wir dringend mehr geförderten Wohnraum.

Sie haben gesagt, die Nachfrage in ihrer Beratungsstelle steigt. Ist das Frauenhaus nach 30 Jahren also nötiger denn je?

PIEPER: Ja. Leider.

Ist das nicht irgendwie bitter?

PIEPER: Wieder ein Jein. Es wäre sehr schön, wenn wir es nicht mehr bräuchten. Aber unsere Gesellschaft ist nicht so gestrickt. Das ist Wunschdenken. Und wenn die Realität anders ist, dann sollten wir wenigstens diese Unterstützung anbieten.

Wenn Sie zum runden Geburtstag einen Wunsch frei hätten für das Frauenhaus, wie sähe er aus?

PIEPER: Ganz klar: Ich wünsche mir, dass alle Frauen, die sich an uns wenden, die Hilfe finden, die sie erwarten und die ihnen etwas mitgibt, damit sie ihr Leben nachhaltig verändern können. Sie sollten vor allem gelernt haben, auf sich selbst zu schauen. Viele, viele Frauen nehmen sich selbst nach wie vor nicht wichtig genug. Sie denken, sie zerstören ihre Familie, wenn sie Konsequenzen ziehen. Aber die Gewalt zerstört die Familie, nicht die Frau.

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