Eingemeindung

Vor 90 Jahren verleibte sich Frankfurt sechs Kommunen ein

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Mit den neuen Stadtteilen Höchst, Nied, Griesheim, Sossenheim, Schwanheim und Fechenheim wagte Frankfurt 1928 den Sprung in die Fläche: Es war die größte Eingemeindungswelle der Stadtgeschichte – die manche bis heute nicht verwunden haben.

Die Höchster sind immer noch stolz darauf, dass ihre Stadt vier Jahre vor dem großen Frankfurt in einer Urkunde erwähnt wurde: Als Frankfurt 1994 seine 1200-Jahr-Feier zelebrierte, ketzerten die Höchster kurzerhand mit ihrem Schlossfest-Motto dagegen: „Höchst Frankforderisch – 1204 Jahre Höchst“. Das hat etwas mit dem Selbstverständnis zu tun, an erster Stelle doch Höchster zu sein und dann erst Frankfurter, aber auch damit, dass die ehemals unabhängige Stadt ihre Eingemeindung nie so ganz verkraftet hat – auch jetzt, 90 Jahre später, hat man daran noch zu knabbern. Mit Höchst und seinen Stadtteilen Unterliederbach, Sindlingen und Zeilsheim wurden am 1. April 1928 auch die Landgemeinden Nied, Griesheim, Sossenheim, Schwanheim und Fechenheim eingemeindet.

Höchst war im Gegensatz zu den meisten anderen Frankfurter Stadtteilen eine alte Stadt mit einem 1355 verliehenen Stadtrecht; sie ist das wichtigste Unterzentrum Frankfurts geblieben mit dem zweitgrößten Bahnhof und einem Industriepark, in dem der größte Frankfurter Gewerbesteuerzahler sitzt. Höchst ist Zentrum des Ortsbezirks Frankfurt-West mit rund 130 000 Einwohnern. Und die Höchster Geschichte seit der Eingemeindung steht für ein Unikum: Bis 1987 war Höchst, obschon 1928 nach Frankfurt eingemeindet, Verwaltungssitz eines eigenen Landkreises, des Main-Taunus-Kreises. Der heiß früher Kreis Höchst.

Nach dem Ersten Weltkrieg war Höchst von 1918 bis 1930 von französischen Truppen besetzt. Am 1. April 1928 kam die Stadt Höchst am Main als Stadtteil zu Frankfurt am Main, die erst 1917 eingemeindeten Höchster Stadtteile waren fortan Frankfurter Stadtteile. Hauptgrund der Eingemeindung, die nicht so ganz freiwillig vonstatten ging, war die Verschmelzung der weltbekannten Hoechst AG mit anderen großen deutschen Chemieunternehmen zur I.G. Farben. Weil die I.G. Farben ihren Sitz in Frankfurt hatte, zahlte die Hoechst AG ihre Steuern auf einmal an den großen Nachbarn, und das riss ein großes Loch in die Kasse der bis dahin finanziell ausgesprochen gut gestellten Stadt Höchst.

Die Höchster Stadtväter haben damals hart verhandelt, wurden aber von den Frankfurter Krämerseelen über den Tisch gezogen: Einige Vereinbarungen aus dem Eingemeindungsvertrag wurden erst nach Protesten der Höchster Bevölkerung zu Beginn der 1950er Jahre erfüllt, ein ganz wesentlicher – der Bau der heutigen Leunabrücke – erst in den 90er Jahren.

Seinen Status als Kreisstadt des Main-Taunus-Kreises verlor Höchst im Jahr 1980 durch einen Beschluss des Hessischen Landtags; die Kreisverwaltung verlegte 1987 ihren Sitz in die neue Kreisstadt Hofheim am Taunus. Neben einem kontinuierlichen Bevölkerungsrückgang setzte auch eine wirtschaftliche Abwärtsentwicklung in Höchst ein: Der Stadtteil, der in jüngerer Zeit auch dank der Initiative der Stadt Frankfurt verstärkt von Kreativen entdeckt wird, hat noch immer den Ruf eines Industriebezirks mit schlechter Wohnqualität und einer eher problematischen Bevölkerungsstruktur. Seit Beginn der 1990er Jahre versucht die Stadt, dem entgegenzuwirken; 2006 wurde schließlich ein Rahmenplan zur Förderung und Stadtentwicklung Höchsts beschlossen.

In Paragraf 5 des Eingemeindungsvertrags wurde Höchst zum eigenen Kommunalwahlkreis und Verwaltungsbezirk innerhalb Frankfurts erklärt. Der Bezirk hatte eine eigene Bezirksvertretung; es war vorgesehen, dass die frühere Stadt Höchst auch innerhalb Frankfurts sehr große Eigenständigkeit genießen sollte. Damit war Schluss, als die Nazis an die Macht kamen: Sie machten Höchst zu einem abhängigen Verwaltungsbezirk Frankfurts, denn die Höchster Extrawurst passte nicht zum zentralistischen Führerprinzip der neuen Machthaber. Die Bezirksvertretung existierte nur noch auf dem Papier und wurde 1945 ganz aufgelöst.

Mit dem Wiederaufbau der kommunalen Selbstverwaltung nach 1945 wurde unter der US-Besatzung auch die Verwaltungsstruktur Frankfurts neu geregelt. Man fasste die westlichen Stadtteile zu einem Bezirk zusammen, das zuständige Gremium ist der Ortsbeirat 6. Im Bolongaropalast, bereits seit 1909 Rathaus der Stadt Höchst, befindet sich der Sitz der Bezirksverwaltung. Ein eigenes Dezernat für den Frankfurter Westen wurde eingerichtet. Dessen Leitung hat seit 1966 der jeweilige Oberbürgermeister beziehungsweise die Oberbürgermeisterin Frankfurts inne. Dazu gehören auch regelmäßige Sprechstunden im Palast, wo der OB ein Dienstzimmer hat.

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