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Jürgen Cantstetter ist Sammler der Etiketten-Kunst

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Von: Barbara Schmidt

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Seit 1970 sammelt Jürgen Cantstetter Etiketten von Weinflaschen. Hier zeigt er das erste Exemplar seiner Sammlung. Es wurde von Ottmar Alt 1969 für den Erbacher Rheinhell entworfen.
Seit 1970 sammelt Jürgen Cantstetter Etiketten von Weinflaschen. Hier zeigt er das erste Exemplar seiner Sammlung. Es wurde von Ottmar Alt 1969 für den Erbacher Rheinhell entworfen. © Knapp

Am liebsten sind dem Sammler Weinetiketten, die noch gar nicht auf einer Flasche klebten. Allerdings rücken sie zahlreiche Winzer gar nicht gerne raus. Der Sammler aus Wallau hat trotzdem nicht viele Lücken in seiner Sammlung.

Zuerst war es nur ein besonderes Erinnerungsstück. Bei einem Termin auf Schloss Reinhartshausen hatte der Fachjournalist Jürgen Cantstetter, der das Weingut Prinz von Preußen vorstellen wollte, mit dem Hausherrn 1970 ein Glas von dessen Wein getrunken. Ein 1969er Erbacher Rheinhell Riesling Cabinet. Das kann man heute noch nachlesen, denn Cantstetter gefiel das Flaschenetikett, das vom Künstler Ottmar Alt gestaltet worden war, so gut, dass er fragte, ob er die leere Flasche mitnehmen dürfe. Daheim habe er das Etikett vorsichtig in Wasser gelöst und getrocknet. Seine Frau habe es schön glatt gebügelt und er habe es dann gerahmt, weiß der 80-Jährige noch.

„Es hing dann erst mal ziemlich lange allein an der Wand“. Doch eines Tages kam ein zweites Künstler-Etikett dazu – „und dann ließ es mich nicht mehr los“, umreißt Cantstetter den Ausbruch einer Sammelleidenschaft, die bis heute anhält und weite Kreise gezogen hat.

Vor 20 Jahren gründete der Wallauer mit einigen Gleichgesinnten, den „Deutschen Freundeskreis Weinetiketten-Sammler“. Der Verein ist nach wie vor der einzige seiner Art in Deutschland. Jürgen Cantstetter ist nicht nur der Vorsitzende, er hat auch viel dazu getan, dass der Verein seinem Namen „Freundeskreis“ gerecht wurde. Regelmäßige Treffen führen die Mitglieder, die auch aus anderen europäischen Ländern kommen, zu Austausch und Begegnung – und natürlich zum Tausch ihrer gesammelten Schätze – zusammen.

Cantstetter selbst hat die bedeutendste Sammlung europäischer Künstler-Etiketten in ganz Europa zusammengetragen, wie er nicht ohne Stolz berichtet. 18 000 Exemplare sind es mittlerweile. Die schönsten schmücken in seinem „Reich“ im Keller des Wallauer Heims die Wände und sind tatsächlich richtige Hingucker. Immer wieder stellt Cantstetter ausgewählte Exemplare für Ausstellungen zur Verfügung.

Nebenwirkungen

Das ausgefallene Hobby zeitigt eine Menge schöner „Nebenwirkungen“. So hat der Wallauer quasi „nebenbei“ ungezählte Weingüter und -gegenden kennengelernt und die ganze Vielfalt und die unterschiedlichen Qualitäten des Rebensafts zu würdigen gelernt. Auch die Beschäftigung mit der Kunst und ihren Urhebern bringt das Sammeln von Künstleretiketten mit sich – zumindest, wenn man dieses so ernsthaft betreibt wie Jürgen Cantstetter.

Der gebürtige Berliner, der zuletzt in der Öffentlichkeitsarbeit der Hoechst AG und ihrer Nachfolge-Unternehmen bis hin zu Bayer gearbeitet hat, zeigt beim Hobby dieselbe Umtriebigkeit, die ihn im Beruf erfolgreich gemacht hat. Eine Vereinszeitschrift etwa gibt Cantstetter heraus. „Selbstverständlich. Denn ein Journalist ohne Zeitung – das geht ja gar nicht“, sagt er schmunzelnd.

Eine Internetseite hat der Verein auch – und bringt sogar ein eigenes Jahresetikett heraus, das natürlich von einem Künstler gestaltet wird. Wie groß die Vielfalt, wie enorm auch der Ideenreichtum ist, das fasziniert Jürgen Cantstetter nach wie vor. Etiketten gebe es keineswegs nur aus Papier, sondern etwa auch aus Metall oder Folie, erläutert er. Durchsicht-Etiketten, die auf der Rückseite einer satinierten Flasche kleben und durch eine klare Aussparung wie durch ein Fenster hindurch angeschaut werden, vom Wein dabei wie von einer Lupe vergrößert, gehören zu den Stücken, die in kein Sammelalbum passen. Dass sich die heute vielfach verwendeten selbstklebenden Etiketten nicht mehr mit Wasser von der Flasche lösen lassen, ärgert die Vereinsmitglieder heute nicht mehr. Sie haben nach manchem gescheiterten eigenen Experiment schließlich einen Forscher gefunden, der eine Folie entwickelt hat, die, auf die Etiketten geklebt, diese mühelos von der Klebeschicht trennt.

Am liebsten seien den Sammlern allerdings Etiketten, die noch gar nicht auf einer Flasche waren, erläutert Cantstetter. Nicht alle Winzer rücken sie allerdings ohne Weiteres raus, hat der 80-Jährige indes schon erfahren. Schließlich könnte man gerade mit den Künstleretiketten, die in der Regel für besondere Weine angefertigt werden, auch Schindluder treiben und sie auf Flaschen mit deutlich billigerem Inhalt kleben und diese dann teuer weiterverkaufen.

Raritäten wie das einzige schwimmende Etikett der Welt – das nie in Serie ging, weil die Prüfer klar machten, dass in eine Weinflasche außer Wein nichts hineingehört – zeigt Cantstetter nicht nur mit Vergnügen, sondern begleitet das immer auch mit der zugehörigen Geschichte.

Immer klingt da sein Erzähltalent durch, die Kunst, Dinge verständlich in Worte zu fassen, die den gelernten Landwirt, der diesen Beruf aus körperlichen Gründen nicht ausüben konnte, einst zum Journalismus brachte. Der Beruf führte ihn durch die ganze Welt – und dabei stets in Weinhandlungen auf der Suche nach neuen Raritäten. Wenn er heute privat mit seiner Frau in den Urlaub fahre, müsse dieser so geplant werden, dass mindestens ein Weingut auf dem Weg liege, wo er nach einem Künstleretikett fragen könne, verrät der 80-Jährige schmunzelnd. Und nimmt der Kollegin schnell noch das Versprechen ab, falls sie noch mal nach Slowenien kommen sollte, in den Weinort Jeruzalem, bitte dort nach einem Etikett zu fragen. Diesen einen weißen Fleck hat Cantstetters Sammlung, wie er feststellen muss, dann doch noch.

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