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Mit dem Engpass fing 2011 alles an: Der damalige Pressewart Marco Gottfried (l.) und der frühere Wehrführer Christian Kopp holen Material aus provisorischen Lagern am Gerätehaus. 

Entscheidung

Altes Feuerwehr-Grundstück in Münster wird mit Einfamilienhäusern bebaut

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Es ist das Finale einer fast unendlichen Geschichte: Auf dem alten Grundstück der Feuerwehr in Kelkheim-Münster dürfen Einfamilienhäuser entstehen. 

Kelkheim – Von einer historischen Entscheidung zu sprechen, wäre vielleicht etwas übertrieben. Denn im Vergleich zur Planung der Neuen Stadtmitte ging es beim alten Feuerwehrgrundstück doch ganz "schnell". Etwa fünf Jahre hat es gedauert, bis sich die Stadtverordneten zu einem Beschluss zur Bebauung durchringen konnten, der nun auch umgesetzt werden soll. Mit der Mehrheit von CDU, FDP und Freien Wählern (FW) wurde deren Antrag beschlossen, auf dem Areal an der Zeilsheimer Straße Einfamilienhäuser zu bauen, die Flächen im Eigentum der Stadt zu halten und sie über ein Erbbaurecht zu vergeben.

Im Parlament legte das Trio noch einmal zwei Änderungen seines Papiers vor - was zeigt, wie umstritten und heikel das Thema durchaus ist. Nun heißt es, die Bauplätze sollen nach den in Deutschland geltenden Richtlinien für das Einheimischenmodell vergeben werden. CDU, FDP und FW schwebt vor, dass hier vor allem junge Familien aus Kelkheim zum Zuge kommen sollen. Allerdings ist eine solche Vergabe umstritten, der Europäische Gerichtshof sieht Konflikte mit dem Wettbewerbsrecht, so dass auch Familien von außerhalb eine Chance haben müssten. Die Verwaltung ist nun am Zug, diese Sache umzusetzen. Dann wird sie auch diese rechtliche Seite noch einmal genau prüfen. Im Ausschuss hatte sie schon Bedenken angemeldet.

Kelkheim: Intensive Debatte zu Bebauung von Feuerwehr-Grundstück

"Dann sind wir mit diesem langjährigen Verfahren eine Runde weiter", sagte Stadtverordnetenvorsteher Wolf-Dieter Hasler (UKW) nach der Abstimmung. UKW und SPD hatten gegen den Antrag votiert: Sie wollten hier ein oder zwei Mehrfamilienhäuser realisieren, um für Kelkheimer den ebenfalls dringend benötigten bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Und daran entzündete sich eine letzte kurze, aber intensive Debatte zur Sache.

"Wir haben genug diskutiert", eröffnete Robert Wintermayr (FW) den Reigen und hoffte, "dass es keine Never-Ending-Story wird". Die UKW hätte aber schon gerne noch mal eine Wende herbeigeführt. Wolfgang Coy betonte erneut, mit dem UKW-Antrag könnten rund 20 Wohnungen für fast 50 Menschen gebaut werden, mit dem Vorschlag des Trios aber nur sieben, acht Häuser für die Hälfte an Personen. "Die Personengruppe, die es am nötigsten hat, muss zuerst berücksichtigt werden", sagte Coy. Eigentum könnte wiederum im Gebiet "Vor dem Schlämmer" und am Großen Haingraben realisiert werden. Eine monatliche Belastung von geschätzten 1350 Euro pro Monat mit Erbbauzins sei für die jungen Häuslebauer nicht gerade wenig.

Die FDP möchte die Berechnungen über die Häuser-Zahl "lieber Fachleuten überlassen", so Fraktionschef Michael Trawitzki. Im Gebiet "Vor dem Schlämmer" hätte die Politik auch mehr Fläche freigeben können - dann wäre mehr bezahlbarer Wohnraum dort möglich gewesen, konterte er. Zudem verwies die FDP auf ihren Antrag, am Ende der Frankfurter Straße in Münster zu bauen - das sei ebenso schnell realisierbar und bringe gut das Doppelte an Wohnungen, betonte Trawitzki.

Parlament in Kelkheim: Julia Ostrowickis kämpferische Rede

Eine sehr kämpferische Rede für günstigen Wohnraum hielt SPD-Fraktionschefin Julia Ostrowicki. "Nennen Sie es nicht bezahlbar. Es ist wirklich der Hohn, und es trifft die falschen Menschen", kritisierte sie den Antrag der Mehrheit. Die brachte sie kurz gegen sich auf mit der Einschätzung, die Familien würden ins Eigentum getrieben - und hätten dann womöglich ein Problem im nicht ganz seltenen Scheidungsfall. Zudem habe Martin Menke, Vorsitzender des Deutschen Roten Kreuzes, auf der Fläche Generationen-Wohnen vorgeschlagen - das wäre auch im Sinne der SPD gewesen, so Ostrowicki, die noch einmal Klartext redete: "Sie treffen eine Entscheidung, die ist gegen die Menschen, die nicht so viel Geld in der Tasche haben." Das sei eine "volkswirtschaftlich verfehlte Politik". Denn: "Wenn ich eine teure Miete habe, gebe ich hier in Kelkheim auch kein Geld aus." Sie hoffe nun, dass die Bürger diese Entscheidung bei der Kommunalwahl 2021 entsprechend berücksichtigen.

Nach dieser Ansprache hatten es die weiteren Redner schwer. "Auch junge Familien haben das Recht, Wohneigentum zu bekommen", sagte CDU-Fraktionschef Dirk Hofmann. Es gebe Berufsgruppen, wie Feuerwehrleute, die schon weggezogen seien. Zudem nannte er Alternativen, etwa "Vor dem Schlämmer", an der Weilbacher Straße oder die Alte Schulstraße. Ob Sozialhilfe-Empfänger oder junge Familien: "Mit tut es für jeden weh, der aus Kelkheim wegzieht", so Hofmann. 

UKW: Bauen nach "Matthäus-Prinzip"

Maximilian Alter (UKW) erklärte, die Stadt kaufe mit dem Antrag "die Katze im Sack". Das Modell sei "Etikettenschwindel". Alter: "Es würde mich nicht wundern, wenn kein Kelkheimer zum Zug kommt." Und er zitierte zum Finale das "Bauen nach dem Matthäus-Prinzip", das für dieses Projekt nun gelte: "Denn wer da hat, dem wird gegeben, dass er die Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch das genommen, was er hat." 

Und so ist die Lage zwischen Zeilsheimer und Dieselstraße heute: Die Fläche liegt brach, ein Autohaus parkt dort seine Fahrzeuge.

Feuerwehr-Grundstück in Kelkheim-Münster: Die Historie

Seit 1991 wird über ein neues Spritzenhaus für die Wehr in Münster diskutiert. Dann war ein Standort an der Benzstraße gefunden, die Einweihung folgte im Frühjahr 2015. Die Verwertung der alten Fläche sollte zur Finanzierung der 1,75 Millionen Euro Baukosten verwendet werden, hieß es. Mitte 2015 forderte die SPD im Antrag, dort sozialen Wohnungsbau vorzusehen. CDU und FDP waren damals schon skeptisch. Eine Mehrheit gab es nicht, dafür Unterschriftenaktionen, Flugblätter und jede Menge Spannungen. Nach der Kommunalwahl beantragten UKW und SPD den Bau von bis zu 20 bezahlbaren Wohnungen. 

Das rund 1600 Quadratmeter große Grundstück solle im Eigentum der Stadt bleiben. Eine Mehrheit fand das nicht. Dann fast der Durchbruch Ende 2016: CDU, FDP und Freie Wähler setzten 8 geförderte von 20 Wohnungen durch. Doch die Verwaltung sah finanzielle Nachteile. Alles wieder auf Null: Das Trio wollte seinen Beschluss aufheben, das Grundstück verkaufen. Das scheiterte im April 2017 hauchdünn bei einem Patt, weil CDU-Mann Wolfgang Zengerling gegen einen Verkauf der Fläche stimmte. 

Dann noch eine neue Entwicklung: Die Stadt bot das Areal den betroffenen Privatleuten als Tauschmasse für den Streit am Gagernring um die Erweiterung der Richter-Schule an - vergeblich. Die UKW machte Ende 2018 den Vorschlag für ein Mehrgenerationenhaus - ohne große Resonanz. Im Sommer 2019 kam der entscheidende Antrag: CDU, FDP und FW schlugen Einfamilienhäuser vor, das wurde mehrmals vertagt, verändert und nun beschlossen. 

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