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Gut gelaunt im Gasthaus "Zum Taunus" in Kelkheim: Waldemar Seiss ist seit 70 Jahren Stammgast, sein Begleiter Kai-Uwe Looft (li.) und die Wirtsleute Wolfgang, Elisabeth und Heinz Bender gratulieren ihm. 

Doppel-Jubiläum

100-Jähriger ist seit 70 Jahren Stammgast bei "Schäfer Jakob"

Der 100-jährige Waldemar Seiss isst beim "Schäfer Jakob" in Hornau (Kelkheim) stets Kloß mit Soß. Am guten Ebbelwoi liegt es nicht, dass er so gerne kommt.

Kelkheim - 1774 wurde Gastwirt Anton Klomann zum ersten Mal urkundlich erwähnt. Sohn Peter übernahm das Lokal, dann folgte mit Johann Neuhaus die nächste Generation und mit Gast- und Landwirt Jakob Schäfer dessen Schwiegersohn. Schäfers Tochter Anna heiratete Heinrich Bender. Nach dem Duo folgte hinterm Tresen ihr Sohn Hermann. Seit 1987 führen nun die Brüder Wolfgang und Heinz Bender das Gasthaus "Zum Taunus" schon in der siebten Generation. Dass die Traditionsgaststätte auch den Beinamen "Schäfer Jakob" trägt, ist bei dieser Chronik nachvollziehbar.

Einer seiner Wünsche: In den "Taunus" gehen

246 Jahre gibt es das Lokal an der Hornauer Straße also mindestens. Nicht ganz ein Drittel dieser Zeit hat Waldemar Seiss miterlebt. Denn der Hornauer ist seit genau 70 Jahren Stammgast im Lokal. Dafür wurde er nun mit einem kleinen Festmenü ausgezeichnet. Die Drei-Gang-Speise hat noch einen anderen Grund: Seiss hat jetzt seinen 100. Geburtstag gefeiert. Ein Wunsch von ihm ist es, regelmäßig beim "Schäfer Jakob" zum Mittagessen zu gehen. Nur zwei Tage nach seinem "Runden" hat er sich das wieder erfüllt: Ganz klassisch isst er in aller Seelenruhe seinen "Kloß mit Soß" mitten im Lokal, lässt sich auch vom Besuch von Bürgermeister Albrecht Kündiger und der Presse kaum anhalten.

Ob er sich noch an seine erste Speise hier im "Taunus" erinnern kann? "Das ist lange her", sagt Seiss nur. In jedem Fall habe es früher auch immer Kaiserschmarren gegeben, ergänzt Kai-Uwe Looft, der ihn zum Gasthaus-Besuch alle zwei Wochen begleitet. Der Hofheimer ist ehrenamtlicher Helfer bei der Caritas. Da Seiss seit mehr als zwei Jahren in einem Pflegeheim in Marxheim lebt, sei er gefragt worden, "ob ich jemandem eine Freude machen kann". Looft sagte gerne für eine solche eher ungewöhnliche Tätigkeit zu. Ihm sei nicht bekannt, dass es bei der Caritas noch Begleitungen in dieser Form gebe. Aber auch er findet die Treue des Hornauers zu seiner Stammkneipe rührend.

Aufgewachsen ist Waldemar Seiss in Leipzig. Nach dem Krieg ging es 1950 in den Westen. Der Vater fand Arbeit bei einem Holzbildhauer in der Möbelstadt Kelkheim, genauer in Hornau. Später sei er selbstständig gewesen, berichtet Looft. Seiss selbst habe Tischler gelernt, wie er nach dem Verzehr der Suppe kurz berichtet. Beide können sich noch daran erinnern, dass er mal Seil- und Lastenaufzüge konstruiert und gebaut habe. Und mithilfe der Wirtsleute sowie anderer Hornauer im Lokal wird deutlich, dass der 100-Jährige früher in der Modellbau-Branche ein durchaus gefragter Mann war. Vor allem Schiffe habe er gebaut oder Konstruktionen dafür angefertigt. Nicht selten sei er mit Kunden oder Ratsuchenden auch beim "Schäfer Jakob" eingekehrt - kein Wunder, steht das Wohnhaus der Familie doch schräg gegenüber am Pfingstbornbrünnchen.

Von Leipzig nach Kelkheim (Main-Taunus-Kreis)

Dass ein 100-Jähriger hier Gast ist - Wirt Heinz Bender begründet es salopp: "Das macht nur der gute Ebbelwoi." Allerdings trinkt Seiss, der noch immer gerne Bücher und Zeitungen liest, keinen Alkohol - dennoch suchen die 70 Jahre Treue zu einem Lokal selbst im "Taunus" ihresgleichen. Auch wenn der Gastronom und der Bürgermeister betonen, dass die Gaststätte ein wichtiger Treffpunkt gerade auch für ältere Menschen im Stadtteil sei. Gut sei "die Gemeinschaft, die sie hier finden, das soziale Netzwerk, das sie hier suchen", findet Heinz Bender.

Auch Waldemar Seiss hat schon viel erlebt. Als Schüler lernte er sogar Russisch. Ob ihm das im Zweiten Weltkrieg half, als er den Russland-Feldzug als MG-Schütze von Anfang bis Ende miterlebte, ist eher fraglich. Leicht verwundet wurde er laut Looft zum Glück nur und geriet nicht in Gefangenschaft. 1950 kam er mit den Eltern und dem Bruder von Leipzig nach Hornau - und wurde rasch Gast beim "Schäfer Jakob". Bei den damals großen Festen im Lokal wie Kerb und Fastnacht sei er zwar nicht dabei gewesen, erinnern sich die Brüder Bender. Doch er sei stets ein treuer, genügsamer Gast.

Und mal sehen, ob Seiss vielleicht noch die achte Generation im Gasthaus "Zum Taunus" miterlebt. Wolfgang Benders Tochter Elisabeth steht durchaus schon in den Startlöchern und hat es mit eingefädelt, dass die rührende Geschichte um Stammgast und Jubilar Waldemar Seiss einmal erzählt werden kann.

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