Ausstattung für Paris, Windsor-Stühle ins Rathaus

Es gibt immer wieder spannende Führungen in die Kelkheimer Möbelgeschichte. Am Sonntag, 16. September, 14 Uhr, geht es im Museum um Tradition und Innovation. Zuletzt zeigte ein Rundgang bereits die Verbindung „Kelkheim in Europa“ auf.

„Schon die Römer waren hier in Kelkheim“, beginnt Marianne Bopp ihre Einführung in die Kelkheimer Stadtgeschichte und deren Zusammenhang mit dem restlichen Kontinent am Startpunkt der Führung, dem Kelkheimer Museum. Und nicht nur das: Auch zu Karl dem Großen gebe es eine Verbindung. Dessen Tochter Ymmina habe Grundstücke im heutigen Main-Taunus-Kreis, darunter auch in Fischbach und Hornau, besessen.

Nicht zuletzt bilde die Familie von Gagern einen wichtigen Anker zu Europa: „Hans Christoph Freiherr von Gagern war sogar bei der Krönung von Napoleon dabei“, erzählt die Museumspädagogin. Ebenso interessant ist für die fünf anwesenden Teilnehmer auch die Tatsache, dass die heutige B 8 „Ausschnitt eines großen Handelsweges ist, der seit über 1000 Jahren besteht und den Bosporus mit der Nordsee verband“, so Marianne Bopp. Doch sie spannt schnell den Bogen: Zur Jahrhundertwende begann für Kelkheim schließlich „der Schritt in die weite Welt“: Die erste deutsche Volksheilstätte für unbemittelte Kranke – dem heutigen Zauberberg in Ruppertshain – wurde als Vorreiter auf diesem Gebiet auf der Weltausstellung 1900 in Paris vorgestellt. Und noch eine weitere Verbindung bestand zwischen Kelkheim und Paris: Die Firma Heinrich Bender Kelkheim, ehemals an der Ecke Frankfurter Straße/Friedrichstraße, habe die liberische Botschaft in Paris ausgestattet.

Industrie bereichert – diese Inschrift ziert das Wappen der englischen Partnerschaft High Wycombe, die – und hier besteht die größte Gemeinsamkeit – sich ebenfalls auf Möbel spezialisierte. Besser gesagt, auf Stühle. „Soweit ich weiß, wurden damals 80 Prozent der britischen Stühle in High Wycombe hergestellt“, sagt Marianne Bopp. Mitunter die berühmten Windsor-Stühle, von denen einige Exemplare im Kelkheimer Rathaus stehen. Sie konnten die Teilnehmer zum Abschluss der Führung besichtigen. „Bei meinen Recherchen bin ich darauf gestoßen, dass Kelkheim zwei ,Winzer‘-Stühle besäße und fragte mich, was das sei“, erinnert sich die Museumspädagogin. „Es hat etwas gedauert, bis in weiteren Dokumenten dann ,Windsor‘-Stühle stand.“ Doch der Wappenspruch trifft auch auf Kelkheim zu, ist die Kommune schließlich als Möbelstadt seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts deutschlandweit für sein Schreinerhandwerk bekannt.

Das Schreinerhandwerk spiele eine wichtige Rolle in der Achse Kelkheim - Europa, erklärt Marianne Bopp und wartet mit zwei eindrucksvollen Beispielen auf: „Das Kelkheimer Sägewerk Dichmann, heute bekannt als die international renommierte Firma Vario mit Sitz in Liederbach, hat ihren Ursprung in Kelkheim.“ Historiker Rüdiger Kraatz fügt dem hinzu: „Eigentlich kann man sagen, den ganzen Liederbach entlang, das war Dichmann.

Mit bis zu 350 Angestellten, einer der größten Arbeitgeber.“ Als zweites Beispiel führt Marianne Bopp die Schreinerei Lange an, die für das Unternehmen Apple Hocker herstelle, die weltweit in deren Läden zu finden seien. Unterstützt wurde die Expansion des Schreinerwesens vor allem durch die Anbindung an den Schienenverkehr 1902, weiß die Expertin.

Den markantesten Punkt der Verbindung zwischen Kelkheim und Europa stelle aber der Skulpturenpark dar. Dort machten die Gruppen schließlich nach ihrem Stopp beim Möbelhaus Stelzer als vorletzte Station Halt und betrachteten die Kunstwerke der Kelkheimer Künstler Christa Steinmetz, Christian Hack, Erwin Pleines, Claudia Pense und Wolfgang Müller, die alle die Verbindung zwischen Kelkheim und Europa symbolisieren: Zum Beispiel das Kelkheimer Tor von Christian Hack, das zum 30-jährigen Bestehen mit der französischen Partnerschaft St. Fonts aufgestellt wurde – mit seinen zwei Säulen für die beiden Städte, einem gemeinsamen Fundament und der Brücke, als Symbol für Europa. Oder auch Christa Steinmetz’ Weg durch den Park, mit verschiedenen Sprichwörtern auf Deutsch und Englisch, wo es unter anderem sehr treffend für die speziell ausgerichtete Führung heißt: „Der Weg in die Ferne fängt in der Nähe an.“

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