Sie suchten im ersten Bürgermeister-Wahlgang noch den Durchblick: CDU-Chef Alexander Furtwängler und Patrick Falk von der FDP.
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Sie suchten im ersten Bürgermeister-Wahlgang noch den Durchblick: CDU-Chef Alexander Furtwängler und Patrick Falk von der FDP.

Kelkheimer Stadtpolitik

CDU bildet Deutschland-Koalition mit SPD und FDP

  • Frank Weiner
    vonFrank Weiner
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Diese neue Verbindung ist eine Überraschung. Auch die Ämter des Ersten Stadtrats und des Stadtverordnetenvorstehers werden neu besetzt.

Kelkheim -Viel Freizeit hatte Alexander Furtwängler in den vergangenen Wochen nicht. Weniger der Beruf, vielmehr das Ehrenamt als CDU-Parteichef beanspruchte den Fischbacher. Dennoch konnte er sich am Sonntag ein paar ruhige Minuten im Garten gönnen und ein Vogel-Pärchen beobachten. "Die sind schon ein bisschen weiter", habe er sich da gedacht. Denn die CDU hatte zu diesem Zeitpunkt Optionen für eine Koalition in der Stadtverordnetenversammlung noch offen. Seit Mittwochabend ist klar: Einstimmung haben sich die neue CDU-Fraktion und der Parteivorstand für ein Dreierbündnis mit der SPD und der FDP entschieden. Das bestätigte Furtwängler dieser Zeitung.

Freie Wähler wollten keine Vierer-Runde

Er schickt vorweg: "Wir sind allen Parteien sehr, sehr dankbar." Es seien stets "konstruktive" und "atmosphärisch gute" Gespräche gewesen. Ein Sonderlob erhalten die Gruppierungen, die aus dem Rennen sind: Die Freien Wähler wären bereit gewesen, allerdings nur in einer Dreier-Konstellation, so Furtwängler. Die Tür habe zuletzt noch offen gestanden, in das Bündnis einzutreten.

Viele hatten wiederum mit einer Koalition der Schwergewichte aus CDU und UKW gerechnet. Der Wählerinitiative zollt Furtwängler "einen riesengroßen Respekt, wie sie sich auf uns zu bewegt hat". Auch habe sich die CDU als koalitionsfähig zur UKW herausgestellt, indem sie zum Beispiel die große Umgehungsstraße, die "Fischbach-Spange", vor der Kommunal- und Bürgermeisterwahl begraben habe, so der Parteichef.

Am Ende habe die CDU die Option auf eine "gute" Zusammenarbeit mit der UKW und eine "sehr gute" Kooperation mit SPD und FDP gehabt - und sich für die Dreier-Runde entschieden. Auch weil die Chemie gestimmt hat, wie Furtwängler betont. Mit der FDP ja schon historisch gesehen, aber auch SPD-Doppelchef Michael Hellenschmidt habe mit seiner "analytischen, pragmatischen Art" und einer Prise "trockenem Humor" seinen Beitrag geleistet.

Furtwängler: "Als Fußball-Trainer hätte ich am liebsten alle Spieler mitgenommen." Eine Koalition mit der UKW sei "noch nicht an der Zeit" gewesen, findet die CDU. So schaut der Chef kurz zurück in die Vergangenheit, als CDU und UKW Jahrzehnte "auf entgegengesetzten Seiten" gestanden und "Meinungsverschiedenheiten ausgefochten" hätten. Er räumt ein: "Am Ende waren es Nuancen." Vielleicht auch die kleine Umgehungsstraße "Gagern-Spange", wo die CDU mit der UKW "noch ein bisschen Strecke" hätte gehen müssen.

"Die Bürger wollen, dass wir uns zusammenraufen." So sei er in jedes Gespräch gegangen, berichtet Furtwängler. Und so will die CDU nun auch die nächsten fünf Jahre mit den Partnern angehen. Es gebe inhaltlich bei wichtigen Themen wie Verkehr, Wohnungsbau und Klimaschutz "keinen Dissens, sondern Präzisierungsbedarf". Wichtig sei es aber auch, konstruktiv mit dem gerade wiedergewählten Bürgermeister Albrecht Kündiger (UKW) zusammenzuarbeiten. Er soll laut Furtwängler auch wieder als Vertreter in die Regionalversammlung gehen, "als Signal, dass wir nicht auf Konfrontation gehen". Und dann könnten die nächsten fünf Jahre sehr angenehm werden, so Furtwängler optimistisch.

Angenehm wird es auch für Dirk Hofmann und Julia Ostrowicki. Der CDU-Bürgermeisterkandidat soll Erster Stadtrat werden, bestätigt Furtwängler. Und die SPD-Frau ist für den Posten der Stadtverordnetenvorsteherin vorgesehen. "Ja, ich werde kandidieren", bestätigt sie dieser Zeitung und freut sich: "Für eine ehrenamtliche Politikerin gibt es kein schöneres Amt. Das Zutrauen in mich ist eine große Ehre." Von der positiven Nachricht der Kolition war sie schon etwas überrascht. "Aber wir sind auf vernünftige Lösungen gekommen, haben uns in vielen Punkten angenähert", betont Ostrowicki.

SPD-Chef freut sich auf Gestaltungsphase

Das bestätigt Partei- und Fraktionschef Michael Hellenschmidt. Bei vielen Punkten habe das Trio "nicht unfassbar weit auseinander" gelegen, findet er. Ob es bezahlbares Wohnen oder der Klimaschutz seien. Wichtig seien zuverlässige Partner, und da hat der SPD-Doppelchef ein gutes Gefühl. Seine Stimmung sei zwischen "aufgeregt und euphorisch", das sei kommunalpolitisch "eine tolle und unfassbar spannende Phase".

Nach Jahrzehnten am Rande könne die SPD nun mit in die Gestaltung gehen. "Wir können was erreichen. Aber wir lassen uns auch unsere Freiheiten und werden unterscheidbar sein." Die Rolle sei "nicht ehrfürchtig, sondern selbstbewusst", fügt Julia Ostrowicki an. Letztlich hatte sich die SPD virtuell mit 15 Mitgliedern bei nur zwei Enthaltungen deutlich dafür ausgesprochen.

FDP möchte mitreden in neuer Gesellschaft

Die FDP wiederum hatte schon früh klar gemacht, dass sie mit der CDU nach fünf Jahren Pause wieder zusammenarbeiten möchte. Ein Ende der wechselnden Mehrheiten und eines daraus folgenden gewissen Stillstandes war ihr Ziel. "Wir werden sehr effektiv zusammenarbeiten", ist Fraktionschef Michael Trawitzki nun sehr optimistisch für die kommenden fünf Jahre. Er sei nicht überrascht über die Zusage der CDU und begrüße sie sehr. Auch mit der SPD "werden wir sehr gut harmonieren", blickt Trawitzki "sehr zuversichtlich" voraus.

Wichtig sei es, manche großen Projekte wie das Baugebiet "Hornau-West" nun zügiger anzugehen. Große personelle Ansprüche habe die FDP nicht gestellt, macht der Fraktionschef deutlich. Allerdings wollen die Liberalen sich in einer tragenden Rolle einbringen, wenn eine Stadtmarketinggesellschaft gegründet werden oder aus der Stadthalle GmbH entstehen soll.

Letztlich haben die drei Seiten vereinbart, bei wichtigen Projekten nicht mehr zurückzuschauen. Umstrittene Beschlüsse zum Museum, zum Feuerwehrgrundstück Münster oder zur Stromnetzgesellschaft sollen unangetastet bleiben. Nun erarbeiten die Partner ihr Koalitionspapier, das am kommenden Montag vorliegen muss. Dann ist die erste Stadtverordnetenversammlung nach der Kommunalwahl, wo die neue Koalition vor allem bei der Wahl der Stadtverordnetenvorsteherin erstmals gemeinsam die Deutschland-Flagge "hissen" muss.

Kommentar

Die Chemie stimmt

"Wir konnten es echt kaum glauben." So hat SPD-Frau Julia Ostrowicki auf die Nachricht reagiert, dass die CDU nun eine Koalition mit den Sozialdemokraten und der FDP schmieden wird. So wie der designierten Stadtverordnetenvorsteherin wird es vielen Kelkheimern gehen. Denn diese Deutschland-Koalition ist nach der Entwicklung in den vergangenen Wochen schon eine kleine Überraschung. Einige haben sicher mit der Kombination der beiden Schwergewichte CDU und UKW gerechnet. Die Schwarzen und die Grünen haben jeweils deutlich betont, wie groß doch die Schnittmengen seien und sich beide aufeinander zu bewegt hätten.

Doch am Ende hat es nicht gereicht. Zwei Gründe dürften dafür vor allem verantwortlich sein: Die Chemie zwischen CDU, SPD und FDP hat einfach gestimmt, und bei den Themen waren die Überschneidungen ohnehin größer als zwischen CDU und UKW. Zudem hat CDU-Chef Alexander Furtwängler die Vergangenheit ins Spiel gebracht, in der der heutige UKW-Bürgermeister Albrecht Kündiger mit anderen Dammbesetzern den von der CDU so sehnlichst erhofften Weiterbau der B 8 verhindert hat und in der es so manchen Zoff der neuen UKW mit der Dauerkoalition aus CDU und FDP gab. All dies nun schnell abzuschütteln, war offenbar nicht möglich.

So holen sich jetzt FDP und SPD ihren verdienten Lohn ab. Die Liberalen, weil sie sich früh zur CDU bekannt haben. Die SPD, weil sie ein ehrliches Programm vorgelegt hat und Julia Ostrowicki für ihre Jahrzehnte in der Kommunalpolitik nun gewürdigt wird. Dirk Hofmann soll zudem als Lohn für einen engagierten Wahlkampf den Posten des Ersten Stadtrats erhalten.

CDU-Plausch bei der Bürgermeister-Stichwahl: Dirk Hofmann (r.), der Erster Stadtrat werden soll, und Wahlkampf-Manager Fabian Beine.
Sie soll neue Chefin des Kelkheimer Parlaments werden: die Sozialdemokratin Julia Ostrowicki.

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