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Da bleibt kaum eine Lücke frei: Der Rathausplatz wurde gestern zum bunten ?Teppich? aus Menschen, Fahnen, Transparenten.

700 Bürger aller Generationen demonstrieren friedlich

Demo gegen die AfD: Bunt, bunter, Kelkheim

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20 Gruppen haben das Bündnis „Kelkheim – Deine Stimme gegen Rechts“ unterstützt, mir Reden, Musik, Fahnen und Sprüchen.

„Rechte Hetze darf’s nicht geben, AfD aus Kelkheim fegen.“ Der Demo-Zug ist von fern zu hören – und zu sehen. Kommt er doch von oben, aus der Parkstraße, in die Stadtmitte. Und er ist bunt, ziemlich bunt. Europafahnen wehen im Wind, dazu die Flaggen von Parteien wie SPD, Grünen und Linken. Die Regenbogenfarben als Zeichen des Friedens dürfen nicht fehlen. „Eine Alternative muss nicht besser sein“, haben die Schüler der Eichendorffschule (EDS) auf ein Transparent geschrieben und eine Weg gezeichnet, der auch nach rechts führt – direkt ins Maul des Teufels der AfD. Seniorin Lisa Wachsmuth-Weiß aus Münster hat ihren Regenschirm mit buntem Krepp-Band beklebt und noch ein Tuch beschriftet mit den Worten: „Buntes Kelkheim gegen Rechts“.

Bunter, bunter Kelkheim – das ist die Möbelstadt gestern Abend und zum Nabel einer friedlichen Welt von Demonstranten geworden. Es sollte laut werden, kündigte das Organisatoren-Team um Lukas Schauder, Jannis Gollub und Marcus Schmitt an – und es wird laut. Erst bei der Zwischenkundgebung in der Neuen Stadtmitte, dann am Rathaus, als sich laut Polizei bis zu 700 Menschen versammeln. „Say it loud, say it here. Refugees are welcome here“ singen die Eichendorffschüler, während in der Stadthalle alles für den Auftritt von AfD-Bundeschefin Frauke Petry vorbereitet wird (siehe „Extra“). Doch die Polizei hat mit einem Großaufgebot alles im Griff, vor allem der Eingang der Halle wird mit vielen bestens ausgerüsteten Kräften und Drängelgittern zur Sicherheitszone. Doch trotz einiger Sprüche, bei denen sich Nicht-AfD-Leute auch mal das Wort „Nazis“ beim Eintritt gefallen lassen müssen, bleibt es ruhig. Jörg Schmidt, Chef der Kelkheimer Polizei, zieht später zufrieden Bilanz. Es sei „im Sinne eines Miteinanders alles problemfrei“ gelaufen.

Dass es ruhig bleibt, es ist auch dem bunten Völkchen am Rathaus zu verdanken. Hier wird einfach friedlich gefeiert, geplaudert, hier und da mal eine Parole ausgepackt. Schüler Joel Hahn singt und spielt Gitarre, seine Mitschüler tanzen und klatschen in der ersten Reihe. „Super krass, wie viele Leute hier sind, wie viele Leute sich hier einsetzen“, schwärmt er. Nicht nur das: Es sind am Ende 20 Organisationen, Vereine und Parteien, die offiziell hinter diesem Bündnis stehen – von A wie Ausländerbeirat über E wie Evangelische Paulusgemeinde, F wie Flüchtlingshilfe bis S wie Solidarität Grenzenlos MTK.

„In Kelkheim sind 135 Nationen vertreten. Da ist kein Platz für rechte Gedanken“, sagt Isabel Reiter, Schulsprecherin der Gesamtschule Fischbach. Ihr Kollege Murtaza Hosseini, Oberstufensprecher der EDS, ist Flüchtling aus Afghanistan und hat Anfeindungen in Kelkheim schon erlebt. „Zurück mit Ihnen, Sie krimineller Ausländer“, habe er sich mal im Freibad anhören müssen. Nicht zuletzt deshalb macht der 16-Jährige, der sich für Flüchtlinge einsetzt, beim Bündnis mit. Seine SV-Kollegin Lisa Henties ist später mit ihm auf der Bühne und erklärt: „Wir sind der Überzeugung, dass uns Offenheit und Toleranz weiterbringen als Hass.“

Da geht Mafalda Pinto-Schneider, Vorsitzende des Ausländerbeirats, das Herz auf. „Ein Lob an die Veranstalter. Ich bin beeindruckt, wie diese jungen Leute sich engagieren.“ Michael Kegler von „Solidarität Grenzenlos MTK“ findet es toll, „dass die Leute bei so einem Aufruf den Hintern hochkriegen“. Dieses Lob gibt Schauder zurück. Ihm sei am Morgen schon das Herz aufgegangen, als er ein Transparent an der Pestalozzi-Schule gesehen hat. „Wir sind eine vielfältige Schule“ ist da zwischen bunten Fähnchen zu lesen. „Das beweist, dass die AfD in Kelkheim keine Chance hat.“ Gänsehaut habe er bekommen, als der nicht mehr endende Zug am Rathaus am Ziel ist.

Mittendrin ist die evangelische Pfarrerin Elisabeth Paulmann. Der Kirchenvorstand habe die Unterstützung abgesegnet. Die AfD wende sich „mit scheinbar christlichen Argumenten gegen das Christentum und andere Religionen“. Dabei habe schon im Alten Testament gestanden: „Man soll den Fremden bei sich aufnehmen wie einen Einheimischen.“ Fast neben ihr läuft Stadtverordnetenvorsteher Wolf-Dieter Hasler und strahlt beim Blick auf den Zug: „Kelkheim ist bunt, das finde ich klasse und ist ein Zeichen.“ Auch viele Hunde laufen mit, unter anderem die zwei der Stadtverordneten Sigrun Horn. Bellen – das werden sie nicht, betont sie: „Wir bleiben friedlich.“

Vor der Stadthalle schaut Gudrun Crosscurth, was bei der AfD so los ist. Als sie von leeren Stühlen im Saal hört, strahlt sie: „Das Beste ist, dass keiner kommt.“ Und Stadtverordneter Sebastian Borst findet beim Blick auf rund 700 Leute am Rathaus: „So ist die Verteilung in Ordnung.“ Justus (6) hat Spaß, schwenkt die SPD-Fahne. Und Bürgermeister Albrecht Kündiger spricht zum Finale. „Ihr habt gezeigt, dass Kelkheim nicht der Ort ist, an dem rechte Parolen gerufen werden, sondern ein bunter Ort für alle.“ Ein Lob gibt’s für die jungen Leute: „Kelkheim ist stolz darauf, dass wir so eine lebendige, so eine kritische Jugend haben.“

(wein)

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