Wacholderschnaps

Diese drei Kelkheimer kreiieren Europas gefragtesten Gin

Eben haben die drei Männer noch in „kurzen Hosen“ an der Destille gestanden. Nun ist ihr selbstgebrannter Gin weltmeisterlich.

Maximilian Henrichs ist für den Vertrieb zuständig. Kein Wunder also, dass er selbst im Lokal einen kleinen, mit Leder überzogenen Flachmann aus der Tweed-Jacke zaubert und etwas von dem „Wunderexlier“ einschenkt. Der Reporter ist zwar nicht exakt die Zielgruppe, weil eher Apfelwein- und Bier-Trinker, doch selbst er als Laie merkt: Da ist dem Bad Homburger mit seinen Freunden Philipp Eberwein de Bruijn aus Münster und Tim Häntschel aus Würzburg etwas ganz Edles gelungen.

Das hat sich inzwischen in Europa herumgesprochen: Der Gin der Kelkheimer Firma „Irving Gin“ hat jetzt die Bronzemedaille bei der Spirituosen-WM „The International Wine and Spirit Competition“ gewonnen. In der Kategorie „Gin & Tonic“ hat sich das Trio gegen 600 Gins aus 90 Ländern durchgesetzt, es aufs Treppchen geschafft.

Dabei ist Henrichs damit hochzufrieden, weil er zur WM in London wie sein Kumpel Hentschel ohne große Erwartungen gefahren ist. De Bruijn hingegen sieht sich bestätigt, er wollte sogar „Gold“ holen. Ein mit Liebe gemachtes, „exzellentes Produkt“ sei ausgezeichnet worden. Der Münsterer vergleicht es mit dem Bewusstsein der Menschen für gutes Fleisch: „Wir sind das Filet unter den Gins.“

Der Erfolg gibt den drei England- und Schottland-Fans recht. Am 17. 7. 17 war die Markteinführung. 600 Flaschen, die mattschwarz wie der Taunusschiefer sind, gab es zum Start. Eigentlich wollten sie die bis Jahresende verkaufen. Sie waren aber schon am ersten Tag bis mittags weg. In ihrem Online-Shop sei der Server mehrmals zusammengebrochen. Was taten die drei Gin-Köche? „Wir haben erstmal einen darauf getrunken“, flachst de Bruijn. Und sie hatten Geld für die nächste Abfüllung. Schließlich sei es ihr Ziel, das kleine Unternehmen aus eigenen Mitteln zu stemmen. Gewinne haben sie bisher nicht heraus gezogen. Alle Drei gehen ihren Berufen nach. De Bruijn ist Autoverkäufer in Eschborn, hat zuvor Mechaniker gelernt. Henrichs ist selbstständiger Malermeister und Innungsmeister in Bad Homburg, hat zehn Mitarbeiter. Häntschel ist Techniker bei einem Automobilzulieferer. Daher ist der Franke auch für den technischen Bereich, die Homepage, die Arbeit hinter den Kulissen zuständig – während sich das Taunus-Duo um den Vertrieb kümmert.

An der Produktion haben sie alle Drei ihren Anteil. Sie kennen sich über ihr inzwischen ruhendes Hobby, der mittelalterlichen Darstellung. Auf historischen Märkten waren sie unterwegs – tranken dort zusammen auch mal Gin. „Uns hat gestört, dass viele Gins so eine Spritnote haben“, erinnert sich De Bruijn an einen Abend mit Folgen. Vielleicht hätten sie „einen über den Durst getrunken“, räumt er ein. Der 39-Jährige weiß: „Jeder Betrunkene sagt mit den Kumpels: ,Wir machen eine Bar auf.’“ Das Trio beschloss, „nur“ den Gin zu kreieren.

Sie legten fast am nächsten Tag los. Detillatkurse in Österreich wurden besucht, alte Bücher gewälzt, eine Hobby-Destille in der Garage in Münster installiert. Stundenlang wurden die Zutaten getestet, die beim Gin nur zum Teil festgelegt sind: 44,4 Prozent Alkohol und die Wacholderbeere sind Pflicht, der Rest Kür. Sie verarbeiten in ihrem „Irving“ 16 Botanicls, also Aromen. Drei sind ihr Markenzeichen: Die Vogelbeere (auch Eberesche genannt) und die Brombeere kommen von Händlern aus dem Taunus, die Weintraube aus Franken. Weil sie der „Sprit-Geschmack“ vieler in Massen herstellten Gins störte, destillieren sie ihren Korn als Grundlage kurzerhand selbst. Auf 100 Gramm verwenden sie die dreifache Menge an Botanicals, betonen sie. Sechsfach destilliert wird bei einem Freund im Münsterland.

Dort füllten sich nach dem Start-Erfolg die nächsten 1000 Flaschen ab. Mussten aber warten, da ihr Gin noch vier Wochen lagert. Bei der Destillation nutzen sie einen Aromakorb mit Fruchtblüten für die Note. Charge Nummer zwei war nach anderthalb Tagen ausverkauft. So rasant ging’s weiter. Sie wollen die Firma aber langsam aufbauen, planen aktuell mit 980 neuen Flaschen im Monat. De Bruijn: „Wir wollen uns nicht überschlagen.“

Und doch wissen sie, dass sie einen Nerv getroffen haben, Gin seit einigen Jahren in aller Munde ist. In Region gebe es keine zehn Produzenten. Die Krifteler Brennerei Henrich stellt zum Beispiel den „Gin Sieben“ aus den Kräutern der Grünen Soße her. „Der schmeckt sehr gut. Schön, dass er aus der Region kommt“, sagt Henrichs (29) über das gute Verhältnis der kleinen Produzenten untereinander. Ganz klein wird „Irving Gin“ als WM-Dritter kaum bleiben, Gedanken, das mal im Hauptberuf zu machen, gibt es bei den Dreien schon. Dafür tun sie eine Menge, sind bei Märkten, Messen, Veranstaltungen mit ihren mobilen Bars. Henrichs hat sogar ein großes Zelt mit Pub-Optik als Holz gezimmert, zudem besitzen sie ein 10 000-Liter-Weinfass mit Bar auf einem Wagen. Am 13. Oktober sind sie auf dem 1. Hofheimer Gin-Festival präsent. In Kelkheim ist der Gin schon in aller Munde. Auch Bürgermeister Albrecht Kündiger lobt die Unternehmer, die unter anderem Fischbacher Quellwasser verwenden.

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