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Nach 117 Jahren ist Schluss - Traditionsbäckerei im Main-Taunus-Kreis sagt „Tschüss“

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Von: Frank Weiner

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Die Backstube Dorn im Main-Taunus-Kreis schließt zum Jahresende. Ein anderer Bäcker übernimmt den Verkaufsraum in Münster als Mieter.

Münster - In der Bäckerei Dorn geht es noch zu wie im Taubenschlag. Im Laden stehen die Kunden Schlange, in der Küche blättert Chef Raimund Dorn in den alten Fotoalben, seine Frau Dagmar ist mit dem Heizungsmonteur in Sachen Umbau beschäftigt. Und aus der Backstube holt Mitarbeiterin Sabine Heußinger noch schnell die restlichen Brote. Es ist der Sturm vor der Ruhe: Denn morgen um 12 Uhr schließt sich die Tür vom Bäcker Dorn zum letzten Mal. Das Ehepaar gibt sein Geschäft auf, der Krifteler Bäcker Heislitz übernimmt den Verkaufsraum als Mieter. Nach Umbau bis vermutlich Ende Januar und einem Verkaufswagen ab der zweiten Jahreswoche vor der Tür soll es neu losgehen.

In Dorns Brust schlagen zwei Herzen: „Es ist eine Mischung aus Freude, dass man einen neuen Lebensabschnitt beginnt, wir einfach mal ausschlafen können. Aber man weiß auch, dass der Urgroßvater und Großvater den Betrieb vor 117 Jahren gegründet haben.“ Seine Frau sagt: „Ich weiß gar nicht, wie es mir am Samstag geht, wie das werden wird.“ Der Start war damals schon besonders: Am 15. September 1905 war Josef Mohr zwar der Gründer. „Da er selbst kein Fachmann war, wurde ein Meister eingestellt, um meinem Großvater Willy Mohr die Möglichkeit zu geben, das Bäckerhandwerk zu erlernen“, schreibt Enkel Raimund in der Chronik. Nach seiner Meisterprüfung 1911 übernahm Willy die Leitung.

Bäckerei im Main-Taunus-Kreis schließt: fehlende Nachfolge, immer höhere Auflagen

1923 wurde ein Café angebaut mit bis zu 25 Sitzplätzen und sogar einem Klavier. Willys Tochter Helma heiratete 1948 Hans Dorn, ein gelernter Bäcker, der ab 1954 Mitgesellschafter wurde. Sein Sohn Raimund lernte erst drei Jahre Konditor, dann zwei Jahre Bäcker, arbeitete in einem Hotel in der Schweiz. Nach seiner Gesellenprüfung wurde er Landessieger im Leistungswettbewerb der Bäcker und war 1974 einer der jüngsten Meister in Hessen. 1974 starb Seniorchef Willy Mohr, zwei Jahre später wurden der hintere Hofteil abgerissen und eine neue Backstube gebaut. Die alte Backstube wurde zur Konditorei. Ab 1990 wurde Raimund Dorn zum Alleininhaber. Zeitweise hatten sie zwei Filialen.

So weit die Fakten einer besonderen Firmen- und Familiengeschichte. Die nun aus verschiedenen Gründen endet. Da ist die fehlende Nachfolge in den eigenen Reihen, da wären größere Investitionen gewesen, und da sind immer höhere Auflagen, mehr Bürokratie, wie sie betonen. Vor allem ist der Chef 71 Jahre alt. Er selbst sei da reingewachsen, habe vor der Schule schon Brötchen ausgefahren, später auch nie den Druck gespürt - und so seine Berufung als Bäcker gefunden.

Bäcker Dorn im Main-Taunus-Kreis: 52 Lehrlinge und bald keine „Lümmel“ mehr

Ihm sei es immer wichtig gewesen, mit jungen Leuten zusammenzuarbeiten. 52 Lehrlinge hat er ausgebildet, es verging kein Jahr ohne Azubi. Auch zuletzt gab es zwei Jung-Bäcker in der Lehre, die ebenso wie die Gesellen eine andere Stelle gefunden haben. Er sei aktiv auf die Menschen zugegangen, habe über die Neuen Medien geworben, betont Dorn - und hatte so nie Nachwuchs-Probleme. Die Unterstützung für das Personal, auch in schwierigeren Zeiten, mit guter Bezahlung, Urlaubs- und Weihnachtsgeld sei ihnen immer wichtig gewesen, ergänzt seine Frau. Sie erzählt, dass ihr Mann nun an Weihnachten mit der Familie Kreppel gebacken hat. Als Dankeschön gab es ein Glas mit Erinnerungen an die Bäckerei - eine sehr emotionale Geschichte, wie das Ehepaar sagt.

So wie ihr Abschied besonders wird. Viele Kunden bedauern das sehr, ist Dorn doch der letzte Kelkheimer Bäcker mit eigener Backstube. Er wünscht sich, dass Heislitz das Vertrauen geschenkt wird, sieht wie seine Frau eine gute Nachfolge. „Das ist genauso ein Familienbetrieb, wie wir es sind, Heislitz macht fast alles in der eigenen Produktion“, betont seine Frau, die in all den Jahren „die Feuerwehr“ gewesen sei, wenn irgendwo Hilfe nötig war.

Raimund Dorn holt mit die letzten Brote aus dem Ofen, seine Frau Dagmar und Mitarbeiterin Sabine Heußinger (r.) sind bei dieser „Abschiedszeremonie“ dabei.
Raimund Dorn holt mit die letzten Brote aus dem Ofen, seine Frau Dagmar und Mitarbeiterin Sabine Heußinger (r.) sind bei dieser „Abschiedszeremonie“ dabei. © wein

Main-Taunus-Kreis: Backstube soll zur Wohnung umgebaut werden

„Es ist wie eine zweite Familie“, sagt Verkäuferin Sabine Heußinger, die 33 Jahre dabei ist. Sie habe alles fragen können. Die Verkäuferinnen werden übernommen, so dass die Kunden auf bekannte Gesichter treffen. Die „Münsterer Bauernlümmel“, das Mehrkornbrötchen mit dem Kurznamen „Lümmel“, gibt’s nicht mehr. Bekannt war Dorn auch für seinen Stollen und die dunklen Mainzer Wasserweck, die eine Kundin aus Hamburg mal als verbrannt abgewertet hat. Lustig sei es gewesen, als die Kerbeborsch an Kirchweih nachts um 3 Uhr in der Backstube die Polonaise tanzten. Oder als Dorn ein Flugzeug der „Qantas“-Linie als Torte nachbilden sollte.

Er war auch insgesamt 16 Jahre bis vor wenigen Wochen Kreishandwerksmeister, sitzt noch im Berufsbildungsausschuss der Kammer, ist ehrenamtlicher Arbeitsrichter und im MTK-Integrationsbeirat. Zudem dreht er gerne Filme ihrer vielen Reisen und präsentiert sie. Seine Frau züchtet Hunde und reitet. Die Backstube soll zur Wohnung umgebaut werden, so wird bei Dorns, die drei Kinder und eine kleine Enkeltochter haben, 2023 erst mal keine Langeweile aufkommen. (Frank Weidner)

Bereits im Sommer schloss in Kelkheim im Main-Taunus-Kreis nach 103 Jahren die Traditionsbäckerei Ungeheuer ihre Tore. Der Betrieb fand kein Personal mehr.

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