Initiator Roland Struwe beim Distanzunterricht.
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Initiator Roland Struwe beim Distanzunterricht.

Schule in der Pandemie

"Eine automatische Versetzung entwertet die tägliche Arbeit der Lehrer"

  • vonJulian Dorn
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BILDUNG Roland Struwe, Pädagoge an der Eichendorffschule, startet eine Petition

Kelkheim -Sollten Schüler angesichts der gravierenden Auswirkungen von Corona auf den Schulbetrieb und das Lernen pauschal versetzt werden? Diese Frage treibt derzeit Lehrerverbände, Eltern und Politiker um. Im vergangenen Schuljahr verfügte das hessische Kultusministerium, dass alle Schüler versetzt werden, es sei denn, sie wollten freiwillig ein Jahr wiederholen. Das Ministerium begründete diesen Schritt damit, dass aufgrund der Corona-Situation eine gerechte Leistungsbewertung nur eingeschränkt möglich sei. Kein Schüler dürfe deswegen einen Nachteil haben, hieß es.

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) Hessen hingegen hielt das seinerzeit für einen fatalen Fehler, der sich in diesem Schuljahr nicht wiederholen dürfe. Die schwarz-grüne Landesregierung hat nun jedoch einen Gesetzesentwurf erarbeitet, nach dem alle Schüler abermals automatisch versetzt werden sollen. Der Landtag hat bereits am 18. März über die Novelle des Schulgesetzes diskutiert, eine endgültige Entscheidung soll jedoch erst in den nächsten Wochen fallen.

"Freifahrtschein" fürs Nichtstun

Diese Zeit will Roland Struwe, Politik-Lehrer an der Eichendorffschule, nutzen und die Änderung des Schulgesetzes mit einer Online-Petition noch verhindern:

https://www.openpetition.de/petition/online/keine-automatische-versetzung-hessischer-schuelerinnen-und-schueler-ins-naechste-schuljahr

Er nennt die Änderung "einen großen Fehler" und ein "falsches Signal". Sein Begehren soll die Landesregierung und die Landtagsabgeordneten dazu bringen, das Vorhaben der automatischen Versetzung nicht weiter zu verfolgen. Für Struwe ist klar: "Eine automatische Versetzung aller Schüler konterkariert und entwertet die tägliche Arbeit der Lehrer, und sie schadet den Schülern." Die Notengebung sei "ein wichtiges Instrument zur extrinsischen Motivation", ist der Pädagoge überzeugt.

Nun dürften die Lehrer zwar anders als im ersten Lockdown auch Noten während des Distanzunterrichts vergeben, "doch was nutzen diese, wenn am Ende ohnehin alle Schüler versetzt werden?", fragt der Pädagoge rhetorisch. Das sende ein fatales Signal an die Schüler aus, argumentiert Struwe, denn es sei teilweise schon jetzt schwierig, alle Schüler zu motivieren. Seine Befürchtung: Die Schüler erhalten nun einen "Freifahrtschein, der es ihnen erlaubt, die Arbeit gänzlich einzustellen." Nicht einmal die Anwesenheit in den Videokonferenzen wäre dann noch relevant. "Warum sollte man dann morgens noch aufstehen?" Dem Initiator der Petition geht es dabei aber nicht nur um die Mühe und den Aufwand von ihm und seinen Kollegen in einem zermürbenden Spagat zwischen Präsenz-, Distanz- und Wechselunterricht, die dann weitgehend umsonst wären. Struwe macht sich zudem Gedanken über die langfristigen Folgen.

Ungleichheit wird verschärft

"Diese Schüler verlieren auf diese Weise den Anschluss. Gerade in Fächern, in denen die Inhalte aufeinander aufbauen, entstehen Lücken, die nicht mehr so leicht zu füllen sind, etwa in Mathe." Der Lehrer, der auch Geschichte an der Eichendorffschule lehrt, beklagt außerdem, dass die Freiwilligkeit, die nun herrschen soll, die ohnehin vorherrschende Bildungsungerechtigkeit noch verschärfen werde. "Das Elternhaus wird zur Motivation noch wichtiger", erklärt er, "und die Kluft zwischen Kindern aus bildungsnahen und Kindern aus bildungsfernen Haushalten wird noch größer." Schüler würden in Zukunft "als Corona-Generation abgestempelt werden, weil sie ohne Leistungen versetzt wurden".

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) sieht das anders. "Eine Ausnahmesituation wie die Corona-Krise verlangt besondere Regelungen: In diesem Schuljahr darf niemand sitzenbleiben", fordert die Vorsitzende Marlis Tepe. Das Wissen, nicht sitzenbleiben zu können, nehme zudem "etwas Druck vom Kessel", meint etwa der Generalsekretär der Bundesschülerkonferenz, Dario Schramm. Ähnlich sieht das auch der Bundeselternbeirat. Eine "verstärkte Förderung in Problemfächern" könne im Einzelfall sinnvoller sein, als das Jahr zu wiederholen, teilte die stellvertretende Vorsitzende Sabrina Wetzel mit. "Wir sehen das so: Versetzung auf jeden Fall. Wir können nicht sehen, dass ein Lehrer umfassende Informationen zu den Schülern hat, da zu viel ausgefallen ist."

Argumentative Schützenhilfe für seine Petition bekommt der Kelkheimer Oberstudienrat Struwe, der in Sulzbach lebt, dagegen vom Interessenverband Hessischer Schulleitungen (IHL) - und selbst von der Landesschülervertretung (LSV), die sich beide gegen eine automatische Versetzung aussprechen und dies bei einer Anhörung im Landtag kundgetan haben. In Rheinland-Pfalz hatte sich die rot-grüne Landesregierung kurz vor den Landtagswahlen ebenfalls gegen ein Aussetzen des Sitzenbleibens entschieden. Struwe betont; "Unterricht ist mehr als Beschäftigungstherapie." Daher müsse Leistung auch etwas zählen. Struwes Online-Petition haben bislang 139 Unterstützer (Stand: 8. April) unterzeichnet.

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