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Fischbach: Eine Zuflucht auf Zeit im "Dalai-Lama-Zimmer"

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Von: Frank Weiner

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Das schicke "Dalai-Lama-Zimmer" im Schlosshotel am Rettershof: Chef Hans-Jürgen Laumeister legt noch einmal letzte Hand an. Es ist auf unbestimmte Zeit für Geflüchtete reserviert.
Das schicke "Dalai-Lama-Zimmer" im Schlosshotel am Rettershof: Chef Hans-Jürgen Laumeister legt noch einmal letzte Hand an. Es ist auf unbestimmte Zeit für Geflüchtete reserviert. © wein

Immer mehr Hotels wie der Rettershof bieten Ukrainern eine Herberge, große Spenden-Initiative geplant.

Fischbach. Wohnen im Schlösschen - es ist am Rettershof möglich. Dort gibt es im alten Landhaus im Tudor-Stil auch das "Dalai-Lama-Zimmer", in dem das Oberhaupt Tibets tatsächlich übernachtet hat. Ein kleiner Baldachin am Bett, ein glitzernder Kronleuchter, historische Möbel - so mancher Gast des Schlosshotels würde hier sicher gerne nächtigen. Doch aktuell winkt Betreiber Hans-Jürgen Laumeister ab: Das Zimmer sei geblockt - nicht für prominente Gäste wie den Dalai Lama, sondern für Flüchtlinge aus der Ukraine. Mit seiner Partnerin Daniela Schwarz hat sich Laumeister nach seinen Worten "sofort" angeschlossen, als der Dachverband Dehoga Hotel-Kapazitäten für Menschen aus den Kriegsgebieten suchte.

Vier Zimmer sowie eine Suite mit eigener Küche und Aufenthaltsraum sind reserviert für solche Notfälle, von denen es jetzt schon einige gab. Bis zu 20 Menschen könnte das Team unterbringen, bietet Laumeister an. Sollte das nicht reichen, wolle er gerne an Kollegen vermitteln. Nach zwei harten Pandemie-Jahren mit Umsatzeinbußen, die er auf über 3 Millionen Euro beziffert, sei es für ihn und seine Frau keine Frage gewesen, hier zu helfen. "Ich möchte nicht in dieser Lage stecken." Auch seine Schwiegermutter habe inzwischen in einer Einliegerwohnung Flüchtlinge aufgenommen. Das Schlosshotel, das rund 30 feste Mitarbeiter und gut 20 Aushilfen beschäftigt, versorgt die Menschen aus der Ukraine auch mit Lebensmitteln. Er habe "keine Ahnung", ob es dafür Unterstützung zum Beispiel vom Kreis gibt, betont Laumeister. "Das ist nicht die Intention. Es ist wichtig, dass den Leuten erst mal geholfen wird." Und dafür seien die Zimmer ohne zeitliche Beschränkung geblockt, "bis sich die Lage entspannt".

Privatmann bringt Leute in Sicherheit

Bisher wurde ein knappes Dutzend Flüchtlinge aufgenommen, bis sie eine Wohnung oder Unterkunft bei Familien gefunden haben. Laumeister ist offen dafür, in schwierigen Personal-Zeiten für die Gastronomie auch Menschen aus der Ukraine einzustellen, "nach Qualifikation und Sprachkenntnissen - wir haben dies bereits auch auf den sozialen Medien verbreitet. Leider hat sich noch keiner gemeldet."

Erst vor einigen Tagen hat Nicolai Walter mit seinem 32 Jahre alten Mercedes SEL nach mehr als 5000 gefahrenen Kilometern Geflüchtete ins Schlosshotel gebracht. Er habe eigentlich mit einem Kleinbus mehr Personen aus einem Ort südlich von Kiew holen wollen, erzählt der Kronberger. Das habe aber nicht geklappt, weshalb er mit seinem Privatauto Opa, Oma, Tochter und Enkelkind zum Rettershof brachte. Er findet die Initiative des Schlosshotels prima, so Walter. Denn ihm sei es wichtig, die Menschen nicht in volle Turnhallen mit vielen Flüchtlingen zu bringen. Es war nicht seine erste Ukraine-Tour. Mit einem Bus habe er bereits zwölf Personen in die Region geholt und Hilfsgüter jeweils hingebracht.

Die Hilfen der Unternehmer sind ebenso umfangreich. Über 300 Mitgliedsbetriebe des hessischen Hotel- und Gastronomieverbandes sind dem Aufruf der Dehoga so wie die Kelkheimer gefolgt und stellen rund 9200 Zimmer für die nächsten Wochen zur Verfügung. "Wir sind von der Hilfsbereitschaft überwältigt", sagt der Vorsitzende des Kreisverbands Frankfurt, Robert Mangold. Im Verband hieß es auch, dass die Betriebe die Zimmer allerdings nicht dauerhaft kostenfrei zur Verfügung stellen können. "Niemand will Gewinn aus diesen Übernachtungen generieren", so der Geschäftsführer der Dehoga Hessen, Julius Wagner. "Aber eine Kostendeckung durch die üblichen öffentlichen Sätze sollte den Betrieben durch die verantwortlichen Stellen möglichst bald zur Verfügung gestellt werden."

Schlosshotel-Chef Laumeister denkt daran nicht. Denn er will einfach helfen. Deshalb organisiert er mit seinem Bekannten Markus Moldan, der ein Frisurenstudio in Fischbach betreibt, die Spendenaktion "Helfen um zu helfen" (Text links). Dass Zimmer geblockt sind, finden die anderen Hotelgäste "alle gut", betont er. So langsam bessere sich auch die Buchungslage nach der Pandemie, bei den Firmen laufe es aber verhalten. Dafür seien 90 Prozent der Kapazitäten für Hochzeiten 2022 reserviert. Der Chef sieht die Lage wirtschaftlich "optimistisch, obwohl wir weit entfernt sind von der Zeit vor der Pandemie". Um die erheblichen Einbußen abzufedern, haben sie als Betreiber privates Vermögen in den Betrieb stecken müssen. Die Gespräche mit der Stadt und der Rettershof GmbH liefen, um den Unternehmern in kommunalen Einrichtungen bei der Pacht entgegenzukommen. Schließlich wolle Kelkheim seine Betreiber halten. Im Falle des Schlosshotels sieht es sehr gut aus. Seit genau zehn Jahren ist das Duo Schwarz/Laumeister hier am Start, nun sei der Pachtvertrag um weitere zehn Jahre verlängert worden, verrät Laumeister. Und es bestehe eine Option auf weitere zwei mal fünf Jahre, so der 52-Jährige.

Pachtvertrag um zehn Jahre verlängert

Deshalb denkt er voraus. Die vor zehn Jahren erneuerten Zimmer seien wieder dran, zudem will das Schlosshotel mehr auf Individualgäste eingehen über einen verbesserten Wellnessbereich. Der Bau eines weiteren Restaurants, von der Stadt aus finanziellen Gründen abgelehnt, liegt für Laumeister "auf Eis". Sein Ziel sei es aber, "das ganze Objekt nachhaltig für die Zukunft aufzustellen".

Große Hilfsaktion am Sonntag

Das Schlosshotel öffnet am Sonntag, 3. April, 12 bis 22 Uhr, seine "Sundowner Lounge" für die gute Sache. Es gibt eine Tombola mit Hubschrauberflug sowie Hotel-Übernachtung mit Fünf-Gänge-Menü als Hauptpreise, Comedy, Livemusik, Tanz, Hüpfburg, Kinderschminken, Modenschauen. Der Verein "Stimme für Ruppertshain" hat einen Konzertauftritt mit Dzuna Kalnina, Georgi Mundrov und ukrainischen Flüchtlings-Sängern, den Verkauf von Stiefmütterchen und Vogelnistkästen geplant. Jeder zweite Euro im Umsatz bei Essen und Trinken fließt in die Ukraine-Hilfe. Schirmherrin ist die Kelkheimerin Motsi Mabuse, an deren Initiative das Geld gehen soll.

Stadt gründet Koordinierungsstelle

Rund 200 Menschen aus der Ukraine sind derzeit in der Stadt untergebracht - allesamt bei Privatleuten und nicht in Unterkünften. Diesen Überblick gab Bürgermeister Albrecht Kündiger am Mittwochabend im Sozialausschuss. Er berichtete auch, dass die Stadt eine Koordinierungsstelle für Aktivitäten rund um die Ukraine-Hilfe eingerichtet habe. Eine Kraft aus dem Rathaus ist verantwortlich und bekommt in einer Lenkungsgruppe Unterstützung von den Vertretern der in dieser Sache aktiven Vereine und Gruppierungen. In den nächsten Tagen wird das Team auch Details weitergeben. Ansprechpartner für neue Initiativen und Informationen sei aber in jedem Fall die Stadt, betonte Kündiger.

Mit der zentralen Stelle "wollen wir keinen beschneiden oder bremsen", freut er sich weiterhin über Aktivitäten aus den Vereinen und der Bürgerschaft. Hier sei schon sehr viel passiert. Ohne die große Hilfe aller aus der Stadt wäre die Lage im Kreis "nicht ansatzweise bewältigt" worden, stellte Kündiger klar. Der Kreis habe für Kelkheim Container-Bauten am Berliner Ring für Flüchtlinge vorgesehen. Doch diese gehen erst Ende 2022/Anfang 2023 in Betrieb, wenn sich denn ausreichend Module auf dem Markt finden. Der Bürgermeister hob hervor, dass es weiterhin auch viele Geflüchtete aus anderen Ländern gebe und für sie im Falle von Bleiberecht dringend Wohnungen in der Stadt gesucht werden.

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