Margret Schiela in ihrem Element: Auch mit 80 meistert sie die Theke am Gimbacher Hof.
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Margret Schiela in ihrem Element: Auch mit 80 meistert sie die Theke am Gimbacher Hof.

Porträt:

Fischbach: „Ich weiß, welche Äbbel in den Äbbelwein gehören“

  • Frank Weiner
    vonFrank Weiner
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Margret Schiela, die Wirtin des Gimbacher Hofes, ist 80 Jahre alt und aktiv wie eh und je.

Fischbach. "Ich wollte immer Lehrerin werden." Der Satz von Margret Schiela überrascht. Kelkheim kennt die freundliche Frau als Wirtin und Chefin vom Gimbacher Hof. Dass sie einen anderen Beruf haben könnte - kaum vorstellbar. Für Schiela blieb es ein Wunsch. Es war klar: Sie wird als älteste Tochter den Hof von ihren Eltern Margarete und Friedrich Pfeffer übernehmen.

Sie ist mittendrin, seit sie laufen kann. Geboren wurde sie vor 80 Jahren hier am Gimbacher Hof. "Wir haben als Kinder schon Äbbel gelesen", sagt sie. Und im Lokal geholfen. Für ihre Lehrjahre war sie weg, an Bauernhöfen, wurde Hauswirtschaftsmeisterin. "Ich weiß, welche Äbbel in den Äbbelwein gehören." So schaut sie wenige Tage nach ihrem runden Geburtstag mit etwas Sorge auf die Apfelbäume im Garten. Mit Keltern sehe es eher schlecht aus, das sei neben der Trockenheit die Alternanz - der Wechsel zwischen guter und weniger guter Ernte. Doch um die Versorgung mit Apfelwein müsse sich kein Gast Gedanken machen.

Ebenso wenig wie über den Hof selbst. In der Corona-Krise war zwar zwei Monate geschlossen, "aber das Unternehmen wackelt nicht daran", macht Schiela deutlich. Da hat sie in den 30 Jahren als Chefin, nachdem ihre Mutter 1990 starb, gut gewirtschaftet. Und betont: "Wie geht's denn den Ärzten und Krankenschwestern? Da brauchen wir nicht jammern." Mit "Essen to go" habe der "Gimbi" Stammgäste mal gesehen. Zum Glück seien der Sommer und Herbst prächtig gewesen, so dass die Gartenwirtschaft lief. Einmal schließen zu müssen, das hätten ihre Eltern im Zweiten Weltkrieg erlebt. Aber Margret Schiela weiß: "Es gibt immer ein Auf und Ab. Das ist ganz natürlich, dem muss man sich stellen."

Das tut die Familie Pfeffer/Schiela auf dem Gimbacher Hof seit genau 110 Jahren. Dabei war das Zufall: Ihr Großvater Heinrich Pfeffer und seine Frau Agnes betrieben in Darmstadt einen Pachthof, der für Wohnhäuser weichen musste. Sie sahen sich in der Region um - und die Wahl fiel auf den "Gimbi", weil es dort eine Gastwirtschaft gab. Der Rettershof und Kloster Thron bei Wertheim zogen den Kürzeren.

Die Krise gut gemeistert

Ein Lokal am Hof zu haben - das war für Schiela einer der Glücksfälle. So konnten die heimischen Produkte vermarktet werden. Wobei es lange "nur" drei Gerichte gegeben habe: Hausmacher Wurst, Handkäs, Eier mit Speck. "Später wollten die Leute Jägerschnitzel. Da sind wir raus in den Wald und haben Champignons gesucht." Heute ist die Speisekarte umfangreicher, reagiert der "Gimbi" auf besondere Gewohnheiten. Sie habe viele Trends kommen und gehen gesehen, sagt Schiela, findet aber: Ein bisschen weniger Fleisch sei ja "bestimmt nicht falsch".

Glücklich ist sie mit 80 mit einer anderen Entwicklung: Ihre Enkelin Christina Wittekind ist vor vier Jahren eingestiegen, teilt sich mit der Oma die Geschäftsführung. "Ein Geschenk", nennt Schiela das, "selbstverständlich ist das ja nicht". Ihre Enkelin sei "warmherzig und freundlich", das laufe "völlig problemlos". Für Schiela ein Traum: "Wir schaffen uns gegenseitig Freiräume." So kann die Seniorchefin mal wieder in ein Konzert gehen oder Freunde treffen. Oder sich um den Garten kümmern. Noch ein wenig mehr Freiheit, das wäre ein Wunsch zum Geburtstag. Ihre Tochter Barbara Wittekind trägt dazu bei: Sie hat lange in der Fischbacher Bäckerei ihres Mannes gearbeitet, nun führt sie den Campingplatz am "Gimbi" - dem einzigen im Main-Taunus-Kreis.

Daran, mit 80 deutlich kürzer zu treten, denkt Schiela noch lange nicht. Gesundheitlich sei alles bestens, sie fängt um 7 Uhr an, ist oft erst vor Mitternacht fertig. Meist kümmert sie sich um die Theke, "da sehe ich die Gäste". Bis zu vier Generationen von Familien hat sie hier schon erlebt. "Für den einen oder anderen Gast ist es wie Heimat. Das ist unsere Hauptaufgabe", sagt Schiela, der eine gute Nachbarschaft wichtig ist. Und die auch an die Leberecht-Stiftung dieser Zeitung mit einer jährlichen Spende denkt.

Ebenso hoch im Kurs ist das Personal: 16 Festangestellte und 15 Aushilfen gibt es am "Gimbi". Margret Schiela weiß: "Die mussten schon fleißig sein. Und da sein, wenn gutes Wetter ist." So wie Kellner Norbert Schmidt, mit 82 Jahren ihre älteste Kraft und schon seit 50 Jahren dabei. Oder die Küchenchefs, die jeweils 25, 12 und inzwischen schon 8 Jahre im Betrieb seien. Gut für die Chefin, die 30 Jahre gekocht hat.

Stromprobleme und Fruchtwein-Masse

Was sich noch verändert hat? Kühlschränke hat es früher nicht gegeben, da wurde das Fleisch im Apfelweinkeller gelagert. Strom gab es kaum. Entweder lief das Waffeleisen oder die Waschmaschine, erinnert sich Schiela. In einer Phase sei Fruchtwein angesagt gewesen, da kamen acht Sorten aus dem Hahn. Heftig für manchen Gast. Schiela lobt das "absolut einvernehmliche" Verhältnis zur Stadt. Und wünscht sich, "dass es in Ruhe und Frieden weitergeht".

In den 110 Jahren haben die Familien Pfeffer und Schiela den Gimbacher Hof immer in Schuss gehalten. Deshalb sei baulich auch alles im grünen Bereich, sagt Chefin Margret Schiela. Und so kann sie sich einem Herzensprojekt widmen: dem Bau eines kleinen Andachtsraums im Feld in Richtung Fischbach. Die Arbeiten haben vor wenigen Wochen begonnen, das viereckige Fundament ist schon fertig.

Margret Schiela lässt damit eine Tradition wieder aufleben. Denn schon 1287 wurde am Hof Gimbach erstmals eine Kapelle urkundlich erwähnt. Sie war Johannes dem Täufer gewidmet und früh das Ziel von Pilgern. 1708/09 entstand eine neue Kapelle, die aber 1830 wieder abgerissen werden musste. Die Geschichte der Pilger aber blieb. Die Kostheimer Wallfahrt ist bekannt, sie macht auf dem Weg in die Fischbacher Kirche zum Dreifaltigkeits-Bild hier Station. Jetzt in der Corona-Zeit wurde vor wenigen Tagen sogar der Gottesdienst im Garten des Gimbacher Hofes gefeiert.

Nicht nur für die Wallfahrer soll der kleine Andachtsraum in der Senke mit prächtigem und passendem Blick auf das Kelkheimer Kloster entstehen. Der Entwurf stammt von dem bekannten Hochheimer Architekten Helmut Mohr. Das Kapellchen soll eine halbrunde Apsis bekommen, die bei Bedarf für Andachten mit mehr Gästen geöffnet werden kann. Margret Schiela hofft, dass der Bau vielleicht schon an Weihnachten fertig ist.

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