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Kelkheimer Hausberg

Frankfurts „Filiale“ am Staufen

  • Frank Weiner
    VonFrank Weiner
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144 Hektar gehören den Frankfurtern. Dieses Eigentum ist historisch bedingt nach der Aufteilung der Oberliederbacher Mark.

„Hier möchte ich gerne eine Bank hinstellen.“ Revierförster Holger Scheel zeigt Ralf Vorpahl eine Stelle im Wald unterhalb des Staufen, wo er gerne etwas Platz für eine Sitzgelegenheit hätte. Das trifft sich gut: Der Mitarbeiter der Firma Trenkle aus Villingen-Schwenningen ist gerade ohnehin mit dem Bagger beschäftigt. Gut zwei Wochen hat er gebraucht, um den Weg im Wald neu anzulegen. Jetzt ist alles vollendet, nur den kleinen Wunsch nach einem Platz für die Bank hat der Förster noch. Dann fährt er mit Hündin Aspe, benannt nach dem Baum, wieder zurück in die Revierförsterei Schwanheim.

Anfragen in Kelkheim

Schwanheim? Warum gibt ein Frankfurter Förster Anweisungen im Wald zwischen Kelkheim und Fischbach? Ganz einfach: Hier oben, rund um den Kelkheimer Hausberg, den Staufen, haben die Mainstädter das Sagen. Genau 144 Hektar gehören zum Frankfurter Stadtwald – ein Kuriosum, aber mit Blick auf die Geschichte ganz normal. „Das ist nicht so bekannt. Da fährt der Frankfurter nicht hin“, sagt Johannes Hölzel, Produktionsleiter im Stadtforstamt Frankfurt, das zum Grünflächenamt zählt. „Die Wenigsten wissen das“, ergänzt Scheel. Wenn es ein Anliegen zum Wald hier gibt, rufen die Leute oft bei der Stadt Kelkheim an – „und die leiten es an uns weiter, wie haben da einen guten Draht“.

Doch viele Sorgen gibt es nicht, rund um den Staufen ist die Welt noch in Ordnung. Spätestens jetzt, da die Wege neu gemacht wurden. 48 000 Euro hat die Stadt Frankfurt dafür ausgeben, das seien rund 40 Prozent des Jahresbudgets, sagt Hölzel. Es sei an der Zeit gewesen, die Wege neu zu machen, betont Scheel. Denn bei Regen wurden immer wieder Teile auf den oft steilen Strecken mitgeschwemmt. Experte Vorpahl hat sie neu geschottert, die Gräben und Bankette erneuert und eine Verschleißschicht Sand aufgetragen. Insgesamt 6,4 Kilometer wurden neu gemacht.

So auch der Chaiseweg und der Amtsbotenweg. Im Gegensatz zum Kelkheimer Gebiet, haben die Frankfurter Wege hier Namen. Und ein weiteres Schild mit der Aufschrift „Stadtwald Frankfurt“ weist auf den ungewöhnlichen Eigentümer hin. Doch so besonders ist das gar nicht: Vor rund 200 Jahren bestand noch die Oberliederbacher Mark, der Wald gehörte den 22 Orten und Höfen drumherum. Allerdings sei ein Großteil verödet gewesen, weiß Kelkheims Stadtarchivar Dietrich Kleipa. Mit der Auflösung des Herzogtums Nassau wurde der gemeinsame Markwald aufgeteilt. Die einzelnen Gemeinden konnten ihre Parzellen besser selbst verwalten und kontrollieren.

Den Forst aufgeteilt

So fiel etwa Hattersheim ein Teil des Waldes am Staufen zu, Sindlingen ebenfalls. Auch Unterliederbach (am Eichkopf bei Ruppertshain) oder Höchst (am Reis in Hornau) hatten hier Besitztümer. Dann wurde Sindlingen von Höchst eingemeindet, die ehemalige Kreisstadt wiederum 1928 von Frankfurt – und so ging der Wald an den neuen Eigentümer. Außerdem hatte Hattersheim einen Teil laut Kleipa 1938 an Frankfurt verkauft.

Doch natürlich war es für die Mainstädter nicht immer einfach, einen Wald im Taunus zu verwalten. Und so wurde die Aufgabe erst der Landesforstverwaltung Hofheim, später der Möbelstadt Kelkheim mit Revierförster Christian Witt übertragen. Es gab Verträge, die Frankfurter mussten für diese Dienstleistung bezahlen. Seit 15 Jahren bewirtschaften die Frankfurter ihren Staufenwald nun wieder selber – eine Entscheidung im Zuge der Forstreform, als die Reviere größer wurden. So ist Holger Scheel nun Chef von 850 Hektar im westlichen Frankfurt und in Kelkheim. Hinzu kommen noch 96 Hektar im Wasserwerkswald Hattersheim. Der gehört zwar heute der Firma Hessenwasser, wird aber von Scheel mit verwaltet. Die Stadt Frankfurt hatte ihn mal besessen, um dort Brunnen anzulegen.

Insgesamt gehören den Frankfurtern rund 6000 Hektar Wald – mit einigen weiteren „Außenstellen“ wie am Sandplacken, an der Weißen Wand bei Oberursel, in Friedrichsdorf oder gar im Vogelsberg. „Wir arbeiten schon profitabel“, sagt Hölzel. „Sonst würde es sich die Stadt nicht leisten, ein eigenes Forstamt zu haben.“ In Kelkheim ist in diesem Jahr eine Holzernte von 1470 Tonnen geplant. Der Wald hier weist bis zu 20 verschiedene Baumarten auf, vor allem Laubbäume, aber auch einige Nadelgehölze. Seltene Exemplare wie die Mehlbeere oder die Edelkastanie sind hier ebenfalls zu Hause.

Sie bieten allerdings ebenso seltenen Tieren im Taunus gutes Futter: den Mufflons. Rund 30 Tiere gebe es hier rund um den Staufen noch, berichtet Scheel. Das Tier war mal ein Politikum, sollte vom Regierungspräsidium 1991 zum Abschuss freigegeben werden. Denn der Bestand war auf rund 120 Tiere angestiegen, es gab viele Verbissschäden. Dagegen klagten Kelkheim, Hofheim sowie einige Jäger – und bekamen vor dem Verwaltungsgerichtshof Recht. Holger Scheel beäugt die Wildschafe heute mit gemischten Gefühlen. Wichtig sei es, das Gleichgewicht zu halten, damit sich der Wald selbst entwickeln könne. Wenn aber die Bäume „als Mittagessen dienen“, sei das schwierig. So ist der Förster der Ansicht, dass der Bestand noch etwas reduziert werden könnte – ohne die Mufflons hier aber auszurotten. Einige andere Herausforderungen gibt es: Zum einen legen Mountainbiker illegale Rennstrecken an, dann liegt Müll nach nicht erlaubten Grillfesten herum. Oder Anwohner in Fischbach hätten manchmal andere Vorstellungen von der Waldrand-Gestaltung, weiß Scheel, der insgesamt ein ruhiges Arbeiten in seiner „Filiale“ hat.

(wein)

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