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Sie sehen den Abschied auch mit einem lachenden Auge: Heike, Lisa und Klaus Peter Löw in einem ihrer Gewächshäuser, aus dem noch die letzten Weihnachtssterne verkauft werden. Links oben: Das Anwesen in der Stadtmitte Kelkheim, dessen Bild sich in den nächsten Jahren verändern wird.

Aus für Generationenbetrieb

Gärtnerei Buchsbaum: Emotionales Aus nach 128 Jahren

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In der Familie, die das Geschäft in der vierten Generation führt, gibt es keine Nachfolge. Und in der Branche geht’s bergab, weil die günstige Konkurrenz zieht.

Still plätschert der Liederbach. Hühner spazieren leise gackernd durch ein Gewächshaus. Die Rosen drumherum wecken ihr Interesse nicht. Die meisten Häuser sind aber leer, nur ganz vorne links warten noch Weihnachtssterne auf Käufer. Die leeren Blumentöpfe und Schalen stapeln sich, Buchsbäume stehen in Reih und Glied. Die Stille trügt nicht, hier auf dem 10 000 Quadratmeter großen Gelände der Gärtnerei Buchsbaum zwischen Frankenallee und Sindlinger Wiesen. Das Traditionshaus, das seit stolzen 128 Jahren besteht, wird Ende des Jahres schließen.

Mit dem Kreisblatt blicken die Eigentümer Heike und Klaus Peter Löw auf eine bewegte Geschichte zurück. „Es ist emotional schon schwierig. Man hat ja viel mit den eigenen Händen aufgebaut. Und das reiße ich jetzt wieder ab“, sagt der 63-Jährige. „Im Vorfeld haben wir uns das nicht leicht gemacht.“ Seit gut einem Jahr steht aber der Entschluss, nach mehr als 30 Jahren unter Löws Führung Schluss zu machen. „Man sollte aufhören, wenn’s noch gut geht. In einer Phase, wo wir noch was Neues machen können“, betonen beide. Die nächsten zwei Jahre wird das zunächst der Umbau des markanten Geländes in der Stadtmitte sein. Details können die Löws noch nicht verraten, weil die Pläne in Arbeit sind. Aber Fakt ist, dass der Blumenladen an der Straße abgerissen wird und ebenso wie der Parkplatz bebaut werden soll. Die Löws bleiben auf dem Areal wohnen, das insgesamt rund 5000 Quadratmeter Gewächshausfläche, darunter auch ein großes Verkaufs-Glashaus, umfasst.

Das Aus für Blumen Buchsbaum führen sie auf weitere Faktoren zurück. Zum einen hat ihre Tochter Lisa (24) andere Pläne. Interessenten für die Nachfolge gäbe es sicher, aber die Frage wäre laut Klaus Peter Löw: „Macht er das besser oder schlechter? Kann er die Miete tragen?“ Mit dieser Ungewissheit auf der eigenen Anlage wollten beide nicht leben – auch von den noch zehn Mitarbeitern, die alle bis zum letzten Tag bleiben und einen neuen Job gefunden haben, habe keiner Interesse gezeigt. Schließlich spielt für die Löws die Situation am Blumenmarkt eine Rolle: „Blumen sind zwar ein Luxusartikel geworden, aber ohne Wertigkeit, mehr so ein Wegwerfartikel“, weiß Heike Löw und betont: „Wir wollten nie ins Billigsegment, Qualität haben wir.“ Andere wohl eher weniger: Günstige Blumen gebe es bei Discountern wie Aldi oder Lidl, Baumärkten, zudem auf den Wochenmärkten. Paradox: Der Kelkheimer Markt ist direkt gegenüber. Nicht selten beobachten die Löws, wie Kunden dort billige Blumen einkaufen, aber bei Buchsbaum auf dem Parkplatz ihr Auto abstellen.

„Die Wertigkeit beim Kunden ist für unsere Produkte leider nicht mehr gegeben“, weiß Floristmeisterin Heike Löw, die als Bezirksvorsitzende im Fachverband und ehemaliges Mitglied im Prüfungsausschuss die Entwicklung beurteilen kann. In den vergangenen 25 Jahren sei die Mitgliederzahl des Verbandes Deutscher Floristen im Bezirk Frankfurt auf ein Drittel gesunken. Und waren es früher 80 Lehrlinge pro Jahr, seien es heute nur 10 bis 20. „Das ist ein Sterben auf Raten“, weiß Heike Löw, die aus einem Blumenbetrieb in Alsfeld stammt. Dort seien es mal fünf Floristen gewesen, heute nur noch einer. Bei Buchsbaum waren bis zu 16 Mitarbeiter beschäftigt – auch dies musste wegen der schleichenden Umsatzrückgänge auf 10 Kräfte, viele in Teilzeit, reduziert werden. „Bei uns wird der Umschlag pro Quadratmeter immer schlechter“, betont sie. Wenn Kunden nur in den Laden kommen und schauen, „weil es immer so schön ist“ – davon kann ein Unternehmen keine Mitarbeiter bezahlen. Noch ein paar Zahlen passen ins Bild: Früher verkaufte Blumen Buchsbaum bis zu 60 000 selbst gezogene Stiefmütterchen im Jahr, vieles auf dem Großmarkt, wo sich Heike und Klaus Peter Löw übrigens das erste Mal über den Weg liefen. Heute seien es nur noch rund 10 000 dieser Pflanzen.

Schwerpunkte in der Firmengeschichte (siehe „Info“) waren nach anfänglichen Experimenten immer Beet- und Balkonpflanzen sowie Schnittrosen. Teilweise hatte die Firma Felder in Fischbach oder am Kloster bewirtschaftet, etwa mit Flieder. „Da sind wir an Muttertag morgens zweimal nach Frankfurt zum Großmarkt gefahren – und es war vorher schon alles verkauft“, erinnert sich Löw. Später wurden einige Flächen im Zentrum verkauft, um das Geld in den Betrieb zu stecken. Dass nun wieder große Investitionen anstehen, etwa für die fast schon historische Heizung, ist ein weiterer Grund fürs Aufhören.

Wie geht es weiter? Derzeit gibt es zum Abschied noch einen Weihnachtsrabatt. „Im Januar machen wir erstmal zwei Wochen Pause“, atmet Heike Löw schon mal durch. Danach soll es noch einen Abverkauf geben. Und dann steht mal mehr „Zeit für uns“ an, hofft die 50-Jährige. Sie möchte einen Tanzkurs machen, er steigt gerne aufs Rad. Viel Urlaub, Zeit für Freunde und Freizeit sei in gut 30 Jahren kaum drin gewesen. „Unser Beruf, der im Übrigen ein sehr schöner und toller ist, war unser Hobby“, sagen beide im Gleichklang, während im Hintergrund das Wasser am Rad der ehemaligen Aumühle plätschert – das sie übrigens auf jeden Fall erhalten wollen.

(wein)

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