Neujahrsempfang

Gemeinsam gegen das Internet-Gespenst

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Seit einigen Jahren gibt es aus Kostengründen keinen Neujahrsempfang der Stadt mehr. Der Gewerbeverein spricht seitdem erfolgreich in die Bresche.

Was die Kelkheimer Unternehmer derzeit so umtreibt? Das Kreisblatt hat gestern beim Neujahrsempfang der Vereinigung Kelkheimer Selbständiger (VKS) nachgefragt – dann kam Gastgeber Bernd Hornbacher vom gleichnamigen Nissan-Autohaus Nissan zum Finale der Reden und lieferte die Steilvorlage. „In Zeiten, in denen wir nur noch im Internet unterwegs sind“, sei es gut, auf Menschen zu treffen, mit ihnen zu sprechen und idealerweise auch Auge in Auge Geschäfte zu machen. Es könne nicht sein, „dass jedes Buch wegen 2,50 Euro bei Amazon bestellt“ wird. Ohne die Transporte des Versandriesen sei die Umweltbelastung um einiges geringer: „Wenn wir sagen, kauft in Kelkheim“, betonte Hornbacher.

Hornbacher, bekennender Fan von Eintracht Frankfurt, erntete vor vollem Haus mit Vertretern von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft nicht nur dafür großen Applaus. Dass Eintracht-Präsident Peter Fischer keine AfD-Leute im Verein haben will, findet er gut: „Er hat doch die Wahrheit gesagt.“ Das hatten schon vorher VKS-Chef Rainer Brestel und Bürgermeister Albrecht Kündiger bekräftigt. „Was Herr Fischer politisch so losgelassen hat, finde ich gar nicht so schlimm“, erklärte Brestel. Eintracht-Fan Kündiger formulierte es allgemeiner, mit Blick auf die Landtagswahl 2018 „brauchen wir keine Parteien,die auf Ausgrenzung setzen“.

Die Gewerbetreibenden schreckt eben vor allem das Wirtschafts-Gespenst vom Internet. Brestel blickte auf das Sterben der Einkaufsmeilen in den USA. Wer das auch hier eine Folge des Online-Handels? Das fragt er und kritisierte außerdem die „Regulatorikwut“. Selbst kleinste Firmen müssten Spezialisten für alle Bereiche – von Unfallverhütung bis zur Notfallseelsorge – beschäftigen. Bernd Geis, Wirt vom Alten Rathaus in Münster, findet „die Abwanderung ins Internet“ auch ein zentrales Thema. Hier müsse die Stadt, die VKS Einigkeit zeigen. Ein Mittel dagegen seien einheitliche Öffnungszeiten, für die er als Chef des Gewerbevereins vor 20 Jahren schon gekämpft habe – allerdings meist vergeblich. „Wir sind auf einem guten Weg, es müssen nur alle mitspielen.“

Das findet auch Dirk Stelzer, neu im VKS-Vorstand und Chef des gleichnamigen Möbelhauses, wichtig. Gerade die stärkere Verzahnung zwischen Gewerbetreibenden und Einzelhändlern sei wichtig. Aktivitäten wie die VKS-Messe und die neue Gutschein-Card seien prima, sie müssten nur noch mehr beworben werden. Hier wünscht sich Stelzer noch stärkere Unterstützung von der Stadt, denn: „Für den Zusammenhalt kann es nur förderlich sein.“ Und damit auch für den Kampf gegen das Internet.

Eine Folge davon sind sicher die Leerstände – Ende Februar macht mit Elektro Beck ein weiteres traditionsreiches Haus vor allem deswegen zu. Dass viele Läden leer sind, das treibt auch Kathrin Wachendörfer um, die eine Praxis für Naturheilkunde hat. Kooperation und Transparenz sind für sie wichtige Schlagworte für die nahe Zukunft. Sie habe zuletzt Leute getroffen, „die wussten gar nicht, dass es hier einen Teeladen gibt“.

Wachendörfers Vorlage nahm Brestel unbewusst auf. Ein Imbiss im Gewerbegebiet Münster – viele wüssten davon nichts, würde aber vielleicht in der Mittagspause gerne hingehen. Hinweisschilder gemeinsam mit der Stadt aufstellen – an diesem Projekt sei die VKS für 2018 dran. Das Gewerbegebiet werde zudem weiter in den Fokus rücken. Schnelles Internet für die Firmen soll kommen. Nach der Deutschen Glasfaser möchte nun auch die Telekom die Datenautobahn in Münster beschleunigen. Gespräche laufen auf Hochtouren. Brestel wünscht sich danach, dass die Parkplatz-Probleme dort angegangen werden. Was Kündiger zusagte. Bei der Entwicklung sei die Stadt aber zuletzt „deutlich vorangekommen“, obwohl das Planungsrecht „nicht das Schnellste“ sei und sich hin und wieder Eigentümer querstellen. Haben alle Firmen ihre Bauten fertig, sind der Straßenausbau, die Parkplätze und allgemein die „Aufhübschung“ dran, so Kündiger. Beim Neubau der Sortierhalle des Müllentsorgers Kilb setzt er darauf, dass zuvor „gelegentliche Beeinträchtigungen“ ein Ende haben. Finanziell könne die Stadt bald „ganz neu anfangen“. Die Kassenkredite wurden im Haushalt 2018 schon von 22 Millionen fast halbiert, den Rest übernimmt das Projekt „Hessenkasse“ des Landes, so Kündiger.

Die VKS unterdessen arbeitet ihre Projekte ab. Beim Stadtmarkt, für dessen Organisation Jutta Beifuß Blumen erhielt, sei das „Facelifting noch nicht abgeschlossen“, betont Brestel. Die VKS-Messe im Herbst soll vergrößert werden. Sie sei auch wichtig, um dort den verkaufsoffenen Sonntag zu erhalten, „sonst könnte er kaputt gemacht werden“. Die Gutschein-Card, ein „Baby“ der neuen Zweiten Vorsitzenden Verena Hasler, sei angelaufen. Hier wünscht sich Hasler, dass es 2018 „ganz gut brummen“ wird. Hand und Hand sollten die Unternehmer schließlich bei der Nikolaus-Aktion noch mehr Stiefel für Kleine in die Schaufenster bringen. Weinende Kinderaugen wegen fehlender Geschenke wolle er 2018 nicht mehr sehen, brachte Brestel eine wichtige „weiche“ Forderung noch unter.

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