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Karl der Groß blickt von der Alten Brücke in Frankfurt in den Himmel. Er schützte mit seinen Gesetzen schon vor gut 1300 Jahren die Frau.

Herrscher mit Weitblick

Karl der Große beugte schon im frühen Mittelalter der „Me Too“-Debatte vor

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Robert Focken aus Münster schreibt Romane aus dem frühen Mittelalter. Fürs Kreisblatt hat er einen besonderen Aspekt mit einer aktuellen Debatte verglichen.

Seit vor knapp einem Jahr bekannt wurde, dass viele Frauen den Filmproduzenten Harvey Weinstein der sexuellen Belästigung beschuldigten, kocht die „Me Too“-Debatte. Der Kelkheimer Autor Robert Focken, der seine Brötchen in der Finanzbranche verdient, gießt nun etwas „Öl ins Feuer“. Er beleuchtet eine historische Facette von „Me Too“ und schaute sich die Situation der Frauen im Mittelalter genau an.

Er kommt zum überraschenden Ergebnis: „Der rechtliche Schutz der Frau war in der sogenannten Lex Salica eher stärker aus heute – auch wenn das vollkommen gegen das Mittelalter-Klischee läuft“, sagt der 54-Jährige, der in Münster wohnt. Er zeichnet ein vollkommen anderes Bild, als es in zig Romanen über Wanderhuren und Heilerinnen dargestellt werde. „Tatsächlich schützte das fränkische Recht die freie Frau mit recht drastischen Strafen vor Übergriffen.“ Focken hat diese Gesetze der Rheinfranken, die unter Karl dem Großen und Ludwig dem Frommen mehrmals neu editiert wurden, genau durchforstet. Da kommen einige interessante Strafen zutage, bei denen der Mann Sühnegelder, das Wergeld, für seine Vergehen zahlen musste:

  Wer eine Frau am Arm zerrte, für den wurden 30 Schilling fällig. Das war dieselbe Strafe, die bei Männern etwa für das Zufügen einer blutigen Kopfwunde anfiel.

  45 Schilling musste zahlen, wer eine Frau an der Brust berührte – etwa das Strafmaß der Verstümmelung der Nase eines Mannes.

  Wenn Männer eine Frau schändeten, also vergewaltigten, wurde das mit 62 Schilling bestraft – gleichzusetzen mit der Verstümmelung eines Fußes beim Mann. Waren mehrere Männer dabei, wurden sie mit dem gleichen Strafmaß belegt.

  Gar 187 Schilling Wergeld kostete es einen Mann, der eine Frau als Hure denunzierte. Warum so viel? Focken hat eine Theorie: Sei eine Frau als Hure tituliert, sei es für sie unmöglich gewesen, diesen niederen Stand wieder zu verlassen. „Man betrachtete Dirnen offenbar nicht als rehabilitationsfähig“, sagt Focken und nennt das Vergehen auch „sozialen Rufmord“.

Die Strafen seien wohl so drastisch, weil sie die Vorstufen zur Schändung waren, „die Absicht wurde mit bestraft“, vermutet Focken. Und doch hat die Sache für ihn zwei Haken, die der heutigen öffentlichen „Me-Too“-Debatte entgegen laufen: Zum einen galt das Gesetz nur für freie Frauen, also etwa die Hälfte. Zum anderen war das weibliche Geschlecht nicht gerichtsfähig. Eine Frau musste also erst einmal einen Mann finden, der sie vor Gericht vertrat. Und so wurden wohl viele Taten erst gar nicht verhandelt, ist Focken überzeugt.

Und doch sieht er in der Lex Salica, die aus den Gesetzen der deutschen Stämme in der ersten Hälfte des ersten Jahrtausends entstanden sind und um 500 nach Christus wohl einigermaßen ausdifferenziert waren, eine fortschrittliche Sache. Das Fundament für die Gleichberechtigung der Frau liege darin. Das „Rechtsempfinden“ dafür sei vor 1500 Jahren geschaffen worden. Die Gesetze seien „der Boden, auf dem später über Jahrhunderte hinweg der Gedanke weiblicher Emanzipation wachsen konnte“. Allerdings nicht überall. Im orientalischen Raum gebe es diese Grundlagen nicht – und kein „Me Too“. „Dort wurde und wird das Verhalten des Mannes viel konservativer verstanden als hier“, vergleicht Focken. Das führe zu Problemen, wenn Welten aufeinander treffen – etwa der Flüchtlinge in Deutschland. Da haben „wir den Auftrag, Werte zu vermitteln“, so Focken.

In seinen Büchern „Arnulf – die Axt der Hessen“ und „Arnulf – das Schwert der Sachsen“ hat er diese Thematik am Rande behandelt. Teil drei ist aber längst in Arbeit und etwa zur Hälfte fertig. Hier werde er mal einen Muster-Gerichtsprozess aufarbeiten. Und er verrät den Titel des Werkes: „Arnulf – Kampf um Bayern“. Im Frühjahr oder Sommer 2019 soll es fertig sein. Bis dahin ist Focken bei Lesungen unterwegs (siehe Text recht). Mit den Verkaufszahlen ist er schon zufrieden. Weitere Arnulf-Bände hat er im Hinterkopf, der Geschichts-Fan kann sich aber auch Romane aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg gut vorstellen. Das sei eine geistige Abwechslung, zudem schränke das Mittelalter-Vokabular schon sehr ein.

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