Kelkheim: Das Für und Wider eines Friedhofs für Waldbestattungen

  • Frank Weiner
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Verwaltung liefert Antworten auf Politik-Fragen.

Kelkheim. Am Rettershof gibt es gut versteckt im Wald einen kleinen Friedhof. Dort ist die Familie der Hertha von Richter-Retterhof, die letzten Eigentümer vor der Stadt, und ihr Hausmädchen beigesetzt. Es ist ein fast verwunschener Ort, dessen genaue Lage Spaziergänger nicht kennen.

Die Situation am Rettershof aber könnte sich ändern, wenn ein zweiter, deutlich größerer Friedhof hinzukäme. Das jedenfalls ist aktuell im Gespräch. Die Fraktion der UKW hat den Stein mit einem Antrag ans Stadtparlament ins Rollen gebracht. Danach soll die Verwaltung prüfen, ob und unter welchen Voraussetzungen in Kelkheim Waldbestattungen möglich sein können. Dabei soll besonders das Areal rund um den Rettershof an der B 455 in den Blick genommen werden.

Am Rettershof ginge Platz verloren

Das hat die Verwaltung zuletzt getan und ihren Zwischenbericht der Politik zur Kenntnis gegeben. Die Stadt weist darauf hin, dass noch weitere Gespräche mit der Forstverwaltung gerade zur Fläche am Rettershof folgen sollen. Bis dahin wird es sicher keine politischen Initiativen geben. Die Stadt zieht ein erstes Fazit mit positiven und negativen Aspekten eines solchen Waldfriedhofs in Kelkheim. Die alternative Form der Bestattung besteht aus einer biologisch abbaubaren Urne, an den Wurzeln eines Baumes beigesetzt. Grabschmuck ist nicht erlaubt, aber ein Namensschild am Stamm. Die bekanntesten privaten Betreiber in Deutschland sind die Fried-Wald GmbH mit rund 70 Standorten und die Ruhe-Forst GmbH mit etwa 65 Plätzen. Auch gibt es Kommunen, die Waldbestattungen in Eigenregie betreiben, zum Beispiel Frankfurt oder Rosbach vor der Höhe.

Die privaten Betreiber gehen nach Kelkheimer Recherchen für ihre Wirtschaftlichkeitsbetrachtung von 10 bis 15 Hektar nötiger Waldfläche aus. Es sollten hauptsächlich Laubbäume sein, und eine Anbindung an eine öffentliche Straße sei notwendig. Das alles ist am Rettershof gegeben. Straße, Parkplätze und zwei Gastronomiebetriebe sind vorhanden, es müssten aber noch öffentliche Toiletten, Wege, Ruhe- und Andachtsplätze geschaffen werden, heißt es aus dem Rathaus. Die Fläche reicht theoretisch aus: Der Rettershof besitzt einen Jagdbezirk von 117 Hektar, davon Wald (44), Felder (knapp 73) und Gewässer (0,25 Hektar). In der Vorlage der Stadt heißt es aber deutlich: "Durch das Anlegen eines Waldfriedhofes könnte ein großer Teil der Waldfläche nicht mehr für die Jagd und eine forstwirtschaftliche Bewirtschaftung genutzt werden."

Deshalb sieht Hessen-Forst die Idee in seiner ersten Stellungnahme eher skeptisch. Durch die Klimaschäden könnten auch Stämme einer Waldbestattung betroffen sein. Und diese müssten in jedem Fall ersetzt werden. "Die erhöhte Verkehrssicherungspflicht auf einem Waldfriedhof stellt für die Betreiber eine erhebliche Belastung dar", so Hessen-Forst. Hinzu kommt, dass die UKW-Fraktion auch den Antrag gestellt hat, eine weitere größere Fläche als Naturwald stillzulegen - bevorzugt am Rettershof. Die würde ebenso für den Forst fehlen. Stadt und Forst wollen noch einmal sprechen und die Flächen dort genauer unter die Lupe nehmen.

Kirchen mit gemischten Gefühlen

Mit gemischten Gefühlen betrachten die Kelkheimer Kirchengemeinden in ihren Stellungnahmen das Projekt. Die Katholiken von St. Franziskus äußern ebenso wie die Protestanten der Paulusgemeinde keine größeren Bedenken. Die Fischbacher evangelische Gemeinde St. Johannes sieht es hingegen aus seelsorgerischen und theologischen Gründen eher kritisch. Eine interkommunale Zusammenarbeit mit Königstein indes wird es nicht geben. Die Stadt sieht auf Nachfrage keinen Bedarf für Waldbestattungen.

Kritisch sieht Kelkheim das Projekt mit Blick auf die Entwicklung bei den Bestattungen auf den sechs Friedhöfen allgemein. So spielen die Baumgräber eine immer größere Rolle, 2017 bis 2019 gab es schon fast 100 Bestattungen. Insgesamt bilanziert die Kommune in diesen drei Jahren 582 Urnen- und nur 183 Erdbestattungen. Das führe zu neuen ungenutzten Freiflächen auf den Anlagen, die aber weiter unterhalten werden müssen. Sollte die Zahl der Friedhofsbestattungen zurückgehen, müssten die Gebühren steigen. Auch die neu zu schaffende Infrastruktur müsste in einer Kalkulation eingerechnet werden und würde die Kosten für die Bürger wohl auch erhöhen.

Auf der anderen Seite hätte das erste Projekt im Kreis laut Stadt einen positiven Aspekt: Es könnte für die Region interessant sein, Angebote für einen Trösterkaffee könnten die Lokale am Rettershof machen. Allerdings müsste die Satzung geändert werden, bisher sind nur Bestattungen mit Kelkheimer Bezug erlaubt.

Die Stadt ist beim Thema ohnehin dran. Auf den Friedhöfen in Hornau und Münster werden neue Baumgräber geschaffen. Es gibt dort abgeräumte Grabfelder und einen alten Baumbestand. Die Kommune weist auf Fachbüros hin, die sich mit Friedhofentwicklungsplanung befassen. In Eschborn hat es einen solchen Strategietag schon gegeben. Wie die Strategie in Kelkheim aussieht, das ist völlig offen.

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