Abschiedszeitung, Kamera und zwei Bildschirme: Von seinem Büro aus ist Peter Hillebrecht noch immer fürs "Blättche" in Aktion. Als "rasender Reporter" hat er sich aber zurückgezogen.
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Abschiedszeitung, Kamera und zwei Bildschirme: Von seinem Büro aus ist Peter Hillebrecht noch immer fürs "Blättche" in Aktion. Als "rasender Reporter" hat er sich aber zurückgezogen.

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Kelkheim: Der faire Reporter wird nach 45 Jahren leiser

  • Frank Weiner
    VonFrank Weiner
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Bekannter Kelkheimer Peter Hillebrecht hört mit 91 bei "gelber Zeitung" auf - Job von Pike auf gelernt.

Kelkheim. "Ihre Berichterstattung war stets fair, sachlich, kompetent, auch witzig und doppelsinnig." Das schreibt Bürgermeister Albrecht Kündiger über Peter Hillebrecht. Rathauschef-Vorgänger Thomas Horn formuliert es so: "Peter Hillebrecht ist der ,rasende Reporter' in Kelkheim. Mit flinker Feder notiert und glossiert er Gegenwärtiges und Vergessenes aus der Kelkheimer Politik und der Stadtgesellschaft. Immer fair und abwägend, mal heiter, mal ernst, aber immer mit Empathie für unser Kelkheim." Der Kollege dieser Zeitung und Autor dieser Zeilen wiederum schrieb ihm: "Es passt, dass ich nie richtig wusste, ob ich den ,Hille' jetzt duzen kann oder doch beim ,Sie' bleiben sollte. Letzteres erschien mir zunächst aufgrund des Respekts vor seiner Lebensleistung geboten, Ersteres aufgrund des herzlichen Verhältnisses aber irgendwie auch passend."

Wer Peter Hillebrecht kennt, der weiß: So viele Lobeshymnen sind ihm des Guten zu viel. Doch sie waren jetzt angemessen: Denn nach 45 Jahren ist das Gesicht der "Kelkheimer Zeitung" in den Ruhestand gegangen - mit 91 Jahren. Sonderseiten im "gelben Blättche", dazu eine Verabschiedung der Kollegen am Verlagssitz in Königstein und jede Menge private Nachrichten später noch: Hillebrecht ist beim Besuch des Kreisblatt-Kollegen noch immer ganz fasziniert von diesem großen Bahnhof. Was ihn besonders freut: "In den ganzen Mails taucht immer das Wort ,fair' auf." Er habe stets "korrekt" über seine Heimatstadt berichten wollen.

Fotos gemacht in aller Welt

Das alles kam per Zufall. Der junge Hillebrecht flog kurz vor dem Abitur in Göttingen von der Schule, weil er als "graue Eminenz" des Vorsitzenden vom Schülerrat galt. Er fuhr mit dem Rad quer durch Deutschland, jobbte auf dem Bau und in einer Zuckerfabrik. Durch Kontakte schrieb er Artikel für das Göttinger Tageblatt aus seinem Heimatort Obernjesa ("Der Hillebrechts Peter kann das machen", hieß es) und schaute mit Spannung am nächsten Tag am Schaukasten, ob sie auch gedruckt worden waren. Er begann sein Volontariat beim Blatt "Niedersachsen Sport", vollendete es bei der Kasseler Zeitung. Als 1959 die Fusion mit den Hessischen Nachrichten anstand, genügte ein Anruf bei der Nachrichtenagentur AP - die er damals schon mit Fotos belieferte. Er wurde dort Bildredakteur, zuerst in Hamburg, dann in Frankfurt, und reiste um die ganze Welt. Eine neue Heimat hatte er inzwischen in Kelkheim gefunden. Als er 1976 für AP zu Hause Dinge nicht ausdrucken konnte, ging er zu Blei & Guba. Die Druckerei hatte erst vor zwei Wochen die "Kelkheimer Zeitung" herausgegeben.

Weniger Verdienst, aber "ein Vergnügen"

Adolf Guba suchte einen Redakteur - Hillebrechts Spontanbesuch wurde zum Dauerjob. Als er weltweit für AP unterwegs war, habe er vom Hotelzimmer aus das Ortsblatt gemacht, erinnert er sich. Die Zeitung sei ja anfangs nur alle 14 Tage im Umfang von vier Seiten erschienen. Das Hochwasser in Münster, der Streit dort ums Alte Rathaus - das seien seine ersten großen Themen gewesen. Die Bilder wurden anfangs noch selbst entwickelt, das Layout so gemacht, "wie es gerade passte", sagt Hillebrecht zu den Anfängen. "Doch es war für uns beide ein Vergnügen", schätzte er die Zusammenarbeit mit Guba und weiß: "Geld verdient hat er damit nicht. Das gelbe Papier war ja so teuer damals." Daher hat die Zeitung auch ihren Beinamen.

Er sei im Volontariat durch eine "hohe Schule" gegangen, die ihm sehr geholfen habe, betont der "Ruheständler". Wichtig sei es ihm gewesen, "so sorgfältig wie möglich zu arbeiten". Fehler seien gleich korrigiert worden. So manchen Politiker habe er bremsen müssen, weil er gerne allzu oft in der Zeitung haben stehen wollen. Manchmal legte sich Hillebrecht selbst auf die Lauer: So hatte er einen Tipp bekommen, wer neuer Bürgermeister werden sollte. Und erwischte CDU-Chef Wolfgang Männer vor fast 30 Jahren mit dem Bewerber Thomas Horn am Rathaus. "Die waren sehr geschockt, dass ich da stand." Er veröffentlichte das Foto, hatte sein "News-Gefühl". Die Nachricht sei ihm wichtig - gerade auch im Foto. "Ein Bild sagt mehr als tausend Worte", betont Hillebrecht und fügt an: "Mit einem schlechten Bild kann man viel Schaden anrichten."

Corona wurde zur Zitterpartie

Der Macher der Zeitung hat die Entwicklung einer Stadt erlebt und begleitet. "Es ist nicht mehr die Kleinstadt, aber immer noch der überschaubare Ort, wo sich die Nachbarschaft guten Tag sagt und hilft", hebt er hervor. Ein wenig mehr Sauberkeit würde er sich an der einen oder anderen Stelle wünschen. Er selbst hatte meist die Distanz gewahrt, seine Aktivitäten im Vorstand des Schwimmclubs beendete er wegen der "Kelkheimer Zeitung". Beinah wäre auch das Blatt mit Beginn der Corona-Krise zu Ende gegangen. Die wirtschaftlichen Probleme in einer Zeit des Lockdowns "hätten uns fast das Genick gebrochen". Beeindruckend findet er, dass sich sogar die Politik eingeschaltet habe, um dem "gelben Blättche" den Rücken zu stärken. "Für die Zeitung ist das gut gewesen", fand Hillebrecht diesen Eingriff in Ordnung.

Er selbst hat mit Judith Ulbricht eine Nachfolgerin gefunden, die ihre Sache "wirklich gut" mache. Er helfe vom heimischen Arbeitsplatz im Vertretungsfall mal aus. Als rasenden Reporter, der zuletzt seine Fotos aus gesundheitlichen Gründen aus dem Auto heraus machte, werde ihn niemand mehr sehen. Auch werde er kein Leserbrief-Schreiber. In der Zeitungs-Landschaft sieht er "eine traurige Entwicklung".

Noch Hoffnungen für die Printmedien

Doch "Hille" hat noch Hoffnung: "Ich brauche die Zeitung für viele Dinge, die mir im Netz gar nicht begegnet sind", bricht er weiterhin eine Lanze für die Printmedien. Kurzfristige Nachrichten im Internet, Hintergründe und Lokales in der Zeitung - diese Mischung macht es für ihn. Noch mehr lesen wird der zweifache Vater und Großvater sowie vierfache Uropa künftig. Und - das hat er sich verdient: "Einfach mal eine halbe Stunde die Hände in den Schoß legen."

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