Ortstermin an der Frankfurter Straße: Die Anwohner ärgern sich über mehr Verkehr und die Sperrung der Münsterer Straße.
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Ortstermin an der Frankfurter Straße: Die Anwohner ärgern sich über mehr Verkehr und die Sperrung der Münsterer Straße.

Infrastruktur:

Kelkheim: "Der Verkehr soll gerecht verteilt werden"

  • Frank Weiner
    vonFrank Weiner
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Nach Sperrung eines Teils der Münsterer Straße sind die Anwohner der Frankfurter Straße sauer.

Münster. Ein Montagmorgen, gegen 9 Uhr. Eigentlich sollten die Pendler durch sein, doch es ist einiges los auf der Frankfurter Straße, kurz vor der Einmündung Lorsbacher Straße. "Früher haben wir auf der Straße gespielt", sagt Willibald Herr, der hier aufgewachsen ist und noch im Elternhaus lebt. Doch die Zeiten sind vorbei, inzwischen ist die "Frankfurter" die zentrale Ader durch eine Stadt, deren größtes Problem der Verkehr ist. Und nun kommt ein neues Thema hinzu: die Verlagerung von Auto-Schlangen.

"Schlimmste Straße in ganz Hessen"

Bürgermeister Albrecht Kündiger hat entschieden, die frisch sanierte Münsterer Straße in eine Fahrtrichtung von der Parkstraße aus zu sperren (Text unten). Aber das ruft die Nachbarn der Frankfurter Straße auf den Plan. "Wir wollen ja nicht, dass wir hier auch eine Wohnstraße haben. Aber der Verkehr soll gerecht verteilt werden", macht Herr beim Ortstermin mit dieser Zeitung deutlich. Die "Frankfurter" werde immer eine Durchgangsstraße bleiben, daran haben sich die Anwohner gewöhnt. Doch in den knapp zwei Jahren, in denen die Münsterer Straße als Ausweichroute vieler weggefallen war, sei es noch voller geworden, weiß Herr. Ante Artic, der gegenüber wohnt, schimpft: "Das ist die schlimmste Straße in ganz Hessen."

Auch Anke Jung schaut vorbei. Sie wohnt zwar nicht an der Straße, möchte sich aber auch für eine Verteilung einsetzen. Sie fragt, warum der Verkehr nördlich der Bahnlinie nicht dort bleiben könne und Leute auf dem Weg von Fischbach etwa in Richtung Hofheim oder zur Schule nun zweimal die Bahn kreuzen müssten. Dass die Stadt den Verkehr über die Frankenallee raus leiten will, sei schwer. Dort gebe es Hindernisse in der Stadtmitte, zwei Kreisel, auch Veranstaltungen mit Sperrung. Sie sieht eine "Zuspitzung" der Lage auf der Frankfurter Straße, zudem sei die Lorsbacher Straße schon sehr belastet. Bei geschlossener Bahnschranke und höherer Taktung der Bahn bedeute das Stau an dieser Ecke.

Sozusagen als Vorführeffekt, will gerade ein Busfahrer an der Stelle um die Kurve rangieren und hat so seine liebe Mühe. Dirk Huber wohnt mit Blick auf diese Kreuzung. Er kann nicht verstehen, warum das Thema erst jetzt aufkommt. Die Münsterer Straße war lange Baustelle, "da hätte man doch zwei Jahre drüber diskutieren können". Er hätte es gut gefunden, einen Experten zu Rate zu ziehen. Die Nachbarn seien sich hier einig, weiß Herr aus Gesprächen. Er hat dem Bürgermeister einen Brief geschrieben und noch mal mit ihm gesprochen. "Doch er zieht es durch als Versuch", bedauert er die Sperrung der Münsterer Straße und weiß, dass sich viele nachts nicht an das geltende Tempo 30 halten. Wenn schon, dann wollen die Leute von der "Frankfurter" eine vernünftige Untersuchung. Durch Corona mit Homeoffice und Homeschooling sei vieles verzerrt. Die Testphase müsse also lange genug laufen, um sie auch im "Normalbetrieb" beurteilen zu können.

Das sagt Bürgermeister Kündiger auf Anfrage auf jeden Fall zu. Durch die Pandemie gebe es jetzt noch "kein objektives Bild", deshalb werde er den Versuch auf unbestimmte Zeit laufenlassen, von einem Jahr war die Rede. Der Rathauschef betont aber, dass er das Abbiegeverbot nicht wegen der Proteste von der Frankfurter Straße rückgängig machen werde. Er habe "versucht, mit allen zu sprechen" und wisse, dass es immer und überall kritische Stimmen zum Verkehr gebe. Die Anwohner wollen die Lage jetzt erst einmal beobachten. Nachbar Artic bietet der Stadt sein Grundstück an, um dort mal den Blitzer aufzustellen. Und Helferin Jung überlegt, mit ihm gemeinsam eine private Verkehrszählung zu machen. Auch wäre es möglich, sich an die neue politische Mehrheit zu wenden, überlegt Huber. 1,5 Kilometer Umweg zu fahren, weil 300 Meter nun gesperrt sind, das erschließt sich ihm überhaupt nicht. "Was ist mit den Anwohnern der Frankfurter Straße?", wünscht sich Artic mehr Gehör für ihre Belange. Letztlich solle aber auch kein "Keil zwischen die Bewohner" verschiedener Straßen getrieben werden.

Andere Sicht der Dinge an der Münsterer Straße

Freitagmorgen, die sanierte Münsterer Straße ist erst wenige Stunden freigegeben. Nach 20 Monaten Bauzeit und Kosten von 3,44 Millionen Euro - wobei diese Rahmen jeweils laut Stadt eingehalten wurden und alles "reibungslos" gelaufen sei. Allerdings sprechen jetzt die Schilder an der Einmündung zur Parkstraße eine deutliche Sprache: Die Einfahrt von hier ist verboten, nur Linienbusse und Radler dürfen rein.

"Ich finde es toll", ruft eine Anwohnerin aus dem Fenster ihres Autos. "Das hat die Straße verdient." Damit meint sie die Probleme der Nachbarn, dass die enge Münsterer Straße intensiv als Durchgangsstrecke genutzt wurde. Diese Zeiten sind durch den Versuch erst einmal in eine Richtung vorbei. "Der Verkehr wird um die Hälfte reduziert", ist eine andere Anwohnerin sicher. Dass sie auch nicht hereinfahren dürfe, sei zu verkraften. Sie hofft, dass der Versuch mindestens ein Jahr mit "normalen" Zeiten läuft.

"Auf Anregung vieler Anwohner" hat Bürgermeister Albrecht Kündiger das jetzt entschieden. Die Zufahrt von der Parkstraße werde mit dem Schild "Verbot der Einfahrt" untersagt. Außer von Linienbussen und Radlern darf von der Parkstraße aus auf die Münsterer Straße nicht eingefahren werden, "auch nicht Anwohner oder Lieferanten", stellt der Bürgermeister als Chef der Ordnungsbehörde klar. Ein Bußgeld von 25 Euro könnte drohen. Dennoch gibt es erste Befürchtungen, dass sich einige Fahrer nicht daran halten könnten. So wie vor vielen Jahren. Bei einem Versuch hatte es damals "nur" ein Abbiegeverbot gegeben, was wegen Nichtbeachtung gescheitert war.

Kritische Situation externer Fahrer

"Die Anwohner haben ein Recht auf diesen Versuch", sagt Kündiger. Es gibt dort die Bürgerinitiative Münsterer Straße (BIMS), deren Mitglieder im Mai 2019 zuletzt die Fahrzeuge gezählt hatten. Sie kamen am Tag auf rund 3000, gut 85 Prozent davon Durchgangsverkehr. Die Mitglieder der BIMS hoffen nun auf eine sachliche Diskussion des neuen Themas. Sie verweisen darauf, dass die Münsterer Straße im Gegensatz zur Frankfurter Straße nicht für den Durchgangsverkehr konzipiert und das auch im Generalverkehrsplan der Stadt so festgehalten sei. Die Wagen sollten dann über die Frankenallee und die B 519 abfließen. Gaby und Thomas Laufer sind BIMS-Mitstreiter. Am Montagmorgen freuen sie sich über die Reduzierung des Verkehrs. Nur ein Kurierfahrer ist unerlaubt eingebogen. Die Hälfte des Verkehrs trügen die Anwohner ja jetzt wieder. Die Laufers zeigen Fotos von kritischen Situationen mit Bussen und Lkw, die über die Gehwege rollen. Für sie ist es die klare Bestätigung: Diese zu schmale Straße ist nicht für Durchgangsverkehr ausgelegt. Der Verkehr müsse über die Frankfurter Straße und den Gagernring abfließen. "Man muss den Verkehr konzentrieren." Dafür seien an anderen, stärker belasteten Orten die Mieten dann wohl günstiger, sagen die Laufers, wollen aber "keine Neid-Debatte".

Aus den Grundstücken ausfahrende Wagen dürfen beim Versuch aber in beide Richtungen fahren, so die Stadt. Hauptziel sei es, "Schleichwege" durch Wohngebiete "zu durchbrechen". "Dieser weiträumige Durchgangsverkehr soll möglichst über Gagernring oder Frankenallee aus der Kernstadt herausfahren." Kündiger: "Von der Verkehrsverlagerung profitieren alle Wohnstraßen entlang des ,Schleichweges'." Der Verkehrsversuch solle zeigen, ob die Wirkungen erzielt werden oder ob unerwünschte Durchgangsverkehre in anderen Wohnstraßen zu beobachten sind.

Die sanierte Münsterer Straße ist seit vergangenem Donnerstag freigegeben, die Zufahrt von der Parkstraße jetzt aber verboten.

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