Nicola Brunk an den Abfüllbehältern in ihrem "Unverpackt"-Laden. Die Stimmung ist bescheiden, zum 15. September wird sie ihre Türen im Geschäft an der Bahnstraße schließen.
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Nicola Brunk an den Abfüllbehältern in ihrem „Unverpackt“-Laden. Die Stimmung ist bescheiden, zum 15. September wird sie ihre Türen im Geschäft an der Bahnstraße schließen.

Einzelhandel

Falsche Zeit: Erster „Unverpackt“-Laden im Main-Taunus-Kreis gibt nach zwei Jahren auf

  • Frank Weiner
    VonFrank Weiner
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Der erste und einzige „Unverpackt“-Laden im Main-Taunus-Kreis macht zu. Laut Besitzerin seien „die Menschen einfach noch zu bequem“.

Kelkheim – Ein normaler Dienstagvormittag im Geschäft von Nicola Brunk. Es kommen schon einige Kunden vorbei. Die wollen allerdings Pakete abholen oder abgeben. Dabei führt die Kelkheimerin den Laden „Unverpackt & bienenfleißig“ an der Bahnstraße - verkauft Lebensmittel und Hygieneartikel. Den Paketshop betreibt sie nebenbei, und doch beschäftigt er sie mehr. „Du kommst dir vor wie auf der Post“, schüttelt Brunk den Kopf.

Die Rolle der „Postbeamtin“ wird die Einzelhändlerin allerdings nur noch gut eine Woche ausfüllen. Denn sie wird ihr Geschäft zum 15. September schließen. Die Umsätze hinkten weit hinter den Erwartungen her. Nun hat sich für die ehemalige Mitarbeiterin für Großlabore die Chance ergeben, im alten Job wieder Fuß zu fassen. Deshalb das sehr kurzfristige Aus. In den Sozialen Medien wie dem Facebook-Netzwerk „Alles rund um Kelkheim“ ist das Bedauern zwar groß. Doch gibt es auch Diskussionen: Viele würden zwar das Konzept loben, doch eben nicht im einzigen „Unverpackt“-Laden im Main-Taunus-Kreis einkaufen, heißt es da.

„Unverpackt“-Laden in Kelkheim: Letzte Chance, die Küche zu füllen

Diesen Eindruck kann Brunk bestätigen. Auf Verpackungen zu verzichten, stattdessen Waren in Pfandgläsern mitzunehmen - das finden viele ihrer Kontakte gut. „Aber sie kommen nicht zum Einkaufen.“ Stadt und Politik freuen sich über ihre Idee und das Alleinstellungsmerkmal - als Kunden habe sie viele nicht gesehen. Sie sei schon „frustriert“, dass sich trotz vieler Bemühungen das Geschäft nicht trage. Erspartes hat sie zugeschossen - aber irgendwann war die Grenze erreicht.

Ihrer Meinung nach ist es „eine gute Idee, aber zur falschen Zeit“. Die Menschen seien einfach noch „zu bequem“ für diese Art von Einkauf ohne Verpackung. „Es werden ja alle zwei Wochen die gelben Säcke abgeholt.“ Die vielen Worte zum Klimaschutz sind in ihren Augen „Blasenblubber“. Brunk: „Es wird zu wenig getan, die Wenigsten leben das.“ So sei ein Projekt in Bad Soden „schon im Ansatz gescheitert“, weiß sie.

„Unverpackt“-Laden in Kelkheim: Ladenchefin hatte viel vor

In Kelkheim hatte die Ladenchefin viel vor. Lesungen, Kochkurse, kleine Konzerte gab es bereits. Das sei als Teil ihres Konzeptes ganz gut angekommen. Sie hatte vor, die Schulen und Kindergärten zum Thema nachhaltiges Einkaufen stärker ins Boot zu nehmen. Doch auch durch Corona blieb es bei zwei Terminen.

Die Pandemie hat ihren Teil zum schleichenden Aus geleistet, findet Brunk. Im November 2019 hat sie eröffnet, die ersten Monate seien gut gewesen. Viele waren neugierig auf die „Unverpackt“-Premiere im Kreis. Es kam Corona. Die Inhaberin konnte ihr Geschäft zwar weiter öffnen, doch die Umsätze gingen zurück. Sie führt es auch darauf zurück, dass die Leute schnell in einem Supermarkt alles besorgen und mit minimalen Kontakten wieder nach Hause wollten.

Finanzielle Unterstützung vom Staat habe sie nicht bekommen, bedauert Brunk. Dazu hätten die Umsatzeinbußen über 60 Prozent betragen müssen, weiß sie. So viel war es dann nicht, aber mehr als die 30 Prozent, die der „Unverpackt“-Verband bundesweit bilanziert hat. Es gebe noch „viele Enthusiasten, die einen Laden aufmachen wollen“, weiß Brunk. Sie selbst würde es mit den eigenen Erfahrungen nicht mehr tun, auch wenn sie weiter von der Philosophie überzeugt ist: „Es muss ja nicht jeder seinen kompletten Haushalt umstellen. Aber wenn jeder nur ein bisschen was tut, kommen wir ein ganzes Stück weiter.“ Ihre Stammkunden nimmt sie da bewusst aus, hier habe so mancher mit den Tränen gekämpft bei der Nachricht zur Schließung.

Kelkheim: Die Corona-Pandemie und die Einstellung

Jörg Rohrbach ist so ein treuer Kunde und erfährt vom Reporter vom Aus. „Das ist sehr schade, ich bin entsetzt“, sagt der Kelkheimer, der vor allem Kaffee, Nudeln und Reis in der Mehrwegbox hier einkauft. Für ihn sei das „Unverpackt“-Konzept „eine willkommene Geschichte, ich habe mich hier sehr wohl gefühlt“.

Nicola Brunk hört das natürlich gerne. Doch die vielen vergeblichen Aktivitäten haben sie schon frustriert. Tausende Flyer hat sie zu Fuß in ganz Kelkheim verteilt, mit Tochter Claudia Werbung auf Facebook gemacht, sich zuletzt beim Wochenmarkt präsentiert, war beim Versuch eines „langen Samstags“ als eines von nur zwei Geschäften dabei, hat über einen Mittagstisch nachgedacht und kreative Dinge von Kelkheimer Jungunternehmern mit zum Verkauf angeboten. Auch habe sie von Beginn an mit einem großen Sortiment möglichst viele Leute abholen wollen und sich auf die Kunden eingestellt.

Kurz über Umzug nachgedacht

Selbst über einen Umzug noch mehr in Richtung Stadtmitte hat sie nachgedacht, aber kein passendes Ladenlokal gefunden. „Manchmal wird man eines Anderen belehrt“, weiß sie nun. Sie hätte das gerne bis zu ihrem Ruhestand gemacht, so Brunk. Ein „Traum zerplatzt“ sei für sie aber nicht. Und sie wird das „Unverpackt“-Credo weiter leben. Mit Stammkunden hat sie über Fahrgemeinschaften zu anderen Läden gesprochen, etwa zur Honighalle in Köppern.

Köln. „Als Vater von vier Kindern liegt mir unsere Erde noch mehr am Herzen. Ich kämpfe für ein Leben ohne Müll und Verschwendung, den ökologischen Landbau, die Energiewende und für mehr Frieden und Achtsamkeit auf dieser Welt.“ Das sagt Gregor Witt über sich. Er ist der Vorsitzende des „Unverpackt“-Verbandes in Deutschland und betreibt selbst zwei Läden in Köln. Im Gespräch mit dieser Zeitung redet er Klartext, beschreibt die aktuell schwierige Lage.

Verband sieht Einbußen von bis zu 40 Prozent

Er kenne zwar Nicola Brunk aus Kelkheim nicht persönlich, ihre Geschäfts-Aufgabe sei aber kein Einzelfall. Ihm seien zwei weitere Schließungen bundesweit bekannt. Witt sieht die „Unverpackt“-Branche in der Krise. Viele Unternehmer hätten seit dem Frühjahr 2020, dem Beginn der Corona-Krise, starke Umsatzrückgänge zwischen 20 und 40 Prozent zu verzeichnen. Nach den Lockerungen habe sich die Lage „nicht signifikant verbessert“. Bei Rückgängen ab 30 Prozent werde das dann schon richtig kritisch.

Auf der Suche nach den Gründen tappe der Verband derzeit „noch etwas im Dunkeln“, räumt Witt ein und nennt eine Vielzahl möglicher Ursachen. Natürlich habe einiges mit der Pandemie zu tun. Aber es gebe die hohen Einbrüche gerade im Non-Food-Bereich, bei den Haushalts- und Hygieneartikeln. Inzwischen habe fast jeder konventionelle Supermarkt schon Abfüller für Waschmittel oder Zahnbürsten aus Bambus. „Das, was wir innovativ auf den Markt gebracht haben, ist nun kein Alleinstellungsmerkmal mehr“, weiß Witt. Hingegen seien die Zahlen bei den Lebensmittel-Umsätzen noch „relativ konstant“ geblieben.

Natürlich sieht auch der Vorsitzende ein Problem, das in Kelkheim mit zum Aus führt. Möglicherweise sei die Stadt dort „nicht bereit dafür“, überlegt er ebenso wie Nicola Brunk. 80 Prozent der Bundesbürger wünschten sich zwar eine artgerechte Tierhaltung, „aber es wird trotzdem das Billigfleisch gekauft“, sieht er eine Einstellung, die auch beim „Unverpackt“-Einkauf zu beobachten sei. Natürlich sei die Besorgung von Lebensmitteln dort etwas komplizierter, „erfordert eine gewisse Logistik“. Witt: „Das ist eine Schwelle, die man überschreiten muss.“ Da in den Läden meistens Bioware verkauft werde, sei der Preis höher und vielleicht für manche Familien in Folge von Corona-Einbußen nicht so zu zahlen. „Wir brauchen eine Klientel, die bereit ist, mehr auszugeben und damit die Priorität anders zu setzen“, hofft der Chef.

Trotzdem 300 Läden in der Planung

2019 sei noch das „Top-Jahr“ der Branche gewesen, blickt Witt zurück. Da haben allein 50 neue Läden eröffnet, darunter Kelkheim. Die „Fridays for Future“-Bewegung habe hier sicher ihren Teil beigetragen. Inzwischen gibt es laut der Verbandsstatistik rund 440 Geschäfte in Deutschland und weitere mehr als 300 seien sogar in Planung, verrät Witt.

Der Verband will nun nach den Wurzeln der Krise forschen und dazu bereits zum vierten Mal die Läden in einer Umfrage genau unter die Lupe nehmen. Zudem helfe der Verein den Firmen beim Marketing, bei der Öffentlichkeitsarbeit, mit einem Leitfaden etwa von positiven Beispielen sowie internen Online-Treffen. Und der Verein setzt sich für bessere Rahmenbedingungen ein. So könnte „Unverpackt“ seine eigene Müllbilanz noch verbessern, wenn die auch hier notwendigen Verpackungen aus recyceltem Material bestehen würden. Für diese „lebensmittelechten Rezyklate“ setze sich der Verband ein, sagt Witt und blickt voraus: „Wir müssen daran arbeiten, dass unsere Mission auch weitergeht.“ (Frank Weiner)

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