Vor seiner alten Wirkungsstätte: der scheidende Stadtverordnetenvorsteher Wolf-Dieter Hasler auf dem Rathaus-Vorplatz.
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Vor seiner alten Wirkungsstätte: der scheidende Stadtverordnetenvorsteher Wolf-Dieter Hasler auf dem Rathaus-Vorplatz.

Scheidender Stadtverordnetenvorsteher

Kelkheim: "Ein Erster Bürger darf sich nicht verstecken"

  • Frank Weiner
    vonFrank Weiner
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Stadtverordnetenvorsteher Wolf-Dieter Hasler wird heute abgelöst. Zeit, zurückzuschauen und Bilanz zu ziehen: Was hat sich in der vergangenen Legislaturperiode bewegt?

Kelkheim -"Ich mag Herausforderungen." Das sagt Wolf-Dieter Hasler. Vor fünf Jahren hätte er sich seine erste Mammutaufgabe als neuer Stadtverordnetenvorsteher aber lieber erspart. Es war die konstituierende Sitzung des neuen Parlaments nach der Kommunalwahl. Die Mitglieder des Magistrats sollten nach eingereichten Listen gewählt werden. Normalerweise eine Formsache, doch plötzlich tauchte eine ungültige Stimme auf. "Wie geht die in die Berechnung ein?", hatte sich Hasler nicht vorbereitet. Schnell wurde bei laufendem Betrieb die Hessische Gemeindeordnung gewälzt, nach dem Hare-Niemeyer-Verfahren die Verteilung im Magistrat berechnet. Dass Haslers UKW einen Sitz mehr und die Freien Wähler dadurch gar kein Mandat erhielten - es war dem neuen Stadtverordnetenvorsteher fast peinlich. "Das alles während einer Live-Sitzung. Da stehst du unter Feuer", erinnert er sich.

Mit dieser Zeitung ist der 64-Jährige vor dem Rathaus, seiner ehrenamtlichen Wirkungsstätte, verabredet. Es ist Zeit, Bilanz zu ziehen für den "Ersten Bürger". Hasler ist bestens gelaunt und sehr zufrieden mit den vergangenen fünf Jahren. Obwohl er seinen Posten heute in der Sitzung der Stadtverordnetenversammlung abgeben muss. Denn die neue Koalition soll aus CDU, SPD und FDP bestehen, die Sozialdemokratin Julia Ostrowicki seine Nachfolgerin werden. Für Hasler kein Drama. "Ich gehe gerne in den Magistrat", hat er das neue, alte Ehrenamt wieder im Blick.

Wieder zurück

in den Magistrat

Das Amt des Stadtverordnetenvorstehers und Ersten Bürgers hatte er 2016 gar nicht auf dem Schirm. Schon seit drei Jahrzehnten mischt er an der Spitze der UKW mit, war zehn Jahre im Magistrat. Dass ihm Bürgermeister Thomas Horn (CDU) die Dezernate Partnerstädte sowie Umwelt- und Naturschutz übergab, das passte. Denn Hasler ist in Lörrach, im Dreiländer-Eck Deutschland, Schweiz und Frankreich, aufgewachsen, spricht fünf Sprachen samt "Schwiizerdütsch". Zudem ist er ein Naturmensch mit riesigem Garten in Ruppertshain, seine Frau Sibylle betreibt eine Kräuterschule. "Ich habe mich sehr wohl gefühlt", sagt der Vater dreier Kinder und dreifache Opa. Den Parlamentschef hatte er "politisch nicht auf der Agenda".

Doch es kam anders: Die UKW stellt seit 2015 nicht nur mit Albrecht Kündiger den Bürgermeister, sie wurde ein Jahr später auch stärkste Fraktion. Und die darf den Chef des Parlaments stellen. Die interne Wahl fiel auf Hasler, "das war für mich völlig überraschend, ich war ja nie im Parlament". Da er aber Herausforderungen liebe, nahm er gerne an und sagt heute: "Es hat Spaß gemacht, war eine Bereicherung."

Zwar betont Hasler auch: "Ich muss nicht wichtig, nicht der Erste sein." Aber in seiner Rolle hat er dann schon mit gewisser Schlagzahl den Takt vorgegeben. So habe er das Präsidium viel und gerne genutzt. Um zum Beispiel Tagesordnungspunkte für die insgesamt 31 Sitzungen, die nicht mehr diskutiert werden mussten, nur abzustimmen. Dadurch sei mehr Zeit für die "spannenden" Debatten geblieben. Das politische Klima bezeichnet er als "überragend". Es werde auch mal hitzig debattiert, einen Ordnungsruf habe er aber nie aussprechen müssen. Zu lange Redner habe er mit seinen Mitteln gebremst, eine Zeitbegrenzung wollte er nicht einführen. Wichtig war ihm, in der Corona-Phase alles HGO-konform abzuwickeln.

Auch in der weiteren Organisation hat Hasler so einiges umgekrempelt. Sein Projekt, auf die Papierstapel der Sitzungsunterlagen weitgehend zu verzichten und alles online abzuwickeln, sieht er als "Erfolgsmodell". Rund 80 Prozent der Kommunalpolitiker nutzen die elektronische Variante. Hasler hat sich das Modell in Hanau angeschaut, zwei Kelkheimer Kolleginnen in der Verwaltung haben dazu Arbeiten verfasst. Und dann konnte der Pilot 2018 erfolgreich "abheben". Hasler weiß heute längst: "Diese Papierstapel liest kein Mensch."

WLAN im Rathaus und Beamer in den Besprechungsräumen runden das Projekt ab. Hasler kann sich für die Zukunft eine Erweiterung vorstellen. Die Arme bei den Abstimmungen zu zählen, "das ist Horror", weiß er längst. Ein elektronisches System könnte eine sinnvolle Variante sein. Hingegen sieht er die Möglichkeit, die politischen Sitzungen live im Internet zu übertragen, "skeptisch". Doch thematisiert werden müsse auch diese Sache schon, findet er.

Zudem hat Hasler den Zeitplan verändert, inzwischen beginnen die Sitzungen um 19.30 Uhr, das Präsidium tagt schon um 18 Uhr, die Fraktionen folgen um 18.45 Uhr. Anfangs habe es Murren gegeben, "aber ich war hartnäckig", sagt Hasler, der als Diplom-Ingenieur in der Technischen Chemie noch zwei Jahre arbeiten wird und auch regelmäßig mit dem Rad von Ruppertshain zum Job nach Frankfurt fährt. So redet heute keiner mehr über den Zeitplan. Hasler schätzt auch das zweite Standbein seines Ehrenamtes sehr: den repräsentativen Teil als Erster Bürger dieser Stadt. Anfangs habe er sich über bis zu vier Termine an einem Abend gewundert. Dann wollte er sie nicht mehr missen. "Es ist fantastisch, was in der Stadt alles passiert. So kannte ich die Stadt gar nicht", sagt er mit Blick auf Vereine, Kultur und andere Aktivitäten. Das Parlament neutral zu führen, sei die "Plicht", die Stadt zu vertreten die "Kür". Ein Erster Bürger, "der sich nicht blicken lässt, ist schade. Er darf sich nicht verstecken", findet Hasler, der gerne wandert, Fernreisen macht und sich politisch in Kelkheim für die Zukunft "weniger klein-klein" sowie dann Fortschritte bei den großen Themen wünscht.

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