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Heike Hater-Lafdal im Einsatz. Sie übergibt die Tüten mit Lebensmitteln an Flüchtlinge auf Samos. 

Engagement

Kelkheimer im Urlaub auf Samos: Flüchtlingshilfe statt Sonnenbad

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Auf Samos harren Menschen in Flüchtlingscamps aus. Ein Kelkheimer und seine Freundin helfen spontan - obwohl sie eigentlich im Urlaub sind.

Münster/Samos - Gut möglich, dass bald ein Bild von Bernd Geis auf dem Tresen im Alten Rathaus steht und ihn mit einem Flüchtling auf der Insel Samos zeigt. Und eine Spendenbox daneben platziert wird. Denn der Wirt des Lokals in Münster hat mit seiner Lebensgefährtin Heike Hater-Lafdal eine neue Herzenssache. Beide überlegen aktuell, wie sie sich stärker in der Flüchtlingshilfe einbringen können. 

Den Denkprozess hat bei dem Paar aus Kelkheim und Würzburg vor wenigen Wochen ein Erlebnis auf der griechischen Insel Samos angestoßen. Dort sei ein "normaler" Urlaub von einer Woche in einer kleinen Pension im Süden geplant gewesen, sagt die gelernte Krankenschwester, die lange Griechenland-Fan ist und ihren Partner angesteckt hat.

Urlauber aus Kelkheim entdecken Gräber von Flüchtlingskindern

Gerne schaut sie sich an den Reisezielen die Friedhöfe der Orte an. So brach das Duo bald nach der Ankunft im Örtchen Ireon auf. Die Grabstätten fanden sie zwar. Doch einige Hügel mit Nummern darauf, jenseits der Mauern gelegen, machten beide stutzig. 

Als sie einen Teddybären entdeckten, schwante ihnen Schlimmes. Die Pensions-Wirtin bestätigte: Es handelt sich um Gräber von Kindern, die auf der Flucht im Meer ertrunken und am Südteil der Insel angespült worden seien, erzählen die beiden. Zahlen markieren ihre Gräber. "Schlimm, dass man nur eine Nummer ist", sagt Hafer-Lafdal, die selbst Mutter ist. Ihr Partner aus Kelkheim ergänzt: "Vielleicht wissen die Eltern nicht mal, wo ihre Kinder liegen."

Eines der Kindergräber auf Samos.

Für beide jedenfalls stand nach diesem einschneidenden Erlebnis fest: Sie wollen während ihres Urlaubs helfen. Ganz spontan kauften sie Grablichter und stellten sie auf die Hügel. Am nächsten Tag fuhren sie zum Flüchtlingslager in Samos-Stadt. Es war jetzt wieder nach eines Brands in den Schlagzeilen. Hater-Lafdal und Geis steuerten erst einmal den Supermarkt an, füllten Einkaufswagen mit Wasser und Essen - und brachten die Güter zum Lager. Kaum machten sie sich davor bemerkbar, kamen die ersten Menschen. "Dann gab es einen regelrechten Auflauf", erinnern sie sich an dankbare Abnehmer.

Urlauber aus Kelkheim helfen auf Samos

Da die Flüchtlinge kaum Englisch sprachen, sei die Verständigung fast unmöglich gewesen, erzählen beide. Doch ihnen war klar: Hier mussten sie noch einmal helfen. Also wurden wenige Tage später 30 große Einkaufstüten mit Lebensmitteln gepackt und aus dem Kofferraum verteilt. Vor allem Frauen mit Kindern wollten sie helfen. Zum Teil seien die Menschen sehr verängstigt gewesen, berichtet Geis. Er habe einem Jugendlichen eine Tüte gegeben, der habe ihn umarmt und die Sachen gleich erwartungsvoll begutachtet. Da seien selbst ihm die Tränen gekommen.

Bernd Geis mit dem Einkauf.

Er weiß: Die Menschen im Lager auf Samos, vor allem aus Syrien und Afghanistan, erhalten das Nötigste zum Leben. Doch mehr auch nicht. Er wolle die "menschliche Seite" hervorheben, "dass jemand an sie denkt". Sie hätten den Flüchtlingen vielleicht ein bisschen Lebensfreude zurückgegeben. Im schlimmsten Fall müssen manche bis zu zwei Jahre auf Samos ausharren, bis sie nach Athen weiterreisen dürfen, weiß der Kelkheimer und hat für sich laut überlegt: Warum nicht für eine Familie bürgen und sie mit nach Deutschland nehmen?

Kelkheimer über Flüchtlingsheime auf Samos: "Da gehen keine Touristen hin"

Dies Idee sei wohl nur theoretischer Natur, weiß der Gastronom vom Alten Rathaus. Praktischer denkt er mit seiner Freundin über den nächsten Samos-Urlaub nach. Warum dort nicht wieder mit Nahrung helfen und dann den "Staffelstab" an andere Touristen weitergeben? Das könnte sich Hater-Lafdal gut vorstellen.

Wobei das in der Praxis nicht so leicht wird, denn in Samos-Stadt gebe es wegen der Flüchtlinge deutlich weniger Feriengäste, wissen beide. In das Camp "gehen keine Touristen hin", so Geis. Auch er habe nur am Eingang einen Blick auf die Baracken geworfen, die sich viele notdürftig aus Holzpaletten zusammenbasteln. "Die Einheimischen meiden das Thema", betont er. 

Flüchtlingscamp auf Samos: Kelkheimer wollen weiter helfen

Dabei lohne sich ein klein wenig Engagement, findet die Frau aus Franken. "Es war so ein schönes Gefühl, wenn man die Kinderaugen gesehen hat. Man kann schon was tun, wenn man will." Natürlich sei ihre Spontan-Hilfe ein "Tropfen auf den heißen Stein", doch das Paar würde sich Nachahmer schon wünschen. "Wir können nicht die Welt retten, aber einen Gedankenanstoß geben", ergänzt Geis, der einer Frau aus Eritrea im Alten Rathaus eine Beschäftigung als Reinigungskraft gegeben hat. Wer mit dem Duo ins Gespräch kommen möchte, kann Geis unter Telefon 0172 / 4095666 erreichen. Nicht aber in den nächsten Tagen, dann steht Urlaub auf der Insel Kos auf dem Programm. Auch dort gebe es Flüchtlinge, denken beide schon laut nach. 

Baracke an Baracke: das Camp in Samos-Stadt.

Groß gesichert war das Lager in Samos-Stadt nicht, sagt Bernd Geis. Reinspazieren wollte er nicht. Im Camp, wenige Kilometer von der türkischen Küste entfernt, harren knapp 5800 Asylsuchende aus, die mit Booten aus der Türkei übergesetzt sind. Es ist seit Jahren überfüllt, wurde nur für 650 Menschen errichtet. Samos-Stadt hat nur gut 6000 Einwohner. Vor wenigen Tagen kam es im Lager zu einem Großbrand, Teile wurden evakuiert. Zuvor soll es zu einer gewaltsamen Auseinandersetzung zwischen afghanischen und syrischen Asylsuchenden gekommen sein. 

Frankfurt errichtet in diesem Jahr zwei weitere Übergangsunterkünfte für Flüchtlinge. Eröffnung am Rebstockpark und dem Hausener Weg noch im Herbst geplant. Wohnraum in Kronberg ist knapp. Jetzt dürfte er noch knapper werden: Die Flüchtlingsunterkunft an der Altkönigschule muss bis September geräumt werden. 34 anerkannte Flüchtlinge könnten auf der Straße stehen.

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