Julian Wirth zwischen alten Akten, Büchern, Dokumenten-Kisten. Er ist neuer Archivar. Hier sortiert er die Unterlagen im Archiv im Bürgerhaus in Fischbach.
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Julian Wirth zwischen alten Akten, Büchern, Dokumenten-Kisten. Er ist neuer Archivar. Hier sortiert er die Unterlagen im Archiv im Bürgerhaus in Fischbach.

Verwaltung:

Kelkheim: Er bewahrt nun das "kulturelle Gedächtnis"

  • Frank Weiner
    vonFrank Weiner
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Julian Wirth hat Dietrich Kleipa als Stadtarchivar abgelöst und viele Ideen und Projekte.

Fischbach. "Ausser dem Kaktusständer No. 62, habe ich festgestellt, dass Möbel aus deutschen Hölzern wenig vertreten waren. Wo ist das Möbel für den minderbemittelten Volksgenossen?" Deutliche Worte eines Besuchers der Kelkheimer Möbelschau im Jahr 1938. Ein anderer Gast sagte in der Befragung ebenso klar: "Auf der Ausstellung sah man viele kitschige Schlafzimmerbilder, die mit Kunst nichts zu tun hatten." Und im Anschreiben zur Umfrage heißt es von der Gauleitung Anfang 1939: Der Fragebogen habe "eine ganze Anzahl wertvoller Anregungen gebracht, und vor allem gezeigt, dass die Hausfrau die Möbel wieder von einem anderen Standpunkt aus betrachten muss als der Handwerker".

Dieses Schreiben an den damaligen Kelkheimer Bürgermeister Graf hat der neue Stadtarchivar Julian Wirth jetzt im Archiv im Bürgerhaus Fischbach entdeckt. Es zeige die früheren Wertevorstellungen, wenn sich zum Beispiel um die Hausfrauen gesorgt werde, damit diese unter den Möbeln vernünftig putzen könnten. Und es lasse sich eine Verbindung zur heutigen Entwicklung gut herstellen, sagt Wirth. Entdeckungen wie diese findet der 32-Jährige sehr spannend. Sie machen einen wichtigen Teil seines Jobs aus, der zwei Säulen hat.

Er entscheidet, was ins Archiv wandert

Wirth ist zum einen der Nachfolger von Stadtarchivar Dietrich Kleipa und so Mitarbeiter im Haupt- und Rechtsamt. Er kümmert sich um das große Archiv in Fischbach, in dem Unterlagen bis ins 18. Jahrhundert liegen, um die Alt-Registratur im Feuerwehrhaus Kelkheim, wo ehemalige Bauakten, politische Sitzungsprotokolle oder Unterlagen zum Standesamt lagern. Und er entscheidet, was von dort dann ins Archiv wandert, etwa Beschlusss-Protokolle oder auch alles aus der NS-Zeit. Schließlich gibt es im Rathaus die aktuelle Registratur, auf die Kollegen zugreifen könnten. Wirth betreibt mit seinen Archiv-Recherchen, -Sortierungen und -Digitalisierungen auch wissenschaftliche Arbeit. Das führt zur zweiten Säule seiner Stelle bei der Stadt. Wirth ist noch Mitarbeiter des Kulturreferats, kümmert sich mit um Veranstaltungen, Führungen, Vorträge oder Beiträge. So plant er seinen ersten Text für das Jahrbuch des Main-Taunus-Kreises 2022, in dem er sich dem Archiv widmen will.

Dank dieser Kombination spricht Wirth von einem "Traumjob", fügt zufrieden an: "Das Arbeitsumfeld ist ausgezeichnet." So hat er sich zum Beispiel jetzt im Fischbacher Archiv einen kleinen Besucher- und Arbeitsraum einrichten können. Zudem hat er stets noch einen Ratgeber im Hintergrund. Denn Dietrich Kleipa hat nach mehr als 50 Jahren zwar Ende 2020 als Archivar offiziell aufgehört, er unterstützt Wirth aber weiterhin. Das sei eine "beeindruckende Lebensleistung", weiß der junge Nachfolger, dass er in diese großen Fußstapfen erst langsam reinwachsen muss.

Und doch hat er schon einige eigene Ideen. Vor allem möchte er das Archiv "mehr in die Mitte der Gesellschaft bringen". Soll heißen: Es nach Corona nach außen öffnen, ausbauen, "Bürgernähe" zeigen. Er würde zum Beispiel Dinge aus dem Archiv im Internet präsentieren, Schulklassen für diese Form der "Bildungsarbeit" sensibilisieren. In jedem Fall sieht Wirth hier viel Potenzial.

Seine Aufgabe ist es auch, die Stadtchronik fortzuschreiben. Da gibt es seit 2012 eine Lücke. Das kann er einbauen in die Zeitstufen-Führungen zur Stadtgeschichte, die er weiter anbieten möchte. In Wiesbaden geboren, habe er von Kelkheim nur die bekannten Dinge gewusst, die "Stadt der Möbel", den Rettershof und dass sie zu den Kurmainzern gehörten. In seiner Freizeit habe er sich die Historie dann weiter angeeignet, um fit für Führungen zu sein.

Das passt ins Bild, denn die Geschichte ist nicht nur Wirths Beruf, sondern auch eines seiner Hobbys. Vor allem die frühe Neuzeit zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert begeistere ihn, denn dort hätten sich noch heute wichtige Dinge entwickelt wie die Arbeitsteilung, der Frühkapitalismus oder der moderne Staat. Die meiste freie Zeit verbringe er dann aber doch nicht mit alten Büchern und Akten, sondern am liebsten mit der Freundin, sagt Wirth schmunzelnd.

Dass er sich so für Geschichte interessiert - es hat viel mit seinem Opa zu tun. Der wollte Lehrer für Latein und Geschichte werden, habe viel erzählt. Später kamen in der Schule gute Noten in dem Fach hinzu. So studierte Wirth in Mainz Geschichte und Politikwissenschaft. Ein Praktikum beim Dom- und Diözesanarchiv in Mainz begeisterte ihn für die Forschung, später war er halbtags bei der Stadt Wiesbaden in der Registratur und der allgemeinen Verwaltung beschäftigt.

Promotion zum Thema "Herrschaft" läuft

Das passte gut, denn zudem promoviert er noch. Sein Thema für die Doktorarbeit: "Durchsetzung von Herrschaft im ländlichen Raum" mit dem Schwerpunkt im Rheingau. Doch irgendwann sei er mit dem Halbtagsjob nicht mehr zufrieden gewesen - da kam die Anzeige der Stadt Kelkheim gerade recht. Seit März 2019 ist er "sehr gerne hier".

Und weiß: "Es sagt viel über eine Kommune aus, wie sie mit ihrem Archiv umgeht." Kelkheim sei ein positives Beispiel. Es sei "die Seele und das Mark" einer Stadt, das "kulturelle Gedächtnis". Den Bürgern müsse vor Augen geführt werden, "was das für ein Schatz ist", und es sei "wichtig, dass gut damit umgegangen wird". Der neue Hüter über alte Akten kann nun seinen Teil der Geschichte schreiben. Mal sehen, ob es über 50 Jahre werden wie bei Dietrich Kleipa . . .

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