Zwei Kleingarten-Neulinge beim Gießen: Susan Hallmann und ihr Partner Jörg Eckhart.
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Zwei Kleingarten-Neulinge beim Gießen: Susan Hallmann und ihr Partner Jörg Eckhart.

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Kelkheim: "Gärtnern hat meditativen Charakter"

  • Frank Weiner
    VonFrank Weiner
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Pandemie zieht "Krautgärten"-Pächter ins Grüne - Rieseninteresse von Neulingen - Warteliste geschlossen.

Münster. Georgios Karantaglis steht zwischen Apfel- und Kirschbaum, Himbeeren und Brombeeren, Sonnenblumen, Stauden, Mais und Tomaten. Er gerät in seinem Kleingarten ins Schwärmen: "Das ist unsere Oase hier. Das macht richtig Spaß, Gärtnern hat meditativen Charakter." Eigentlich habe seine Frau Svenja ja den "grünen Daumen", doch auch der 47 Jahre alte Münsterer hat längst Gefallen am Hobby gefunden. Da er Grieche ist, dürfen Kräuter aus der Heimat nicht fehlen. Zudem habe er zuletzt rund drei Kilo Oregano geerntet. Und natürlich sei der Garten gerade in den vergangenen 18 Corona-Monaten der ideale Rückzugsort aus der Wohnung gewesen, sagt Karantaglis.

So wie ihm ging es wohl allen Pächtern der 44 Parzellen im Kleingartenverein "Krautgärten". Während sich manche Familien in der Pandemie in den eigenen vier Wänden mal auf den Wecker gingen, haben die Nutzer der jeweils rund 300 Quadratmeter großen Grundstücke ihren Fluchtort unter freiem Himmel. In dieser Zeit sei "mehr Betrieb" hier gewesen, blickt Vorsitzender Sascha Apitz zurück. Mit gemischten Gefühlen: Einerseits seien die Gespräche über den Gartenzaun mit Abstand möglich und schön gewesen. "Die Leute haben es schon genutzt, um rauszukommen."

"Kleingärten nicht mehr so spießig"

Auf der anderen Seite aber war das Interesse an einem Kleingarten in der Pandemie derart groß, dass der kleine Münsterer Verein überrollt wurde. Im Frühjahr und Sommer 2020 habe er fast jeden Tag Anrufe und Mails von Bewerbern erhalten, berichtet Apitz. Sogar aus Eppstein und Königstein. Ihnen musste er sofort absagen, denn die Kelkheimer gehen vor. Selbst so hat sich die Warteliste auf jetzt 50 Interessenten vergrößert, dass der Verein einen Stopp beschlossen hat. "Die Leute haben ja auch eine Erwartungshaltung", möchte der Vorsitzende den Gartenfreunden mittelfristig gerecht werden. Zuletzt hatte die Wartezeit bis drei Jahre betragen.

Susan Hallmann und ihr Partner Jörg Eckhart hatten sich 2018 angemeldet und im Vereinsumfeld von zehn Jahren Wartezeit gehört, so die 50-Jährige. Sie waren bei einem Spaziergang an der Anlage vorbeigekommen und haben Interesse gezeigt. Denn sie haben eine Wohnung mit kleinem Balkon. Und mussten letztlich "nur" drei Jahre waren, bis die Mail von Apitz kam. Der Jubel sei groß gewesen, erinnert sich Hallmann. Im Herbst 2020, mitten in der Corona-Zeit, durfte das Paar loslegen und konnte "im Oktober noch viel machen", wie die Frau aus Münster zurückblickt.

"Jetzt kriegt man uns gar nicht mehr raus", sagt Eckhart, der nun sogar als Obmann im Vorstand des Vereins ist. Sie bauen vor allem Gemüse an - Tomaten, Rosenkohl, Brokkoli, Süßkartoffeln, Zwiebeln und Zucchini. Zwei kleine Gewächshäuser stehen hier, in einer Kräuterschnecke ziehen sie die sieben Zutaten der "grünen Soße". Das passt ins Bild: Immer sonntags ist in ihrem Bereich mit den Nachbarn der "Hessen-Tag" bei Apfelwein und Handkäs.

Auch Nachbar Apitz ist dabei. Er war vor acht Jahren mit seiner Frau Astrid und dem erst zwei Jahre alten Kind vorbeigekommen. Da seine Schwiegereltern einen Kleingarten haben, lag das Interesse nahe. Bereut habe er das "ganz und gar nicht", schwärmt der Vorsitzende, der aber betont: "Es braucht auch Ehrenamtliche, die sich engagieren." Stolz ist er auf die Verjüngung der Pächter, viele Familien seien darunter, gut zwei Dutzend Kinder und zehn Nationalitäten. Bei der Vergabe werden Familien schon gerne berücksichtigt.

"Das Gemeinsame steht im Vordergrund", hebt Apitz hervor. Es gebe Arbeitseinsätze für die verschiedenen Projekte (Text rechts), ein Sommerfest und den Jahresabschluss. Der "Austausch über den Gartenzaun" sei wichtig. Und das Interesse groß, weil die Nutzer wie der 44 Jahre alte Vorsitzende wissen: "Kleingärten sind nicht mehr so spießig, wie man sich das vorstellt." Gerade durch die Pandemie haben viele Leute die Liebe zur Natur entdeckt.

Wieder Spitzenplatz bei Landeswettbewerb?

Anett Preußer ist mit ihrer Familie schon gut vier Jahre dabei und ein Beleg für die jüngere Garten-Generation. Ihre Bewerbung mit einem lustigen Familienfoto kam damals gut an. "Man kommt raus, an die frische Luft", schwärmt die Mutter einer Tochter (10). Corona habe den Drang in den eigenen Garten verstärkt, sagt sie. Auch Karantaglis hat das Gärtnerin früher für "spießig, mit so vielen Regeln" gehalten. Längst ist er ein Fan. "Das wollen wir nicht mehr missen. Das ist wie Urlaub." Seine erste Amtshandlung vor zehn Jahren: Er habe in der Jogginghose die Blätter entfernt. Selbst die drei Kinder finden es noch gut, der 13-Jährige habe zuletzt eine mächtige Wurzel ausgebuddelt, die Älteren (17, 18) könnten sich hier mit Freunden mal treffen.

Bei dieser Motivation ist die Anlage gut in Schuss. Der Verein hat 2021 erneut am Landeswettbewerb "Stadtgrün trifft Ernteglück" teilgenommen und darf die Preisverleihung im November in Kelkheim ausrichten. Vielleicht ist wieder ein Spitzenplatz drin, nach dem dritten Rang 2017. Und vielleicht wäre das ein Argument mehr für eine Erweiterung. Mit dem Bürgermeister hat er gesprochen, sagt Apitz. Doch es sei schwer, viele Flächen drumherum gehören Privatleuten.

Viele Projekte laufen

In einer Anlage auf dem Gelände des Vereins "Krautgärten" hängt das Schild "Strebergarten". Darüber schmunzeln die Schrebergärtner immer, wenn sie dort vorbeikommen. Doch die Bezeichnung passt nicht nur auf einzelne Flächen, auch der Verein selbst ist ganz besonders fleißig. Wie der Vorsitzende Sascha Apitz beim Rundgang berichtet, laufen derzeit einige Projekte.

So arbeitet die Gruppe inzwischen mit Imker Peter Zilkowski vom Bad Sodener Verein zusammen, der seine Bienenkästen hinter dem Clubhaus aufgestellt hat. Er zeigt Mitgliedern gerne seine Arbeit, und ein Vereinshonig wird nach einer guten "Ernte" 2022 vielleicht ebenfalls drin sein.

Angebote vom Schaukeltern bis zur Beetpflege angedacht

Schon seit wenigen Jahren arbeiten die Helfer am Projekt eines Schul- und Lehrgartens. Die Fläche direkt außerhalb des Clubgeländes wurde von der Stadt gepachtet und inzwischen mit einem Holzzaun zum Teil abgegrenzt. Die Pandemie habe den Fortschritt hier verzögert, bedauert Apitz. Doch soll das Areal nach und nach weiter entbuscht, um eine Kräuterschnecke und Hochbeete ergänzt werden. Hier können dann Schulklassen und Kindergarten-Gruppen vorbeischauen, vielleicht ihre eigenen Flächen bewirtschaften.

Darüber hinaus hat der Verein inzwischen die Streuobstwiese direkt daneben noch gepachtet. Hier will er Baumschnittkurse in Zusammenarbeit mit dem Verein Main-Taunus Streuobst und vielleicht Apfelkeltern anbieten. Einige Bäume, die vom Borkenkäfer befallen waren, mussten entfernt werden. Neue Stämme wurden gesetzt. Eine Totholz-Hecke soll die Flächen vom Schul- und Lehrgarten abgrenzen. Hier können die Kleingärtner Baumschnitt sinnvoll verwerten, sagt Apitz.

Damit nicht genug: Auf dem Areal seien einige Gartenschläfer zu Hause. Der Verein wolle den possierlichen Tierchen auf keinen Fall auf den Pelz rücken, macht der Vorsitzende deutlich. Er habe sich mit dem Bund für Umwelt und Naturschutz in Verbindung gesetzt, um die Tiere zu dokumentieren. Außerdem könnten sogenannte Bilchkästen für sie mit den Kindern gebaut werden.

Eine ganze Projekt-Palette also beim Kleingartenverein "Krautgärten", der sich auch über die Nistanlage für Turmfalken hoch über dem Gelände freut. Dort wiederum gibt es schon ein paar Regeln: So soll etwa ein Drittel der Parzelle als Nutzgarten angelegt werden, dann sind Waldbäume und Nussbäume nicht zugelassen, weil sie zu groß werden. Und dem Trend zu großen Pools in Gärten tritt der Club entgegen, hier müssen solche Badestellen eine Nummer kleiner sein. wein

Gartenbank-Pause: Georgios Karantaglis mit seiner Frau Svenja.
Clubchef Sascha Apitz im Schul- und Lehrgarten.

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