Der gelbe "Koloss" am Bahnhof Münster. Rund 300 Meter lang ist die Reinigungsmaschine.
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Der gelbe "Koloss" am Bahnhof Münster. Rund 300 Meter lang ist die Reinigungsmaschine.

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Kelkheim: Das gelbe Kraftpaket frisst sich durch Schotter

  • Frank Weiner
    vonFrank Weiner
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Bahnstrecke in Münster hat jetzt neue Gleise. Landesbahn investiert 1,7 Millionen Euro für in 1,4 Kilometer.

Münster -Hartmut Wunderlich und Thomas Schenck von der Hessischen Landesbahn (HLB) legen sich am Freitagnachmittag fest: Um 4.31 Uhr soll am Montagmorgen nach zehn Tagen Sperrung der erste Zug wieder auf der Strecke der Regionalbahn 12 zwischen Königstein und Höchst fahren. "Der wird auch fahren", so die Fachleute von der HLB. "Der Starttermin ist immer heilig."

Wer sich am Freitag auf der Bahnstrecke zwischen den Übergängen Lorsbacher Straße und Paul-Ehrlich-Straße umschaut, der weiß, warum Wunderlich und Schenck so optimistisch sind: Denn dort wird tonnenschweres Material bewegt, die Gleise werden im Prinzip nicht nur ausgetauscht, sondern das Gleisbett wird einmal umgewälzt. Ein gelber Koloss von rund 300 Metern Länge ist dafür von der HLB gebucht worden - ihn länger als geplant im Dienst zu haben, das würde hohe Summen kosten. Denn das Unternehmen nimmt auch so viel Geld in die Hand, 1,7 Millionen Euro sind es laut Schenk für den etwa 1,4 Kilometer langen Abschnitt.

Brüchiger Schotter fällt durchs Raster

Im Bahnhof Münster schiebt sich das Kraftpaket auf Schienen gerade wieder Zentimeter für Zentimeter im Schneckentempo durch. Der Koloss macht einen Höllenlärm und zieht reihenweise Schaulustige an. In der Tat ist es beeindruckend, was die Reinigungsmaschine da leistet. Im Herzstück der Zuges wird der Schotter unter den bereits neu verlegten Schwellen und Schienen aufgenommen, dann über Siebe geführt. Hier wird brüchiges und zu feines Material aussortiert, erklärt Fachmann Schenck, der bei der HLB für die Leitung dieses Großprojektes zuständig ist. Der noch ordentliche Schotter wird zusammen mit neuem Material wieder unter die Gleise gefüllt. Zuvor schiebt die Maschine erstmals noch ein Vlies darunter, damit Steine und Erdreich etwas voneinander getrennt wird.

Gut zehn Mitarbeiter sind trotz aller Technik doch nötig, um diese Prozess in Gang zu halten. Einige Kollegen in Orange laufen im engen Korridor zwischen Bahnsteig und Reinigungsmaschine, um nach dem Vlies zu schauen. Eine Kraft überwacht das Einfüllen des Schotters, andere schauen, dass Beobachter nicht zu nahe kommen. Die Staubentwicklung ist riesig, zwei Kollegen pusten sich den Dreck in einer Pause mit einem Luftschlauch ab.

Ein ausgeklügeltes System an Förderbändern sorgt dafür, dass der alte, nicht mehr brauchbare Schotter nach vorne auf Waggons transportiert wird. Von dort holt sie eine mächtige Lok ab, bringt sie zu einer freien Fläche in Liederbach. Dort kann die HLB dank der Genehmigung der Gemeinde das Material auf Lastwagen umladen und abfahren.

Damit die Lok passieren kann, müssen die beiden Bagger in der Nähe des Bahnübergangs Paul-Ehrlich-Straße die Gleise verlassen. Sie sorgen dafür, dass die alten Schienen eingesammelt werden. Mit einem lauten "Rums" landeten die in den bereitgestellten Containern. Die alten Schwellen sind an der Brücke über der Dieselstraße zwischengelagert. Der erste Blick verrät schon, warum die ziemlich ramponierten Teile ausgetauscht wurden.

Das hat bereits an Christi Himmelfahrt ein Umbauzug fast komplett mechanisch erledigt. Wenn der gelbe Koloss dann durch ist, folgt noch die Stopfmaschine, die den gereinigten Schotter-Untergrund verfestigt. Auch nachts wird gearbeitet, dafür stehen große Scheinwerfer mit Generatoren an der Strecke bereit.

Die Gleiserneuerung bei Münster reiht sich ein in die lange Liste der Sanierung auf der 16 Kilometer langen Strecke von Königstein nach Höchst. Etwa 70 Prozent seien erneuert, sagt der Königsteiner Standortleiter Wunderlich. Nun kommen also etwa weitere 10 Prozent hinzu. Allerdings laufen die Arbeiten "Anlassbezogen", wie Kollege Schenck ergänzt. Also dort, wo die Gleise nach mehr als 30 Jahren einen Austausch besonders nötig haben. Die Ortsdurchfahrt Liederbach war vor wenigen Jahren dran, zwischen Hornau und Schneidhain wurde 2019 saniert. Der Stadtteil soll von der Blumenstraße in Richtung Königstein auch 2021 wieder an der Reihe sein, so Schenck. "Wir schauen uns jährlich einmal die fraglichen Stellen an." In Königstein im Höhe des Schwimmbades seien die Schienen aber noch sehr neu, hier folge der Umbau zum Schluss.

Zuvor Schadstellen ausgebessert

Bereits am Wochenende vorher war die HLB auf der Strecke im Einsatz. Im Bahnhof Münster wurde die Tiefenentwässerung verbessert, damit sich keine Feuchtstellen bilden. Im Bereich des Bahnhofs Liederbach sei bei einer "schlechten Gleislage" der Untergrund stabilisiert worden. Zudem wurden auf dem Gleis 13 in Höchst einzelne Schwellen ausgetauscht.

Info: Die Hessische Landesbahn sieht einen reibungslosen Ablauf der knapp zehn Tage Baustelle. Auch mit dem Schienenersatzverkehr, den die HLB stets von ihrem Tochterunternehmen Hessenbus bucht, sei alles glatt gelaufen, betont der Königsteiner Standortleiter Hartmut Wunderlich. Das sei eine "erprobte Präzision". Das lange Wochenende nach Christi Himmelfahrt sei prädestiniert für solche Arbeiten. Letztlich sei es "die wirtschaftlichste Lösung" und die beste für die Fahrgäste mit der kürzesten Vollsperrung, betont Wunderlich. Froh ist er auch, dass die Corona-Krise dieses Bauprojekt nicht beeinflusst hat. Da atmet er schon wegen der Abhängigkeit zu anderen Großprojekten der Bahn auf.Frank weiner

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