Nach dem Unfall mit Todesfolge im damaligen Baustellenbereich auf der B 8 beraten sich die Einsatzkräfte.
+
Nach dem Unfall mit Todesfolge im damaligen Baustellenbereich auf der B 8 beraten sich die Einsatzkräfte.

Aus dem Amtsgericht

Emotionaler Prozess nach tödlichem Unfall nahe Frankfurt – „Sie werden immer darunter leiden“

  • Frank Weiner
    VonFrank Weiner
    schließen

2019 stirbt ein Ingenieur bei einem Unfall auf der B8 nahe Kelkheim bei Frankfurt. In einem emotionalen Prozess wurde jetzt der Verursacher verurteilt.

Kelkheim/Höchst – Der Angeklagte hat das letzte Wort. Und das möchte der 38 Jahre alte Königsteiner gestern vor dem Amtsgericht nutzen. Unter Tränen erhebt er sich von seinem Platz, nachdem er zuvor fast drei Stunden meist auf den Boden gestarrt hat. „Ich möchte mich entschuldigen“, sagt er. „Das hätte nicht passieren dürfen, das tut mir leid.“ Ihm gegenüber sitzt ein älterer Herr. Er hat am 16. Juni 2019 seinen einzigen Sohn bei einem Unfall verloren, den der Angeklagte verursacht hat. Nach dem Prozess sucht der Königsteiner noch einmal kurz den Kontakt zum Vater des Opfers.

Unfall mit Todesfolge bei Kelkheim nahe Frankfurt: Reine Geldstrafe für Richterin zu wenig

Mit einer sehr empfindlichen Geldstrafe, wie von der Staatsanwältin gefordert, kommt er aber nicht davon. Richterin Dehnert sieht diese Sache nicht mit einer Zahlung aufgearbeitet. Sie verkündet eine Freiheitsstrafe von acht Monaten – auf zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Ohne große Regung nimmt das der Angeklagte hin. Zudem muss er an einen sozialen Zweck zahlen.

Was war an diesem sonnigen Tag im Juni vor zwei Jahren bei Kelkheim passiert? Das arbeitet das Gericht mit drei Zeuginnen auf. Und das löst immer wieder viele Tränen beim Angeklagten, beim Vater des Toten sowie im Besucherraum aus. Der Vorfall, der sich auf der Bundesstraße 8 zwischen Hornau und Liederbach ereignete, war tragisch. Ein 46 Jahre alter Vermessungsingenieur aus Löhnberg war von einem Kleintransporter erfasst und schwer verletzt worden. Im Klinikum Höchst ist er am Abend gestorben. Eine Krankenschwester aus Kelkheim hatte den Arbeiter reanimiert. Auch sie sitzt im Zeugenstand.

Baustelle zu spät gesehen – Angeklagter raste mit „mindestens 99,7 km/h“ auf sein Opfer zu

Er solle an diesem Tag „fahrlässig den Tod eines Menschen“ verursacht haben, verliest die Staatsanwältin aus der Anklageschrift und schildert, was sich zugetragen hatte. Der Angeklagte sei mit „mindestens 99,7 km/h“ auf der linken Spur der B 8 in Fahrtrichtung Frankfurt unterwegs gewesen, als wegen einer Baustelle – Risse in der Fahrbahn wurden saniert – das Tempo auf 80 gedrosselt werden musste. Die linke Spur wurde gesperrt. Der Angeklagte habe das zu spät bemerkt, sei mit „heftigen Lenkbewegungen“ nach rechts gefahren und von der Spur abgekommen.

Tragischerweise war dort am Grünstreifen der 46 Jahre alte Baufachmann mit Vermessungsarbeiten beschäftigt gewesen. Laut Anklageschrift wurde er frontal vom Transporter erfasst und 30 Meter weit geschleudert.

„Ich räume die Vorwürfe der Anklage ein“, verliest der Anwalt direkt im Anschluss das Geständnis. Er habe zwei Feinkostgeschäfte in Königstein und Bornheim und sei unterwegs gewesen zum zweiten Laden in Frankfurt. Seit dem Vorfall sei er nun in ärztlicher Behandlung, habe sein Geschäft in Königstein schließen müssen. „Das, was ich vorhatte, ist alles anders geworden“, sagt der Vater eines Sohnes mit zittriger, zaghafter Stimme und wendet sich ein erstes Mal an die Nebenklage: „Das tut mir sehr leid für die Familie. Wenn ich etwas anders hätte machen können, hätte ich es gemacht.“

Emotionale Verhandlung vor dem Amtsgericht: Angeklagter nach Unfall „gebrochener Mann“

Sein Anwalt räumt ein, der Angeklagte habe es vorher in den zwei Jahren nicht geschafft, den Kontakt zur Familie des Opfers zu suchen. Was bei Richterin und Staatsanwaltschaft nicht gut ankommt. „Er ist nicht in der Lage, sich der Sache so zu stellen, wie er es sich wünschen würde.“ Immerhin hat es einen finanziellen Abfindungsvergleich mit etwas Verzögerung gegeben. „Er kam mehr oder weniger als gebrochener Mann zu mir“, berichtet sein Anwalt.

Die drei Zeuginnen bestätigen den Sachverhalt weitgehend. Der Unfallverursacher sei mit hoher Geschwindigkeit an ihnen vorbeigerauscht. „Er war schon ein gutes Stück schneller, hatte es sehr, sehr eilig“, so die Kelkheimerin, die Erste Hilfe leistete. Zuvor habe sie gedacht, eine gelbe Warnweste sei durch die Luft geflogen – es handelte sich dabei aber um den Ingenieur. Aber sie sagt auch, der Angeklagte sei „absolut betroffen gewesen“.

An einer Zeugin aus Hanau sei der Königsteiner kurz vor der Baustelle nach dem Überholen noch eingeschert, wie sie berichtet. „Der ist mit Karacho auf den einzelnen Bauarbeiter zu. Das Opfer hat ihn nicht gesehen, das war Wahnsinn.“ Sie habe unter Schock gestanden und auch aus anderen gesundheitlichen Gründen nicht helfen können.

Gutachten zu tödlichem Verkehrsunfall bei Kelkheim nahe Frankfurt: Zu schnell gefahren

Deutlich wird aus den Gutachten, dass die Baustelle mehrfach und rechtzeitig angekündigt worden sei, so die Richterin. Nicht klären lässt sich aber, ob der Angeklagte, der noch einen Beifahrer im Wagen hatte, kurz vorher telefoniert habe oder durch den Griff zu einer Wasserflasche abgelenkt worden sei. Auch sprach er von einem weiteren Fahrzeug vor ihm, das ihn zu einer Bremsung veranlasst haben soll. Was aber die Zeugen nicht bestätigen. Aus dem Gutachten des Unfallsachverständigen geht hervor, dass der Angeklagte mindestens jene 99,7 Kilometer pro Stunde gefahren sein muss, möglicherweise – aber nicht nachweisbar – deutlich mehr. Das wurde per Simulation ermittelt. Für den Arbeiter sei es nicht vermeidbar gewesen, für den Fahrer aber schon, „wenn er die 80 eingehalten hätte“, verliest Richterin Dehnert den entscheidenden Satz aus dem Gutachten. „Dann wäre das Fahrzeug nicht von der Fahrbahn abgekommen.“

Prozess nach Unfall bei Kelkheim nahe Frankfurt: "Sie werden immer darunter leiden"

So ist für die Staatsanwältin der Fall einer fahrlässigen Tötung klar. Die überhöhte Geschwindigkeit sei ursächlich für die Kollision und den Tod des Mannes. „Das war vorhersehbar und vermeidbar“, sagt sie im Plädoyer. Positiv rechnet sie dem Königsteiner das Geständnis und die Entschuldigung im Gerichtssaal an, fordert die Geldstrafe zu 180 Tagessätzen à 70 Euro. Und betont: „Der Tote kommt nicht zurück, der Angeklagte muss damit immer leben.“

Die Nebenklage sieht eine Freiheitsstrafe als notwendig an, Reue habe der Mann erst im Saal gezeigt. Zudem fordert sie einen Führerscheinentzug. Die Höhe der Freiheitsstrafe auf Bewährung legen die Anwälte der Eltern des Opfers in die Hände des Gerichts, während der Verteidiger mit der Geldstrafe für seinen Mandaten gut hätte leben können.

Richterin Dehnert verhängt die acht Monate auf Bewährung. Der Arbeiter habe „keine Chance gehabt“, betont sie. Es habe sich um eine „Unaufmerksamkeit in einem hohen Grad“ gehandelt. „Es war vermeidbar für Sie in einer Sache, wo es nur Verlierer gibt“, redete sie dem Angeklagten ins Gewissen, fügt an: „Welche Strafe ich Ihnen auch gebe, Sie werden immer darunter leiden.“ (Frank Weiner)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare