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Kelkheimer Zeitung wackelt. Foto: wein

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Kelkheim: Die "Kelkheimer Zeitung" steht auf der Kippe

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Das "gelbe" Blatt hat seine Produktion vorerst eingestellt - Umsatzrückgang und eigene Konkurrenz

Kelkheim -Peter Hillebrecht hat Anfang des Jahres seinen 90. Geburtstag gefeiert. Bekannt ist er fast in der ganzen Möbelstadt. Ist er doch als "rasender Reporter" das Gesicht der "Kelkheimer Zeitung". Die "Gelbe Zeitung", wie das Blatt wegen der leuchtenden Farbe auf dem Titel auch genannt wird, beschert dem treuen Mitarbeiter aber nun nachträglich kein schönes Geburtstagsgeschenk. Denn der wöchentlich erscheinende Titel wackelt kräftig. Vor knapp drei Wochen wurde die Produktion sogar eingestellt.

",Kelkheimer Zeitung' in ,Corona-Zeiten'": So hat der Hochtaunus Verlag (siehe Text rechts), unter dessen Dach die Ausgaben erscheinen, jetzt eine Anzeige in seinem öffentlichen Kelkheimer Amtsblatt überschrieben. Darin heißt es deutlich: "Aus aktuellen Gründen musste die ,Kelkheimer Zeitung' vorübergehend eingestellt werden." Die Umstände ließen - "wie auch in anderen Firmen - keine andere Entscheidung zu". Und der Betrieb blickt ganz vorsichtig optimistisch voraus: "Nach wie vor besteht jedoch die Hoffnung, dass die ,Kelkheimer Zeitung' in einiger Zeit nach dem Ende der Krise, vielleicht auch in abgewandelter Form, zu den Kelkheimern zurück kommt."

"Kelkheimer Bote" bereits eingestellt

Ein endgültiges Aus für die "Gelbe" wäre ein Schlag ins Kontor für Kelkheims Medienlandschaft. Der Hochtaunus Verlag hatte bereits im vergangenen September den Eschborner Lukas-Verlag übernommen - und damit Titel wie "Eschborner Nachrichten", "Schwalbacher Nachrichten" und "Bad Sodener Echo". Auch der "Kelkheimer Bote" fiel darunter. Dieses wenig beachtete Blatt wurde daraufhin vom Unternehmen eingestellt. Aus dem Haus blieben ja noch die "Kelkheimer Zeitung" und das Amtsblatt als Ergänzungen zu den renommierten Presse-Titeln wie Höchster Kreisblatt, Frankfurter Rundschau und Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Die Konkurrenz im eigenen Haus mit Zeitung und Amtsblatt waren für Geschäftsführer Alexander Bommersheim auch ein Grund dafür, den "gelben" Titel erst einmal einzustellen. Das berichtet er offen im Gespräch mit dieser Zeitung. Als Hauptgrund nennt er aber die Rückgänge bei den Anzeigenerlösen während der Coronakrise. Die Geschäfte hatten zu, allen voran die Kelkheimer Möbelhäuser, die Gaststätten sind noch geschlossen. "Die Kunden sind sehr zurückhaltend, haben viel Geld verloren. Das war schon massiv", betont Bommersheim. Den Umsatzrückgang kann er noch nicht genau beziffern, er sei aber vor allem "der Krise geschuldet". Bommersheim blickt mit gemischten Gefühlen voraus: "Wir müssen die nächsten vier Wochen abwarten, wie es weitergeht." Die anderen Titel im Haus seien aber nicht betroffen.

Peter Hillebrecht kann nun ebenfalls nur warten. Das Aus für sein "Kind", das "würde mir furchtbar wehtun, wenn die Zeitung nicht wieder eröffnet werden würde", sagt er. Kein Wunder: Seit 1976 ist Hillebrecht dabei, steht im Ort für die "Kelkheimer Zeitung". Wie er berichtet, sei sie kurz zuvor aus speziellem Grund gestartet. Bürgermeister Winfried Stephan habe sich geweigert, Texte wie Leserbriefe oder auch Vereinsbeiträge zu Kelkheimer Themen in das von der Stadt finanzierte Amtsblatt aufzunehmen. "Das Volk war empört", weiß Hillebrecht noch.

Adolf Guba, Chef der Druckerei Blei & Guba, machte mit einem Partner schnell Nägel mit Köpfen und brachte die erste "Kelkheimer Zeitung" heraus. Hillebrecht, der sich als Bildreakteur für die Nachrichtenagentur AP schon in aller Welt einen Namen gemacht hatte, war bald mit an Bord. Der Kelkheimer arbeitete in zwei Jobs. Seit dem Ruhestand ist er mit Leidenschaft für die "gelbe Zeitung" unterwegs - selbst mit 90 besucht er zig Wochenend-Termine oder Pressekonferenzen, die Stadtverordnetenversammlung und viele Presseaktionen mehr.

Lebenswerk von Peter Hillebrecht

Vor allem die vielen Fotos sind ein Markenzeichen von Hillebrecht, was auch Albrecht Kündiger sehr schätzt. "Das wäre ein Drama, wenn die Kelkheimer Zeitung nicht mehr existieren würde. Sie ist ein wichtiger Bestandteil in unserem Stadtleben. Gerade für die älteren Menschen, die nicht so mit dem Internet vertraut sind", stellt der Bürgermeister klar. Für Kündiger wäre ein Abschied "fast eine Katastrophe". Die Stadt sei "für jedes Gespräch offen, dass sich der Verlag doch noch anders entscheidet".

Geschäftsführer Bommersheim, der die "Kelkheimer Zeitung" Ende 2002 in den Hochtaunus-Verlag übernommen hat, weiß die vielen Reaktionen zu schätzen. Auch der Landrat hat Hillebrecht geschrieben. "So etwas hatten wir noch nicht. Dass alle Kunden auf einmal betroffen sind, ist noch nie dagewesen", sagt der Chef mit Blick auf 25 Jahre Erfahrung in der Branche. Es werde "sich ergeben", ob und wie genau es weitergeht. Bommersheim will jedenfalls die nächsten Wochen noch einmal abwarten. Wohl wissend, dass die "Gelbe" dann bei vielen Kelkheimern auch in Vergessenheit geraten kann . . . Frank Weiner

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