Tim Kerber, links, übergibt die Masken nach einer Qualitätskontrolle seinem Bruder Dennis, der dann jeweils 50 Masken verpackt. Vater Guido und Großvater Werner überwachen die Produktion.
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Tim Kerber, links, übergibt die Masken nach einer Qualitätskontrolle seinem Bruder Dennis, der dann jeweils 50 Masken verpackt. Vater Guido und Großvater Werner überwachen die Produktion.

Wirtschaft:

Kelkheim: Von Ledermaschinen zur Schutzmasken-Produktion

Stillgelegte Kelkheimer Traditionsfirma Kerber & Lampe für Corona-Hilfe wiederbelebt.

Münster. Es pfeift, zischt und rattert auch mal. Acht Stunden am Tag. An der Benzstraße stehen die Zeichen auf Blau. Blau ist das Außenvlies der 17,5 mal 9,5 Zentimeter großen "kela" Mund- und Nasenmaske. Das blaue Obervlies wickelt sich bedächtig in immer gleicher Geschwindigkeit gemeinsam mit zwei Untervliesen und einem dünnen, plastikbeschichteten Draht von vier überdimensionierten Spulen ab. Die ganze Technik gehört zur Fertigungsanlage der Familie Kerber. Werner Kerber und sein Sohn Guido haben im Juni ihre Mund-Nasen-Schutz-Produktion in Betrieb genommen. Seither stellen sie sogenannte Community-Masken made in Germany her.

Die drei Vlieslagen samt Nasendraht laufen als langer, nicht enden wollender Teppich an drei Falzmessern vorbei, die drei Falten auf dem noch nicht zugeschnittenen Vlies hinterlassen. Auf dem Förderband geht es weiter in Richtung Ultraschweißgerät. "Die Geräusche kommen vom Ultraschall. Das sind ungefähr 20 Megahertz", erklärt Guido Kerber. Er und sein Vater sind die Geschäftsführer der Münsterer Kerber & Lampe GmbH.

Die Firma gibt es eigentlich schon seit Jahrzehnten. "Der Name ,kela' ist noch aus den Sechzigern", weiß Werner Kerber. 1965 produzierte er jedoch noch keine Masken, sondern Maschinen für die Lederindustrie. Der Niedergang des deutschen Gerbereiwesens bedeutete die Schließung der Produktion des väterlichen Betriebs. Als Besitzgesellschaft blieb Kerber & Lampe jedoch immer bestehen. Im April haben die Kelkheimer daher den Firmenzweck ändern können. Seither produziert Kerber & Lampe medizinische und nicht-medizinische Produkte.

Enkel übernehmen Kontrolle, Verpackung

Ein zweiter Ultraschallschweißvorgang setzt die Ohrenbänder an die mittlerweile zugeschnittenen Vlies-Rechtecke. Die Schnüre dazu winden sich von der Decke in Richtung Produktionsstelle. "Damit nichts verknotet", informiert Guido Kerber. In einem letzten Schritt erfolgen Qualitätskontrolle und Verpackung. Diese beiden Aufgaben übernehmen Tim und Dennis, die Söhne Guido Kerbers und somit die dritte Generation der Unternehmerfamilie.

Sämtliche Vliesmaterialien kommen mit Oeko-Tex-Qualität aus Deutschland, und trotzdem kann die Firma mit den Preisen aus China sehr gut mithalten. "Wir sind besser und günstiger und haben schon viel Lob erhalten", berichtet Kerber stolz. Zu Beginn der Krise entwickelten sie gemeinsam die Idee, ins Maskenbusiness einzusteigen. Dabei kam Guido Kerbers zweites unternehmerisches Standbein, die Firma MZE Maschinenbau, zupass. Kerber vertreibt mit MZE Schneidmaschinen und Peripherieanlagen im In- und Ausland und hat Kontakte in aller Welt. "Wir haben dann über unsere Lieferanten in China die Maskenmaschine bestellt. Dort einfach nur Masken in großer Stückzahl einzukaufen, um sie hier weiterzuverkaufen, entsprach nicht unserer Geschäftsidee", so Guido Kerber.

Auch MZE-Großkunden kaufen die Masken. "Wir erwähnen den Mund-Nasen-Schutz bei Verkaufs- und Wartungsgesprächen und erhalten immer wieder Anfragen", erklärt Michael Lunkenheimer, Vertriebsdirektor bei MZE. Die rund zehn Meter lange und gut vier Meter breite Fertigungsstraße steht in einem Nebenraum der Firma MZE, so dass fachliche und organisatorische Synergien einfacher realisiert werden können.

Die "kela" Mund-Nasen-Masken made in Germany sollen das Sprungbrett zur weiteren Marktdiversifizierung des Unternehmens Kerber & Lampe sein. "Zurzeit stellen wir Community-Masken, also die üblichen Einweg-Masken, her. Sie halten beim Sprechen die Aerosole zurück und schützen den Gesprächspartner", erläutert Guido Kerber. Kurzfristig wolle der Betrieb auch medizinische Masken, OP-Masken genannt, herstellen.

Bis zu 7000 Exemplare täglich produziert

Die beiden Söhne von Guido Kerber ziehen mit. Tim ist beruflich ins "kela"-Maskengeschäft eingestiegen. Sein jüngerer Bruder Dennis geht noch zur Schule. Die Sommerferien nutzt er aber nicht zum Chillen, sondern betreut den Verpackungsprozess. Dem Lärm des Schweißgeräts trotzen die Brüder gut gelaunt mit lauter Musik. Die Arbeit motiviere. Auch wenn Tim zwinkernd zugibt: "Manchmal begleiten mich die Masken im Traum."

Derzeit produzieren sie zwischen 5000 und 7000 Masken täglich. Die Produktion könnte problemlos erhöht werden. "Unsere Personalkapazitäten erlauben den Schichtbetrieb", so Guido Kerber. Zu den Kunden zählen Privatleute, Autohäuser, Apotheken, Rechtsanwälte oder Sanitätshäuser in Kelkheim, Hofheim und Umgebung. Überregionale Bestellungen und Anfragen aus den europäischen Nachbarländern kommen hinzu. Über den Online-Shop kann jeder direkt bestellen. Derzeit liegt der Lagerbestand bei rund 50 000 Masken.

Medizinische Masken der nächste Schritt

Die Exemplare werden auf Wunsch mit Schriftzügen oder Firmenlogos gestaltet. Ein hauseigenes Designerteam macht das möglich. Dass sich die Anschaffung der Maskenfertigungsanlage auf lange Sicht auch nach Corona noch rechnen wird, davon sind die Unternehmer überzeugt. "Wir gehen davon aus, dass die Menschen nach der Pandemie sensibilisiert sind", glaubt Guido Kerber. Schon in naher Zukunft möchte die Firma mit der Produktion der medizinischen OP-Masken für Krankenhäuser und Arztpraxen weitere Kundengruppen generieren. "Die Bundesregierung schätzt, dass 1,75 Milliarden medizinische Masken jährlich gebraucht werden. Wenn davon nur ein kleiner Anteil aus unserer Kelkheimer Anlage kommt, ist das ein großer Erfolg", so das Fazit Guido Kerbers.

Kontakt und Bestellung

Die Adresse des Kelkheimer "kela"-Online-Shops lautet: www.kela-schutzmasken.de

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